© Stefanie Rachbauer

Chronik Wien
11/04/2010

Der Mann, der dem Wiener Attentäter "Oaschloch" nachrief

Der Sager avancierte zum Hype, sein Urheber wird im Netz gefeiert. Doch wer ist der Mann? Jedenfalls ein Held, der keiner sein will. Der KURIER hat ihn aufgespürt.

von Stefanie Rachbauer, Konstantin Auer

Als am Montagabend noch relativ unklar ist, was da gerade im Wiener Bermudadreieck passiert, steht ein Held der Terrornacht bereits fest: Es ist jener Mann, der dem schwer bewaffneten Attentäter unter seinem Fenster “eine Goschn anhängt”, wie man in Wien zu sagen pflegt. 

“Ein Mann mit einer Kalaschnikow-ähnlichen Waffe läuft durch eine gepflasterte Gasse und schießt. Aus einem Fenster schreit ein Augenzeuge ,Arschloch’,” schreibt die Austria Presse Agentur um 22.05 Uhr über eines der Videos, das online kursiert. 

Zwei Tage später sind der Sager und Abwandlungen davon bereits Kult. 

Schimpfwort gibt Hoffnung

Die deutsche TAZ druckte sie auf ihr Cover, Whatchado-Gründer Ali Mahlodji auf T-Shirts, die sich bereits tausendfach verkauften. (Der Gewinn wird übrigens an einen Verein für sozialpädagogische Friedensprojekte gespendet). 

Ein eigens entwickeltes Browser-Plugin ersetzt den Namen des Attentäters in Online-Texten durch “Oaschloch”. Auf Twitter trendete der zugehörige Hashtag, auf Facebook kann man sein Profilbild mit der Aussage unterlegen. 

Ein Schimpfwort, aus dem Fenster auf die Gasse gebrüllt, ist also zum Quell der Hoffnung geworden, zu einer Art Wiener Slogan gegen den Terror. (So wie damals "Je suis Charlie" oder "Pray for London"). Der Subtext: Wien bleibt Wien, auch nach dem 2. November 2020. 

Doch wer ist der Mann dahinter? Es ist jemand, der wohl ein bisschen so ist, wie sein “Oaschloch”-Sager anmutet: latent grantig.

Ein Fatalist

Gefunden hat ihn der KURIER in der Seitenstettengasse. Dort befindet sich seine Wohnung - ganz in der Nähe der Cocktailbar Meinz. Auf den Fensterbrettern des Lokals haben Passanten Blumen und Kerzen aufgestellt.

Gleich gegenüber ist der Eingang zum jüdischen Tempel, an der Fassade sind Einschusslöcher zu erkennen. Der “Oaschloch”-Rufer kann sie von seiner Wohnung aus wahrscheinlich sehen.

Er öffnet die Tür in Jeans und T-Shirt. Auf seiner Nase sitzt eine Brille, seine kurz geschnittenen Haare sind weiß. Hinein lässt er niemanden, mit Journalisten reden will er nicht, seinen Namen verraten noch weniger: ein Held also, der keiner sein will. 

Ja, er habe am Montag gemeinsam mit seinem Nachbarn auf die Straße gefilmt, sagt er dann doch. Wer den Terroristen beschimpft habe? “Das war auch ich”. 

Was ihn - trotz der Gefahr - dazu hingerissen habe und wie er den aktuellen Hype um seinen Sager empfinde, das lässt er sich nicht mehr entlocken. “Ich bin Fatalist”, sagt er bloß und macht die Wohnungstüre wieder zu.    

Hochdeutsch oder Wienerisch?

Und so bleibt auch eine Frage unbeantwortet, die derzeit das Netz beschäftigt: Hat der Mann “Arschloch”, “Oaschloch” oder gar “Schleich di, du Oaschloch" gerufen?

So manche wollen nämlich nicht die hochdeutsche, sondern die wienerische Variante vernommen haben. Andere beharren darauf, dass auch “schleich di” vorkommt.  

Bewiesen ist jedenfalls der Ruf „Arschloch“: Das Schimpfwort ist in dem eingangs erwähnten Handyvideo definitiv zu hören - gefolgt von “Motherfucker”.

Dem Hype tut das keinen Abbruch - im Gegenteil. 

Münchner warf Bierflasche

Eine ähnliche Dynamik hat sich zuletzt nach dem rechtsextremen Anschlag auf das Münchner Olympia-Einkaufszentrum entwickelt. Am Tag des Attentats ging ein Video viral, in dem zu sehen ist, wie ein Anrainer von seinem Balkon aus den Täter beschimpft.

Er nennt ihn mehrmals “Arschloch” - und noch Schlimmeres: Auch fremdenfeindliche Aussagen sind darunter. Es folgt eine etwa zwei Minuten lange, wirre Auseinandersetzung - bis der Täter vom Dach der Parkgarage auf das Wohnhaus schießt. Dort gab es einen Verletzten. 

In einem Interview mit der Welt erklärte der Mann später, er habe sogar eine Bierflasche in Richtung des Terroristen geworfen.  

Für die einen wurde er zum Helden, der den Täter aus dem Konzept brachte. Für andere hat er den Attentäter damals sogar noch mehr angestachelt und dadurch Menschenleben gefährdet. Sogar eine Anzeige wegen Beleidigung und fahrlässiger Tötung bekam er deswegen.

Die Ermittlungen wurden aber schon kurz darauf eingestellt: Das Wort-Duell soll erst stattgefunden haben, als der eigentliche Anschlag bereits vorbei war. 

Der Mann bekommt jedenfalls bis heute Fanpost - aber auch Drohungen. Möglicherweise mit ein Grund, warum der Wiener "Oaschloch"-Rufer lieber im Hintergrund bleibt: Eine Goschn anhängen lässt sich der Hauptstädter nämlich nicht so gern. Das macht er schon selber. 

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