© NIKOLAUS MAUTNER MARKHOF

Chronik Wien
11/01/2021

Terroranschlag jährt sich: Der Abend, der Wien veränderte

Am 2. November 2020 tötete Kujtim F. in der Innenstadt vier Personen und verletzte 23 weitere teils schwer, ehe er selbst von der Polizei getötet wurde. Erinnerungen an die Terrornacht ein Jahr danach.

von Martin Gebhart

Der Abend des 2. November 2020 ist einer jener, von dem im Nachhinein fast jeder weiß, was er zu diesem Zeitpunkt getan hat. Der Terroranschlag in der Wiener Innenstadt hatte diesen lauschigen Abend vor dem Start in einen neuen Corona-Lockdown jäh beendet.

Die Reaktionen der vielen Menschen, die sich gerade in dem Bereich Schwedenplatz oder Hoher Markt aufgehalten haben, sind vielfach noch in den Ohren.

Ein 53-jähriger Niederösterreicher, der zu einem Geschäftsessen eingeladen war, schilderte damals die Augenblicke des Terrors so: „Wir haben die Schüsse gehört, und dann hat es geheißen, Licht aus, Türen zu. Daraufhin haben sich alle Gäste auf den Boden gelegt. Die Ängste unter den Gästen waren ein Wahnsinn.“

Viele von denen, die stundenlang in den Lokalen festsaßen und auch die Angst hatten, dass noch mehrere Terroristen in der Stadt unterwegs sind, kämpften sehr lange damit, diese Erlebnisse auch zu verarbeiten.

Ängste sind geblieben

Rechtsanwalt Karl Newole hat zum Jahrestag Zitate von Opfern von damals zusammengestellt. Eines davon zeigt deutlich, wie die Szenen noch immer nachwirken: „Manchmal steige ich aus dem Bus aus, weil ich Angst habe, dass jemand, der eingestiegen ist, ein Terrorist sein könnte.“

In der Terrorzone war an diesem 2. November auch KURIER-Redakteurin Nina Oezelt. Ein Jahr nach dem schrecklichen Anschlag hat sie die Erinnerungen daran niedergeschrieben:

Jeder wollte sich an diesem Abend treffen. Jeder, den ich kannte, war unterwegs. Es war der Abend vor dem Lockdown. Und es war viel wärmer als üblich zu dieser Jahreszeit. Ich war kurz vor 20 Uhr auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier.

Als ich mit meiner Mutter telefonierte, die in einem Lokal am Schwedenplatz war, wurde plötzlich der Kontakt abgebrochen. Waren das Böller im Hintergrund, Geschreie?

Ich rief nochmals zurück: Was ist denn los? Erst beim dritten Versuch hatte sie abgehoben. „Hier laufen viele Menschen, die Straße hinauf. Wir sind jetzt alle im Lokal. Es hat sich angehört wie ein Feuerwerk“, sagte sie.

Ich wurde skeptisch. Da stimmte etwas nicht. Ich schrieb in die Redaktionsgruppe, was am Schwedenplatz los sei. Eine Schießerei vielleicht, kam als Antwort.

Planänderung

Kurzerhand entschied ich, dass ich nicht zur Geburtstagsfeier, sondern dass ich direkt in die Stadt fahre. Ich bekam Fotos zugesandt aus einem anderen Lokal am Schwedenplatz. Cobra-Beamte standen davor.

„Nina, hier wird geschossen“, schrieb eine andere Bekannte. Ist es wieder eine Schießerei? Oder tatsächlich ein Amoklauf? In Wien passiert so etwas nicht?

Es gab keine Zeit nachzudenken, immerhin war meine Mutter mittendrin. Am Stephansplatz wirkte alles normal. Die Polizei sperrte erst jetzt alles ab, auch sie schien ängstlich. Ich schaffte es noch schnell in das Lokal Daniel Moser, wo wir die ganze Nacht verbringen sollten.

Ohne zu wissen, wie es weitergeht oder was wirklich passiert sei oder dass der Täter schon längst tot war. Eine Dame fing zwischendurch an zu weinen. Ein anderer sprach davon, dass er sich sicher sei, dass das eine Kalaschnikow war.

