© Kurier/Gilbert Novy

Analyse
08/07/2020

Ursula Stenzel: Eine Portion Schlagobers für die City

Warum die streitbare und umstrittene Politikerin nun doch noch einmal für die FPÖ ins Rennen geht.

von Josef Gebhard

„Sie gehört zum 1. Bezirk wie das Schlagobers zum Einspänner.“ Einen etwas blumigen Vergleich fand Vizebürgermeister Dominik Nepp am Freitag, als er die FPÖ-Spitzenkandidatin der Inneren Stadt für die Wien-Wahl präsentierte.

Und dabei ist den krisengeschüttelten Blauen eine kleine Überraschung gelungen: Ursula Stenzel, aktuell für die FPÖ Stadträtin ohne Ressort, geht ins Rennen um den Bezirksvorsteher-Posten. Ein Amt, das die streitbare Ex-Journalistin schon 2005 bis 2015 für die ÖVP innehatte, ehe sie nach inneren Zerwürfnissen zur FPÖ wechselte.

Rückzug vom Rückzug

Dabei hatte sie noch im Mai angekündigt, sich aus der Politik zurückzuziehen, um Jüngeren Platz zu machen. Drei Monate später ist alles anders: Der Ärger der Innenstadt-Bewohner über die Verkehrspolitik ihres VP-Nachfolgers Markus Figl (Stichwort: „autofreie“ Innenstadt) habe sie zum Rücktritt vom Rücktritt bewogen, betont sie. Um gleich in der für sie so typischen Manier gegen die Grünen („sie verhängen eine Verkehrsquarantäne über die Innenstadt“) und Figl („ein Handlanger der Grünen“) loszupoltern.

Glaubt man Parteikreisen, wird wohl auch Nepp eine nicht unbedeutende Rolle bei ihrer Rückkehr gespielt haben. Dem Vernehmen nach sei er mit ihrem geplanten Rückzug alles andere als einverstanden gewesen sein.

„Es gibt viele Politiker, die der FPÖ einen Kollateralschaden zugefügt haben“, sagt sie im KURIER-Talk auf SchauTV (siehe unten) in Anspielung auf den gestrauchelten Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache. „Ich hoffe, ich sorge für einen Kollateralnutzen.“

Strache habe sie zwar zur FPÖ geholt, für sie wäre es aber nie in Frage gekommen, zu seinem neuen Team HC zu wechseln. „Mit dieser Absplitterung ist er seiner eigenen Partei in den Rücken gefallen.“

Stenzels Chancen

Doch was sind die taktischen Überlegungen für den Comebackversuch Stenzels in der Inneren Stadt? Auf den ersten Blick haben im 1. Bezirk gleich drei Parteien Chancen auf Platz eins: Die ÖVP kam 2015 nach herben Verlusten auf 25,68 Prozent und lag nur mehr hauchdünn vor der SPÖ (24,18 Prozent). Auf Rang drei Stenzel und die FPÖ mit 18,73 Prozent.

In der FPÖ glaubt man, sich mit der Ex-Bezirksvorsteherin als Frontfrau durchaus mit Figl um Platz eins duellieren zu können. „Die Innenstadt-Bewohner sind sehr unzufrieden mit Figl, der vor allem bei Verkehrsprojekten die Bevölkerung nicht einbindet. Platz eins ist für uns in Reichweite“, ist ein FP-Funktionär überzeugt. Angesichts der verheerenden Umfragewerte klingt dies – vorsichtig formuliert – sehr optimistisch.

Gemessen am Wahlergebnis von 2015 müsste sich vielmehr die SPÖ Chancen auf die Eroberung des 1. Bezirks machen. Sie ist allerdings angeschlagen. Vize-Bezirksvorsteherin Mireille Ngosso erhielt bei den internen Vorwahlen im März überraschend nicht die nötige Mehrheit, um als Spitzenkandidatin anzutreten. Eilig wurde die erst 29-jährige Lucia Grabetz als Ersatz installiert.

Ablenkung

Stenzel selbst würde gerne auf 50 Prozent klettern, „wenn es leicht geht“, wie sie im KURIER-Talk im Pods&Bowls betont. Damit wird wohl nicht einmal Nepp rechnen. Er kann aber zumindest kurzfristig mit seiner prominenten Kandidatin von den schweren parteiinternen Querelen ablenken.

Ursula Stenzel wurde am 22. September 1945 geboren. Ihre Karriere begann sie 1972 als Redakteurin beim ORF. Bekanntheit erlangte sie ab 1975 als Moderatorin der „Zeit im Bild".

1996 wechselte sie für die ÖVP ins Europaralament und fungierte dort sogar als Delegationsleiterin.

2005 trat sie für die ÖVP bei den Bezirksvertretungswahlen in der Inneren Stadt an. Schon damals fiel sie mit markigen Sagern und ungewöhnlichen Ansichten auf. Sie zog gegen Punschstände, Straßenmusiker und den Silvesterpfad ins Feld. Zwei Mal wurde sie zur Bezirksvorsteherin gewählt.

2015 sprach sich die Bezirkspartei nicht für sie, sondern für Markus Figl als Spitzenkandidat aus. Daraufhin wechselte Stenzel als unabhängige Kandidatin zur FPÖ. Sie kandidtierte nicht nur bei der Gemeinderatswahl auf dem dritten Listenplatz, sondern ging auch als Spitzenkandidatin der FPÖ für die Bezirksvertretungswahl ins Rennen - als Konkurrentin zu Figl. Dort machte sie aber nur den dritten Platz, nahm ihr Mandat in der Bezirksvertretung nicht an und zog stattdessen für die FPÖ in den Gemeinderat ein.

2016 war Stenzel sogar als Kandidatin der FPÖ für die Bundespräsidentenwahl im Gespräch. Die Wahl fiel dann doch auf Norbert Hofer. Dafür folgte sie David Lasar als nicht amtsführende Stadträtin nach.

2019 sorgte Stenzel einmal mehr für Aufregung: Sie trat bei einer Kundgebung der rechtsextremen Identitären auf. Nach Protesten entschuldigte sie sich. Sie sei zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich "der Befreiung Wiens von den Türken 1683" eingeladen worden, gab sie bekannt. Einen Rücktritt schloss sie aus. 

Im Mai 2020 gab Stenzel das Ausscheiden aus der Politik nach der Wien-Wahl am 11. Oktober bekannt. Nun will sie es noch einmal wissen.

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