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Chronik Wien
06/26/2019

Wiener Semmelweis-Areal: Musikschul-Pavillons wurden versteigert

Den - nicht rechtskräftigen - Zuschlag erhielt die Koch-Stiftung für 35 Mio. Euro. Eine alternative Einigung war gescheitert.

von Stefanie Rachbauer

Am Ende hat es doch nicht gereicht: Jene drei Pavillons der ehemaligen Semmelweis-Frauenklinik in Wien-Währing, in denen jetzt die private Musikschule „Amadeus International School“ residiert, wurde am Mittwochvormittag versteigert.

Bis zuletzt hatte es so ausgesehen, als ob die Zwangsversteigerung doch noch abgewendet werden könnte. Aber es blieb beim Versuch. Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen dazu. 

1. Wem gehören die Pavillons jetzt?

Den Zuschlag hat für 35 Millionen Euro die F.R.F.-HPM-Beteiligungen GmbH (Stiftung der Familie Koch, ehemals Leiner/Kika) erhalten. Da binnen 14 Tagen Rekurs angemeldet werden kann, ist das aber noch nicht rechtskräftig.

2. Hat nicht die Koch-Stiftung die  Zwangsversteigerung vorangetrieben?

Genau. Und zwar, weil der bisherige Pavillon-Eigentümer Nikolaus Peter Lengersdorff bei ihr Schulden hat. Konkret nahm der Immobilienentwickler 2014 ein Darlehen bei der Stiftung auf  – und räumte ihr als Sicherheit ein Pfandrecht für die Pavillons ein. Weil er nicht zahlte, wurde das vergangenen Juni schlagend: Um an ihr Geld zu kommen, trieb die Koch-Stiftung die Versteigerung der Gebäude voran.

3. Warum hat die Stiftung nun selbst zugeschlagen?

Um nicht (noch mehr) durch die Finger zu schauen. Im Grundbuch der Liegenschaft sind mehrere Pfandrechte eingetragen. An erster Stelle jenes der Sparkasse NÖ mit einem  Höchstbetrag von fünf Mio. Euro, dahinter jenes der Koch-Stiftung über 33,5 Mio. Euro. Lengersdorff schulde der Stiftung aufgrund von Zinsen aber weit mehr,  sagt ihr Anwalt Nikolaus Nonhoff zum KURIER.

Daraus folgt: Damit es keine – oder zumindest nur eine verkraftbare – Differenz zwischen dem Versteigerungserlös und der offenen Summe gibt, hoffte die Koch-Stiftung auf ein sattes Höchstgebot. Ein solches zeichnete sich in der Verhandlung aber nicht ab. Daher schlug die Stiftung selbst zu.

Sie muss jetzt 35 Mio. Euro an das Gericht zahlen. Dieses verteilt den Betrag auf die Gläubiger  – entsprechend ihrer Reihenfolge im Grundbuch. Fünf Mio. gehen also an die Sparkasse NÖ, der Rest fließt an die Stiftung zurück.

Sie steigt so besser aus, als mit einem geringeren Höchstgebot eines Dritten – und erhält Gebäude in bester Lage.

4. Warum kam es dann doch zur Versteigerung?

Bis kurz vor dem Termin glaubte Lengersdorff, die Pavillons verkaufen zu können – und so die Forderungen der Koch-Stiftung zu begleichen. Wie berichtet, war bereits ein Interessent gefunden. Der Deal kam kurzfristig aber doch nicht zustande.

5. Was passiert nun mit den Pavillons?

Sobald die Versteigerung rechtskräftig sei, werde die Familie Koch entscheiden, ob sie die Gebäude verkaufe oder behalte, sagt Nonhoff.

6. Was heißt das für die Schule?

Die Stadt Wien hat das Areal im Jahr 2012 an Private verkauft – unter der Bedingung, das Gelände bis 2027 für Bildungszwecke zu nutzen. Laufend werden Vorwürfe laut, dass die wechselnden Eigentümer aber anderes im Sinn haben: Immobilienspekulation etwa.

Die Zweckwidmung gilt auch für die Koch-Stiftung. Mit der Versteigerung „erbt“ sie zudem den unbefristeten Mietvertrag der Schule. Das Vorkaufsrecht der Stadt ist dagegen passé.

7. Was sind die Reaktionen auf die Versteigerung?

ÖVP und FPÖ kritisierten die Versteigerung am Mittwoch. "Es ist ein Schaden von 21 Millionen Euro für die Stadt entstanden", teilte ÖVP-Stadtrat Markus Wölbitsch mit. Immerhin seien die Pavillons im Jahr 2012 ohne Ausschreibug zum weit unter dem Verkehrswert liegenden Kaufpreis von 14 Millionen Euro verkauft worden.

„Es ist bedauerlich, mitansehen zu müssen, wie die Stadt Wien historische Immobilien zu Dumpingpreisen an Spekulanten verschleudert“, kritisierte FPÖ-Gemeinderat Udo Guggenbichler.

Hintergrund: Turbulente Geschichte

2005: Die Semmelweis-Klinik soll im neuen KH Nord aufgehen, verkündet die Stadt.

2012: Die Amadeus-Schule nimmt mit 60 Schülern den Betrieb auf.

2012: Rund um den  Pavillon-Verkauf werden Bestechungs-  und Geldwäsche-Vorwürfe laut. Die Stadt habe unter Marktwert verkauft,  heißt es.

2018: Die drohende Zwangsversteigerung wird bekannt.

2019: Der noch bestehende Rest der Klinik übersiedelt im Juni ins KH Nord.