Einfach auf und davon: Wer im praktikabel zurechtgezimmerten Van urlaubt, will vor allem  
autonom entschleunigen – fernab von Massentourismus, Hotellerie und Pauschalangeboten.

© Getty Images/Aubrey Lao/istockphoto

freizeit Leben, Liebe & Sex
08/23/2020

Van-Hype: Die Rückkehr des rollenden Reisebegleiters

Ihr kleinkariertes Image haben Wohnwagenbesitzer abgelegt. Wer im Camper verreist, ist neuerdings Trendsetter.

von Marlene Patsalidis

Ein Campingplatz an der Adria. Von der Mittelmeersonne verbrannter Rasen, darauf ein beigefarbenes Wohnmobil. Folienbeschichtete Scheiben, verblichene Stoffklappstühle, ein klein gemusterter Sonnenschirm. So oder so ähnlich sah Verreisen mit dem Wohnmobil in den 70-er-Jahren aus. Camperurlaube hatten Hochkonjunktur, die Massen tuckerten in bewohnbaren Fuhrwerken gen Süden – gemütlich, aber auch ein wenig spießig.

#vanlife

Die Generation 20 plus verpasst dem Urlaub im mobilen Hotelzimmer nun einen modernen Anstrich. Ein Blick auf Instagram untermauert den Trend: Dort tummeln sich unter dem Hashtag #vanlife inzwischen Millionen Einträge. Bilder und Berichte von Reisen im VW-Bus oder Wohnmobil füllen ganze Blogs – und beflügeln beim Betrachter Träume vom freien, unabhängigen Leben.

Das Wohnen im Wagen wird dabei neu gedacht – etwa durch liebevoll ausgebaute Vans, wie jener im Besitz von Angelique Vochezer. Die 26-jährige Bloggerin begann im Mai 2019 mit einem Budget von knapp 6.000 Euro mit dem Innenraumumbau eines blauen "VW T4 Camper". Nur zwei Monate später ging es mit "Schosch", wie die Deutsche ihr Gefährt liebevoll taufte, erstmals auf Tour.

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"Diese Freiheit und Unbeschwertheit, das ist es, was mich am Reisen mit Van so fasziniert", schreibt die 26-Jährige auf Instagram. "Du nimmst Orte ganz bewusst wahr, lernst kleine versteckte Plätze kennen, lässt dich von Tag zu Tag treiben, bist in der Natur unterwegs und vergisst alle Sorgen."

Autonom entschleunigen

Das wohnmobile Urlauben deckt eine ganze Palette an Sehnsüchten ab, weiß Gerhard Blasche, Psychologe und Urlaubsforscher. Im Vergleich zu anno dazumal sei es facettenreicher geworden: "Vom spontanen, improvisierten Trip bis zu von langer Hand geplanten Routen quer durch Europa und die ganze Welt, von Low Budget bis Luxus ist mittlerweile alles vertreten." Selbst zu entscheiden, wo man wie lange verweilt, befriedige damals wie heute das Bedürfnis nach Autonomie.

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Die neue Lust am Vanreisen befeuert die Wohnwagenbranche. Die Camper-Community wächst auch in Österreich. Laut ÖAMTC steigt der Bestand von Campingfahrzeugen stetig. Ende August 2019 gab es in Österreich knapp 70.000 Campingfahrzeuge, davon 30.00 Wohnmobile und 40.000 Wohnanhänger – ein Plus von vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Jungfräuliche Stellplätze

Der moderne Tourist ist zunehmend eins: Individualist. Das Verreisen im Van bedient auch den Wunsch nach Selbstentfaltung. "Man spürt unberührte Plätze auf, die sonst – zumindest scheinbar – noch niemand betreten hat", sagt Blasche. Das entspreche dem modernen Zeitgeist, bei dem der Einzelne in der Besonderheit des Tuns Erfüllung findet. Nicht überall lässt es sich umgeben von naturbelassener Einöde aufwachen. In den meisten europäischen Ländern – auch hierzulande – ist wildcampen verboten oder nur sehr eingeschränkt möglich. Paradiese für freies Campen sind Schweden, Norwegen, Finnland und Schottland.

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Für den Salzburger Kulturforscher Thomas Herdin spiegelt das Reiseverhalten gesellschaftliche Entwicklungen wider: "Unser Alltag, beruflich wie privat, ist in ein enges Korsett geschürt. Alles wird dichter, vollgepackter. Da ist es kaum verwunderlich, dass man versucht, sich ein Stück flexible Freiheit wiederzuholen." Herdin sieht im Vanlife eine Parallele zur neu entdeckten Häuslichkeit der Jungen: "Außen herrscht immer größere Unsicherheit, das Verlässliche, Vertraute und Heimische gewinnen an Wert. Wir nennen das Neo-Biedermeier." Ein mit Fleiß ausgebauter Camper bringe die abhandengekommene Stetigkeit zurück. "Durchs Zusammenzimmern schafft man sich ein Nest."

Die Motive der Jungen unterscheiden sich dahingehend also teilweise doch deutlich von jenen der Wohnmobil-Generation der 70er. Herdin: "Früher hatte das Verreisen im Camper außerdem oft finanzielle Hintergründe, es war günstiger. Das moderne Vanreisen kann durchaus luxuriöse Formen annehmen."

Dass gerade junge Menschen auf den Trend aufspringen, erscheint auch für Blasche plausibel: "Jede Generation entwickelt ihre eigenen Reisegewohnheiten – oder entdeckt alte Urlaubsstile wieder und interpretiert sie neu."

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Auf und davon

Einsame Stellplätze, kein Gedränge am Frühstücksbuffet: Die Vorzüge des Reisens im Van werden nicht zuletzt in Zeiten von Corona augenscheinlich. Über dem Campingkocher kredenzte Dosenravioli sind längst passé, ebenso wie Kreuzweh und mangelnde Körperhygiene. Innovative Lösungen – rollbarer Lattenrost, Campingbackofen, mobile Dusche, akkubetriebene Laterne, faltbares Solarpanel als Energielieferant – machen's möglich.

Beim Komfort muss man im Van dennoch ab und an Abstriche machen. Für Angelique ist genau das "purer Luxus". Ohne viel Chichi auszukommen kann heilsam sein, weiß Blasche: "Es ist leichter, Abstand zu gewinnen."

Allzu oft hänge man nach der Ankunft im Hotel schon nach Sekunden im WLAN – und damit im Alltagstrott.

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