Geistiger Abstand zu Stressoren fördert die Entspannung.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
10/01/2020

Erholungsforscher: "Wir brauchen täglich eine Dosis Freizeit"

Körper und Geist aufatmen zu lassen, war noch nie so schwierig. Wie man in fordernden Zeiten Ruhe findet.

von Marlene Patsalidis

Die Seele baumeln lassen, die Füße hochlegen, den Kopf freibekommen, neuen Atem schöpfen: Kaum eine andere Tätigkeit wird derart mannigfaltig im Körper verortet wie die Erholung. Das Sammelsurium an Redensarten versinnbildlicht, wie bedeutend regenerative Prozesse für das menschliche Wohlbefinden sind.

Wieso vor allem die Kraft der Gedanken laut moderner Forschung beim Abschalten hilft, warum alltägliche Atempausen psychisch gesund halten und wann sich die Welt von der Corona-Pandemie erholt haben wird, erklärt Psychologe und Erholungsforscher Gerhard Blasche.

KURIER: Ihr neues Buch heißt "Erholung 4.0". Bekommt das menschliche Erholungsgefühl regelmäßig Updates?

Gerhard Blasche: 4.0 bezieht sich auf das digitale Zeitalter und auf die Veränderungen, die sich für unsere Erholung ergeben haben. Der Hauptunterschied zu früher ist, dass Erholung anno dazumal eher einfach nebenbei passiert ist. Heute erfordert Erholung Planung, weil sich die Berufsrealität verdichtet hat und die Freizeit facettenreicher geworden ist. Es braucht bewussteres Augenmerk auf Erholung, sonst kommt sie zu kurz.

In welcher Form ist Freizeit vielfältiger geworden?

Ein Beispiel ist die Anzahl der Fernsehsender, die inzwischen zur Verfügung steht. Bis in die 70er-Jahre wurden in vielen Haushalten nur zwei Sender empfangen. Danach hat sich diese Zahl vervielfacht. Auch abseits vom Fernsehen gibt es immer mehr Unterhaltungsmöglichkeiten und Freizeitangebote, die zur Zerstreuung konsumiert werden können. Das Überangebot erfordert, dass wir uns entscheiden müssen. Das erzeugt erst recht Stress.

Sie schreiben, dass Erholung nie so wichtig war. Warum?

Die Arbeit hat sich in den vergangenen 30 Jahren beschleunigt, die Grenzen zwischen Job und Freizeit verschwimmen zusehends, man ist fast permanent digital verfügbar. Zunehmend mehr Arbeitnehmer leiden unter Zeitnot und Überforderung durch die Arbeitsmenge. Dadurch sind wir gestresster und brauchen im Grunde mehr Zeit zum Abschalten.

Kann eine digitale, flexible Berufswelt auch entlasten?

Es ist eine neue Herausforderung. Früher blieb die Arbeit ganz selbstverständlich im Büro oder Betrieb. Heute können viele immer und von überall aus arbeiten. Das ist nicht per se schlecht, man muss damit umgehen und sich abgrenzen lernen.

Gibt es so etwas wie eine Erholungsformel?

Erholung umfasst – ganz banal –, das zu beenden, was mich gerade belastet. Das ist typischerweise die Arbeit, kann aber etwa auch die Pflege oder Kinderbetreuung sein. Erst dann kann Erholung beginnen. Infolge muss man sich nicht nur physisch, sondern in erster Linie mental von der Belastung distanzieren. Wenn man im Kopf noch dort hängt, unterbindet das Erholung, weil weiterhin Stresshormone ausgeschüttet werden. Genau dieses Abschalten ist laut jüngster Forschung das Allerwichtigste: Etwas zu tun, was die Arbeit geistig in den Hintergrund treten lässt. Sport, Kochen – sofern es nicht als Pflicht empfunden wird –, gezielte Meditation, ein Buch oder die Zeitung zu lesen, zum Beispiel. Zuletzt geht es auch darum, psychische Bedürfnisse, etwa Sozialkontakt, aber auch Selbstbestimmung und Bestätigung, zu befriedigen. Sie lassen sich typischerweise leichter in der Freizeit erfüllen. Das alles führt zu einer Steigerung des Wohlbefindens und der Energie.

Steigende Burn-out-Raten lassen vermuten: Viele Menschen überarbeiten sich und versuchen, ein Maximum an Erholung aus dem Urlaub herauszupressen.

