Pizza und Co.: Bei Stress, Frust und Langeweile trösten sich viele mit hochkalorischen Köstlichkeiten.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
04/29/2020

Besser essen in Corona-Zeiten: So bändigen Sie den stressbedingten Hunger

Wenig Abwechslung, Langeweile, ein voller Kühlschrank: Bei der Heimarbeit laufen die Essgewohnheiten schnell aus dem Ruder.

von Marlene Patsalidis

An den Apfelstrudel ihrer Großmutter denkt Cornelia Fiechtl momentan besonders oft. "Wie es in meiner Kindheit in Omas Küche geduftet hat" könne sie noch heute förmlich riechen, erzählt die Wiener Ernährungspsychologin. Das aus selbst gezogenem Teig, Zimt, Bröseln und "ganz viel Apfel" zubereitete Backwerk verbindet die 32-Jährige mit dem "Gefühl von Geborgenheit". Eine durch und durch wohlige Emotion, nach der Menschen gerade in unsicheren Zeiten lechzen. "Wenn ich Apfelstrudel esse, erlebe ich die angenehmen Geschmackserinnerungen, die ich damit abgespeichert habe."

Futtern für die Seele

Während die Corona-Krise bei so manch einem die Sehnsucht nach kulinarischen Seelenstreichlern aufkommen lässt, bringt sie bei anderen das Essverhalten aus der Balance. Der Ausnahmezustand ist fordernd. Damit sind einhergehende Gemütszustände wie Unruhe, Angst, Frust oder Langeweile mächtige Trigger für emotionales Essen, weiß Fiechtl, die das Thema Ernährung auch auf ihrem Blog Achtsam Essen bespricht.

Der Appetit auf fettige, salzige und zuckerreiche Nahrungsmittel sei fast unbändig, "denn sie stimulieren das Belohnungszentrum in unserem Gehirn und damit die Ausschüttung von Glückshormonen". Der Effekt aufs Wohlbefinden ist nicht von Dauer. Langfristig macht Frustessen alles andere als glücklich. Im Teufelskreis der unbehaglichen Gefühle sind Gewichtsprobleme nicht weit.

Die Homeoffice-Situation trägt derzeit ihr Übriges dazu bei. Die eigene Küche ist ums Eck, Essen permanent verfügbar. Das steigert Anreiz und Appetit. Bei der Heimarbeit fehlt auch der auflockernde Small Talk mit Kollegen: Die Jobroutine wird unter Umständen eintöniger und einsamer, Pausen seltener. "Durch die mangelnde Struktur ergeben sich Lücken im Alltag. Und wir benutzen das Essen, um einen neuen Tagesaufbau darum herum zu schaffen". So avanciert die Nahrungsaufnahme zum "Highlight des Tages, weil es sonst wenig Ablenkung gibt".

Mit Maß und Ziel

Doch wie gelingt gesunde Ernährung in Zeiten des Rückzugs? "Ich würde zuallererst raten, den Tag so zu starten, als würde man zur Arbeit gehen", sagt Fiechtl. Heißt: duschen, anziehen und Morgenrituale pflegen. "Morgens hastig zu frühstücken und erst abends wieder etwas zu sich zu nehmen, ist nicht zielführend: Das fördert den Heißhunger." Auch beim Kochen gelte es, nach Plan vorzugehen: "Am besten man überlegt sich, an welchen neuen, regionalen, saisonalen Rezepte man sich im Laufe der Woche versuchen will. Wer sich liebevolle Einkaufslisten schreibt, kann den Supermarktbesuch – trotz Maskenpflicht – lustvoller gestalten."

In etlichen Haushalten wurde der Esstisch in den vergangenen Wochen zum Büro umfunktioniert. Eine tückische Sache, betont Fiechtl, denn der Schreibtisch dürfe nicht zum Essensmittelpunkt werden. "Mahlzeiten neben dem PC zu verschlingen ist kontraproduktiv. Man schaufelt automatisch größere Mengen in sich hinein, nimmt nicht wahr, wie viel man isst und wie die Speisen schmecken – das Sättigungsgefühl tritt langsamer ein."

Ähnlich problematisch sei das Essen aus Langeweile: "Man sollte jetzt mehr denn je darauf achten, dass bewusst gegessen wird. Wer den Feierabend und die Wochenenden trotz Einschränkungen gut plant, verhindert, dass sich negative Gefühle fortsetzen und übermäßiges Essen in der Freizeit fördern."

Neue Selbstversorger

Das Thema Essen ist Pandemie-bedingt auf vielfältige Weise im öffentlichen Diskurs präsent. Zu Beginn des landesweiten Lockdowns waren Nudeln und Tomatensauce ebenso wie Konserven ausverkauft. Ähnlich verhielt es sich mit Germ. Wie lässt sich das aus psychologischer Sicht erklären? "Spaghetti mit Tomatensauce ist das schnelle Essen schlechthin, Dosen sind klassische Notfallrationen, mit denen man sich eindeckt, wenn Bedrohung naht. Germ und Mehl zum Brotbacken sind eine interessante Sache, da scheint die Selbstversorger-Idee in den Menschen zu keimen."

Stichwort Brotbacken: Dass viele jetzt mehr Zeit zum kulinarischen Kredenzen haben, sei ein positiver Aspekt der Krise. "Sich zu überlegen, was sich aus frischen Lebensmitteln kochen lässt, vertreibt Langeweile, tut der Gesundheit gut und bietet die Möglichkeit, Bezug zu Nahrungsmitteln aufzubauen."

Essenskunde

Nicht alle erleben derzeit einen entschleunigten Alltag: "Gerade in Familien, wo es Betreuungspflichten für kleine Kinder gibt, läuft der Alltag gehetzt ab. Kochen mutiert zum Stressfaktor." Es lohnt sich, aus der Küchenarbeit spielerische Beschäftigung zu machen: "Kinder ab etwa drei Jahren können schon tatkräftig mithelfen: Gemüse mitschneiden mit einem stumpfen Messer, Teig auswalken oder Paprika mit Keksausstechern bearbeiten. Bei dieser Gelegenheit kann man den Kleinen auch erklären, was man aus welchen Lebensmitteln machen kann. Das legt den Grundstein für gesundes Essverhalten."

Ob mit oder ohne Nachwuchs: Wer vollwertige, gesunde Mahlzeiten mit viel Gemüse zaubert, ist gut beraten, Karotten, Gurken, Paprika und Co. auf Vorrat zu schnippeln: "Wenn es fertig zur Verarbeitung abgepackt im Kühlschrank liegt, greift man eher dazu – auch zum Snacken beispielsweise."

Apropos Snacks: Kleinigkeiten für zwischendurch oder ein Stück Schokolade zur Belohnung sind keineswegs verboten, sollten aber genüsslich konsumiert werden: "Lassen Sie sich das Stück Schoko auf der Zunge zergehen. Auch das befriedigt emotional."