Seit der Corona-Krise gibt es einen regelrechten Fußmarscheifer.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
05/10/2020

Das Revival des Fußmarsches

Mit Spaziergängen holen sich die Menschen ihre Freiheit zurück. Was ein Streifzug in Gang setzt, weiß Promenadologe Bertram Weisshaar.

von Marlene Patsalidis

Flanieren, schlendern, sich die Füße vertreten: Mit dem Spaziergang verbindet man für gewöhnlich gemächliche Fortbewegungszustände.

Wer sich auf die etymologischen Spuren des Wortes begibt, wird überrascht sein: "Spaziare" kommt aus dem Italienischen – und meint den kraftvollen Akt des "sich räumlich Ausbreitens". Erobern also, quasi.

Derartige – freilich gänzlich friedvolle – Eroberungsfeldzüge kann man dieser Tage fast überall beobachten. Wegen Corona fallen nach wie vor etliche Freizeitbeschäftigungen flach. Cafés und Fitnessstudios sind geschlossen, ebenso wie Kinos und Kulturvereine. Die Menschen treibt es zum Spazieren nach draußen.

Legerer Massensport

Die neu entfachte Freude am Flanieren verfolgt Bertram Weisshaar mit großem Interesse. Als Spaziergangsforscher beschäftigt er sich seit Jahrzehnten mit dem Gehen. Dem Spaziergang hat der studierte Landschaftsplaner auch ein Buch (siehe unten) gewidmet. Weisshaar, der in seiner Heimat Deutschland auch gestaltete Wanderungen für Gruppen anbietet, spürt nach, wie wir unsere Umgebung beim Spazieren begreifen – und warum Spaziergänge wichtig für uns sind. "Viele entdecken gerade von Neuem, dass spazieren eine zutiefst schöne, absolut befreiende Sache ist", sagt der Leipziger. "Und, dass man für dieses Erlebnis nicht viel braucht, weder Equipment noch Geld. Das Überraschende dabei ist: Schon nach wenigen Minuten verändert sich etwas."

Die noble Aristokratie hauchte dem Konzept des Spazierens einst Leben ein. Zum puren "Lustwandeln" in Gärten und Barockparks gesellte sich bald eine soziale Komponente. Mit dem Aufkommen von Parks oder Promenaden kam der Spaziergang im 18. Jahrhundert schließlich auch unter Bürgerlichen in Mode. Begründet wurde die Promenadologie (englisch Strollology), wie die Wissenschaft vom Spazieren auch genannt wird, von dem deutschen Soziologen-Paar Lucius und Annemarie Burckhardt. Sie entwickelten das Fach in den 1980-er-Jahren an der Universität Kassel. Als kulturwissenschaftliche und ästhetische Disziplin der Stadt- und Landschaftsplanung, die darauf zielt, Menschen ihre Umwelt bewusster wahrnehmen zu lassen.

Dem Image des Orchideenfachs ist die Promenadologie bis heute nicht entwachsen. Doch die Krise scheint uns zu lehren, das Gewohnte wieder zu schätzen. Doch was genau setzt Spazieren beim Menschen in Gang? "Es stößt sinnliche Erlebnisse an. Man atmet und riecht frische Luft, hört Vogelstimmen, spürt den Wind auf der Haut, beobachtet die Natur, wie sie sich von Tag zu Tag verändert. Und man sieht andere Menschen die unterwegs sind, erlebt sich dadurch als Teil einer Gesellschaft. Begegnet man Tieren, sieht man sich im städtischen Raum viel unmittelbarer als Teil der Natur. Insgesamt beflügelt es die Gedanken, ganz anders als das in geschlossenen Räumen der Fall ist."

Verbannte Fußgänger

Gehetzte Fußgänger, enge Gehsteige, spärliche bemessene Parkanlagen: Im urbanen Raum wird den Bedürfnissen von Fußgängern nicht immer Rechnung getragen. In der Corona-Krise wird das besonders augenscheinlich. "Manche Städte sind für Fußgänger suboptimal dimensioniert. Nun wird für alle erlebbar, was das für Probleme mit sich bringt. Das ist etwas, was vielleicht auch über die Krise hinaus in den Köpfen bleiben wird: Dass man begreift, dass die Fußgänger Platz brauchen."

Letzteres wurde bereits Ende der 80-er-Jahre festgeschrieben: Damals besiegelt das Europäische Parlament die Europäischen Charta der Fußgänger. Darin heißt es bis heute: "Der Fußgänger hat das Recht, in einer gesunden, offenen Umwelt zu leben und die öffentlichen Straßen und Plätze zu angemessenen Bedingungen für die Sicherheit seiner körperlichen und seelischen Gesundheit frei zu benutzen."

Leiden davonlaufen

Stichwort Gesundheit. Zu Fuß zu gehen ist auch Medizin: Dass körperliche Aktivität gut ist gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten, ist seit Langem bekannt. Die neuere Forschung zeigt außerdem, dass Spazieren Rückenschmerz, Osteoporose und Depressionen vorbeugen kann. "Ich glaube, gegenwärtig ist bedeutend, dass Spaziergänge unsere Psyche stärken. Als notwendige Abwechslung zum in den vergangenen Wochen verordneten Stubenhocken." Selbst, wenn wir uns nichts von einem Spaziergang erhoffen, wird er unsere Stimmung heben, wie Psychologen der Iowa State University vor einigen Jahren herausgefunden haben. Das galt auch für Probanden, die die Absicht der Studie nicht kannten oder einem Spaziergang gegenüber negativ eingestellt waren. "Das ist die Magie des Spazierganges – da verselbstständigt sich so manches im Menschen."

Ob der Fußmarscheifer auch nach dem Ausnahmezustand anhalten wird? "Es wird eine bleibende Erfahrung sein, da bin ich mir sicher. Wir genießen es bewusster, weil es uns fast verboten wurde. Und das Schöne am Gehen ist ja, dass es denkbar einfach ist. Man steht auf, tut den ersten Schritt – und siehe da, schon geht man."

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