Erholungsepisoden sollten sich im Alltag ergänzen. Man braucht Arbeitspausen, sonst wird man im Verlauf des Tages unkonzentriert und müde sein. Dasselbe gilt für den Feierband: Wir brauchen täglich eine Dosis Freizeit, damit man tags darauf wieder leistungsfähig ist. Selbiges gilt fürs Wochenende. Im Idealfall sollte man die Müdigkeit jeden Tag und jede Woche abbauen. Trotzdem kann Erschöpfung überbleiben, für die man dann eben Urlaub beansprucht.

Oft zerrinnt das entspannte Gefühl danach zwischen den Fingern.

Erholung fällt im Urlaub leichter, weil wir den Alltag einfacher vergessen. Sie lässt sich nicht speichern, leider. Sobald wieder Belastungen auftreten, kommt es zur Ermüdung. Entspannung kann aber ein Stück weit konserviert werden, indem man das Lebensgefühl aus dem Urlaub in den Alltag überträgt: indem man den in Italien lieb gewonnenen Cappuccino daheim am Balkon trinkt oder am Wochenende Siesta hält.

Wo lässt es sich besser entschleunigen: daheim oder in der Ferne?

Die Umgebung hat sehr wohl Einfluss auf unsere Erholungsfähigkeit. Wir wissen, dass das Erholen im Urlaub leichter passiert, weil wir in die entsprechende Stimmung kommen und den Alltag vergessen. Daheim ist schwieriger sich mental von Verpflichtungen loszueisen.

Viele arbeiten momentan und auf unbestimmte Zeit im Homeoffice. Was macht das mit uns?

Plakativ ausgedrückt: Der Schlosser hat eine Werkstatt und schweißt nicht im Wohnzimmer. Genau diese wichtige Trennung ist vielen jetzt abhandengekommen. Das erfordert, dass wir das Homeoffice bewusster handhaben.

Wie kann das klappen?

Man sollte sich zeitliche Rahmenbedingungen setzen, rechtzeitig aufhören, damit man abends genug Zeit hat zur Ruhe zu kommen. Menschen sind außerdem Assoziationsmaschine. Das heißt, wir reagieren bewusst und unbewusst auf Umweltreize. Wenn der PC mitten im Wohnzimmer steht, erinnert das an Arbeit, löst Stress aus oder erhält diesen aufrecht. Wenn man die Arbeitsutensilien wegräumt oder abdeckt, fällt das Abschalten leichter.

In Österreich gibt es – wie in vielen anderen Ländern – gesetzlich verordnete Ferien und arbeitsrechtlich verankerte Urlaubstage. Das war nicht immer so, warum hat sich hier ein Wandel vollzogen?

Der Urlaub wurde zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts schrittweise im Gesetz festgeschrieben. Damals war die Industrielle Revolution am Auslaufen, man begann sich Gedanken zu machen, wie man sich um die Gesundheit, Sicherheit und Ermüdung der Arbeitnehmer, die damals vorwiegend in der Produktion tätig waren, zu kümmern. Auch der Konsumgedanke hat eine Rolle gespielt. Der Urlaub war dafür gedacht, die Früchte der Wirtschaft konsumieren zu können und diese damit anzukurbeln.

In Japan muss man Menschen zwingen, Urlaub zu machen. Warum haben unterschiedliche Gesellschaften ein unterschiedliches Urlaubsbedürfnis?

Das ist kulturabhängig, in Japan hat das Arbeiten einen sehr hohen Stellenwert, vor allem der gemeinschaftliche Aspekt. Auf Urlaub zu gehen gilt dort schon fast als Verrat an den Kollegen. Ich will nicht behaupten, dass wir in Österreich ein weniges starkes Arbeitsethos haben, aber wir sind individualistischer geprägt. Auch in der Schweiz ist weniger Urlaub üblich, hier geht man davon aus, dass nicht die Firma oder der Staat für Erholung verantwortlich sind.

Noch ein Themenwechsel zum Schluss: Wie lange wird es dauern, bis wir uns als Gesellschaft von Corona erholt haben?

Corona wird als kollektives Erlebnis, als kollektives Trauma an uns haften bleiben. Es braucht Zeit, das emotional zu verarbeiten. Wie lange das dauern wird, wird davon abhängen, wie sich die Lage weiterentwickelt – ob wir einen glimpflichen Ausgang oder eine dramatische Zuspitzung erleben. Es wird irgendwann ein Aufatmen geben, vielleicht wird unser Leben dennoch nie wieder ganz wie früher sein.

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