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Chronik Wien
05/28/2021

Wo sich im Wiener Prater der Spaß aufhört

Der Streit um das Dach des Toboggan zeigt: Ist eines der alten Fahrgeschäfte bedroht, gehen die Wogen hoch. Viele haben eine kuriose Geschichte.

von Josef Gebhard

Es sind oft kleine Nebensächlichkeiten, die in Wien für den größten Wirbel sorgen. Aber wenn es um Dinge geht, die gleichsam zur DNA dieser Stadt gehören, hört sich der Spaß auf. Das gilt natürlich auch für den Wurstelprater mitsamt seinem Inventar, das zum Teil zurecht das Prädikat „historisch“ verdient. Kommen solche Institutionen mit dem Amtsschimmel in Konflikt, kann das eine brisante Mischung ergeben.

Aktueller Fall: Die denkmalgeschützte Teufelsrutsche, gemeinhin als „Toboggan“ bekannt. In ihrer ursprünglichen Form 1913 errichtet, ist sie heute ein Wahrzeichen des Wurstelpraters. Ein Wahrzeichen, über das jetzt vor Gericht gestritten werden muss. Schuld ist ein neues Dach, das die Rutsche vor der Witterung schützen soll. Laut Baupolizei ist es aber um ganze 40 Zentimeter zu breit. Jetzt wird darüber verhandelt, ob das Dach abgerissen werden muss.

Das nächste Kapitel der an Kuriositäten nicht armen Geschichte des ältesten Prater-Fahrgeschäfts, das noch in Betrieb ist. Am bekanntesten ist allerdings eine Episode, die vermutlich dem Reich der Legenden zuzuordnen ist: Einst, lautet die Erzählung, habe eine junge Frau auf besonders grässliche Weise ihr Leben auf der 100 Meter langen Holzrutsche verloren: Eine Planke habe sich aus der Rutschbahn gelöst und die Bedauernswerte durchbohrt. Belege gibt es dafür keine. Vielleicht war es einfach ein Stich eines Holzspans, der im Laufe der Zeit in den Erzählungen der Wiener immer mehr aufgebauscht wurde.

Eine andere Prater-Institution musste vor wenigen Jahren tatsächlich zusperren, entsprechend groß war auch die Empörung der Prater-Nostalgiker: Nach fast 130 Jahren stellte das „1. Wiener Ponny-Caroussel“ 2016 seinen Betrieb ein.

Tierschutz vs. Tradition

Davor hatte es massive Proteste von Tierschützern gegen die Arbeitsbedingungen der Ponys gegeben, die monoton zu lauter Musik ihre Kreise ziehen mussten. Hinzu waren wirtschaftliche Probleme aufgrund der immer strengeren Auflagen der Behörden gekommen.

Nach einer Zwischennutzung als begehbare Zombie-Geisterbahn wurde der Kuppelbau aus dem 18. Jahrhundert zuletzt in ein Café umgebaut. Eigentlich sollte es schon längst in Betrieb sein, wäre nicht die Pandemie dazwischen gekommen. Seit Kurzem hat immerhin der To-go-Bereich geöffnet.

„Schnackerlbahn“

Weit entfernt vom drohenden Zusperren ist die berühmte Liliputbahn. Gleichwohl ist ihre Geschichte voller Wendungen und Kuriositäten.

Der Vorläufer des Mini-Zugs, der auf einer Spurweite von 15 Zoll knapp vier Kilometer durch den Prater unterwegs ist, wurde bereits 1824 errichtet. Es handelte sich um eine kurze Pferdebahn, die potenzielle Geldgeber dazu animieren sollte, in die geplante Pferdeeisenbahn Linz –Budweis zu investieren.

Nach einigen weiteren Vorläufer-Projekten (darunter eine sogenannte „Schnackerlbahn“ zwischen Venediger Au und Rotunde) wurde die eigentliche Liliputbahn 1928 eröffnet. Wegen Protesten der Biologischen Versuchsanstalt, die eine Beeinträchtigung durch Rauch und Erschütterungen fürchtete, musste die geplante Strecke aber abgeändert werden.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Gleise und Stationshäuschen massiv beschädigt, dennoch ging sie 1947 wieder in Betrieb. Heute fährt sie vom „Hauptbahnhof“ beim Planetarium bis zum Stadion. Vor zehn Jahren wurde eine eigene Station beim Schweizerhaus eingerichtet. Allerdings nur in Fahrtrichtung Stadion. In die Gegenrichtung würde das Anfahren Probleme bereiten. Schließlich ist hier eine Steigung von beachtlichen 14 Promille zu überwinden.

Moderner Klassiker

Potenzial zu einer echten Institution hat auch eine andere Prater-Einrichtung, obwohl sie weder besonders alt noch einzigartig ist. Von diversen Messen und Vergnügungsparks kennt wohl jeder das Tagada. Kaum ein Fahrgeschäft bietet die Möglichkeit, sich so nachhaltig vor den Zusehern zu blamieren, wie auch die Besucher ländlicher Zelt- und Wiesenfeste wissen.

Im Prater ist die Scheibe mit ihren gefährlichen ruckartigen Bewegungen, hingegen eine Dauereinrichtung. Wohl deshalb ist sie zu einem Teenager-Treffpunkt geworden. Darunter sogar etliche Tagada-Profis, die die Phase der Blamage längst hinter sich gebracht haben.

Rutschen  in Rot-Weiß-Rot
2., Wurstelprater
Auf der  35 Meter langen und 15 Meter hohen „Wiener Rutsche“ können bis zu 5 Personen gleichzeitig hinunterrutschen – und zwar mit einem Sack unter dem Hintern, für 2 Euro pro Person

Riesenrutsche auf der Wiese
2., Grüner Prater
Am Spielplatz auf der Jesuitenwiese gibt es die Superlative unter den Spielgeräten: eine Riesenschaukel und eine Riesenrutsche. Letztere führt einen langen Hügel hinunter

Wiens längste Wasserrutsche
18., Josef-Redl-Gasse 2
Die türkise Rutsche im Schafbergbad kommt auf 102 Meter und ist  die mit Abstand längste Rutsche aller städtischen Bäder

Rutschen-Trio im Park
22., Donaupark
Der Sparefroh-Spielplatz bietet mit seinen drei nebeneinandergelegenen Rutschen optimale Bedingungen zum Um-die-Wette-Rutschen

Rutschen, bis es brennt
22., Hannes-Lintl-Gasse 52
Eine großartige Röhrenrutsche hat der Feuerwehrspielplatz in Breitenlee zu bieten: Sie führt von der Kommandozentrale auf den Boden

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