Lange harrten wir dort aus, bis nach 3 Uhr früh. Es war eine Nacht, die wir, die dort in dem Lokal waren, wohl nie vergessen werden. Es war auch eine Nacht, die Wien und ihre Stadtbewohner verändert hat. Denn davor kannten wir nur Feuerwerke.

Tröstende Symbole

So wie Nina Oezelt lassen viele ein Jahr danach den Abend noch einmal im Kopf ablaufen.

Die Todesangst von damals hat mich verändert, und es ist nicht leicht, weiterhin an das Gute im Menschen zu glauben. Die Anteilnahme aus der Gesellschaft und einige der Symbole waren tröstend für mich, zum Beispiel die Blumen in der Hauswand, in der sich die Einschusslöcher der Kugeln befanden.“

Das sagt ebenfalls eine Klientin von Rechtsanwalt Karl Newole, der insgesamt 24 Opfer ein Jahr lang begleitet hat.

„Was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, war eine Situation im Spital, drei Stunden nach dem Attentat. Ich wollte, dass mein Vater mir in diesen Momenten beisteht, aber er durfte wegen der Corona-Maßnahmen nicht kommen. Ich war ganz alleine, und es kam eine ungeheuerliche Hilflosigkeit in mir hoch“, sagt ein weiteres Opfer, das bei dem Attentat verletzt wurde.

20:00:48 Uhr   
Der erste Notruf geht bei der Polizei ein: „Schüsse in der Seitenstettengasse!“

20:01:22 Uhr
Der erste Streifenwagen wird entsandt; weitere folgen 

20:01:23 Uhr
Ein Anrufer meldet am Notruf „Schrotflinte“

20:03:21 Uhr
Polizisten sichten den Täter beim Lokal „Kaktus“ – es kommt zum ersten Schusswechsel. Unmittelbar danach finden Beamte die erste verletzte Person

20:05:12 Uhr
Eine erste Täterbeschreibung liegt vor. Doch die Zeugenaussagen sind derart unterschiedlich, dass von mehreren Tätern ausgegangen werden muss

20:05:32 Uhr
Polizisten hören „Allahu Akbar“-Rufe

20:07:41 Uhr
Weiterer Schusswechsel im Bereich Morzinplatz

20:07:59 Uhr
Der Polizeihubschrauber trifft ein

20:08:31 Uhr
Der Täter wird im Bereich Ruprechtskirche gesichtet. Es fallen weitere Schüsse

20:09:34 Uhr
WEGA-Beamte treffen auf den bewaffneten Kujtim F. und  erschießen ihn

20:12:29 Uhr
Eine weitere divergierende Täterbeschreibung trifft bei der Polizei ein. Der Verdacht auf mehrere Täter wird konkreter

20:12:50 Uhr
In einem Lokal werden zwei Schwerverletzte aufgefunden

20:17:11 Uhr
Jemand meldet einen Täter beim Schwedenplatz. Gleichzeitig werden weitere Schwerverletzte gefunden

20:18:31 Uhr
Erster Parallel-Einsatz: Meldung über eine tote Person im Stadtpark

20:29:33 Uhr
Zweiter Parallel-Einsatz: Meldung über verdächtige Personen auf einem Hausdach in der City. Mehr als 15 Parallel-Einsätze nach Notrufen werden in dieser Nacht stattfinden. Darunter auch eine Geiselnahme in Mariahilf oder Schüsse am Graben. Alle müssen abgearbeitet werden. Alle stellen sich als falsch heraus

22:09:00 Uhr
Der Entschärfungsdienst beginnt mit der Arbeit. Ein Roboter nähert sich der Leiche von Kujtim F. 

Am Dienstag wird um 16.45 Uhr das offizielle Österreich in der Wiener Ruprechtskirche der Opfer des Terroranschlages von vor einem Jahr gedenken.

An der Veranstaltung werden unter anderen Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Alexander Schallenberg, Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka sowie der Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn. teilnehmen.

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