© Kurier / Gerhard Deutsch

Reportage
11/03/2020

Der Abend des Terrors in einem Innenstadtlokal

Ab 20 Uhr war die Wiener Innenstadt am Montag in einer Ausnahmesituation. Menschen, darunter auch KURIER-Redakteure, verharrten während des Attentats die ganze Nacht in Lokalen.

von Nina Oezelt

Um 20.06 Uhr kommt der Anruf. In der Innenstadt sollen Schüsse gefallen sein. Meine Mutter befindet sich in einem Lokal in der Rotenturmstraße.

"Hier ist etwas los, viele Leute rennen, viele Schüsse. Aber uns geht es gut, wir sind jetzt im Lokal", sagt sie am Telefon und im Hintergrund hört man tatsächlich Schussgeräusche. Das hört sich surreal an.

Am Schwedenplatz ist doch immer viel los, aber Schüsse? Dann bekomme ich Fotos per WhatsApp zugesendet - aus einem Lokal am Schwedenplatz.

"Scharfschützen der Polizei stehen vor den Fenstern des Lokals Mae Aurel, es wird hin und her geschossen", steht darunter.

Ich schreibe meiner Redaktion, die bestätigt, es gibt eine größere Schießerei in der Innenstadt, eventuell ein Amoklauf. Mit der U-Bahn bin ich in Kürze am Stephansplatz, dort scheint auf den ersten Blick nichts außergewöhnlich zu sein.

"Gehen Sie nicht da runter"

Vor dem Stephansdom treffe ich Dompfarrer Toni Faber. Ich spreche noch kurz mit ihm, dass es anscheinend Schüsse gegeben haben soll. Er weiß Bescheid, der Dom wird gesperrt.

"Alles Liebe Ihnen und Ihrer Familie", sagt er mir noch, bevor ich weiter auf die Rotenturmstraße, Richtung Schwedenplatz gehe. Man sieht viele Menschen auf den Straßen stehen, fast alle gehen Richtung Stephansplatz.

Ein Passant hält mich auf: "Gehen sie nicht da runter! Da wird geschossen!" Ich erkläre ihm die Situation, dass ich Bescheid weiß und gehe weiter. Menschentrauben stehen auf der Höhe vom Lugeck, vor den Lokalen Zanoni und Le Burger. Manche machen Fotos.

Gerade noch hineingekommen

Die müssen wohl alle raufgelaufen sein, denke ich. Es wirkt chaotisch. Vor "Daniel Moser", dem Lokal auf der Rotenturmstraße, in dem sich meine Mutter befindet, ist alles abgesperrt. Aber ich komme noch ins Lokal.

Die Straße ist gesperrt, die Polizisten stehen in Schutzwesten und mit gezogenem Scharfschützengewehr dort. Der Besitzer des Lokals, Sergio Cukaci, sperrt zu: Es soll keiner raus gehen oder rein kommen.

Die Kellnerin vor Ort, Tina, gibt weiterhin fleißig Getränke aus, man versucht die Menschen zu beruhigen. Viele, der rund 20 Gäste sind Stammgäste und kennen einander. Meiner Mutter geht es soweit gut. Aber einige Gäste verstehen nicht, was gerade passiert.

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"Wir dachten es waren Böller, weil die Menschen den letzten Abend vor dem Lockdown feiern wollten", erklären mir Gäste, die mit zittriger Hand einen Spritzer trinken.

Schüsse wollte niemand wahrhaben

Eine Dame sagt, sie habe Videos von anderen Gastronomen erhalten, mehrere Menschen seien angeschossen worden.

Die meisten Gäste erzählen, dass sie an Böller dachten. Schüsse in Wien, das wollte niemand wahrhaben.

"Erst als dann wirklich viele Menschen, manche auch schreiend von dem Schwedenplatz Richtung Stephansplatz gelaufen sind, war uns klar, dass es ernst ist", erzählt der Bard-Chef Sergio Cukaci.

Spürbare Nervosität

Er war auch derjenige, der Verantwortung übernahm. Er holte die Gäste aus dem Gastgarten in das Lokal. Als die Menschen dann anfingen ihre Handys zu zücken und die Nachrichten zu lesen, was wohl los sei, wird die Nervosität im Raum spürbar.

Andere sehen sich mittlerweile auf ihrem Handy Videos von den Schuss-Szenen an. Sie verbreiten sich auf den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer. "Täter schossen in Lokale, in Schanigärten und laufen noch herum", heißt es.

Vor dem Lokal fährt die Polizei auf und ab. Immer wieder gehen auch die Polizisten mit gezogenen Waffen vorbei, Menschen dürfen auf keinen Fall Richtung Schwedenplatz gehen. Sie zielen auch auf die Passanten. 

Es wird gefahndet. Hubschrauber kreisen unentwegt über die Innenstadt.

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Kellnerin Tina verbreitet weiterhin gute Stimmung: Sie geht durch, lächelt und fragt, was die Gäste trinken wollen. Währenddessen liest jemand von einer Geiselnahme im 7. Bezirk.

"Ich war am Schwedenplatz und jemand hat geschrien 'Sturmgewehr, Sturmgewehr. Alle weg!' Dann habe ich meine Freunde gesucht, die waren bereits im Stiegenhaus versteckt", erzählt Patrizia Krajcik, ein weiterer Gast des Lokals.

Geteiltes Leid

Es macht sich Solidarität im Lokal breit. Die Menschen reden miteinander, erzählen sich, was sie wissen. Handys müssen aufgeladen werden, weil jetzt auch Verwandte anrufen. Man teilt sich die Ladegeräte, die im Lokal zur Verfügung stehen. 

Viele der Besucher telefonieren mit ihren Angehörigen: "Wir kommen hier nicht weg."

"Uns geht es gut", sagt ein anderer Gast am Telefon. Eine Dame fängt am Telefon an zu Weinen. Aber die Stimmung bleibt positiv, die Menschen reden miteinander und wollen sich ablenken.

Ein junges Mädchen kommt in das Lokal: "Wir sind geflüchtet, wir müssen zurück in das Geschäft, sonst verbrennt es womöglich", erzählt sie. Sie arbeitet in der Bäckerei Hefi, die Baumkuchen verkauft.

"Dort darfst du jetzt nicht hingehen", erklärt der Barchef.

"Wir haben gehört es soll 40 Tote geben", sagt sie verzweifelt. "Das stimmt nicht, dafür gibt es keine Bestätigung", antwortet ein anderer Gast. 

Licht aus

Zur gleichen Zeit befindet sich eine andere KURIER-Redakteurin nicht weit entfernt in dem italienischen Innenstadt-Restaurant, "Da Capo" in der Schulerstraße 18. Sie will mit einer Freundin nach einem Abendessen das Lokal verlassen, daraus wird aber nichts.

Zu diesem Zeitpunkt hören sie das erste Mal die erschreckenden Nachrichten. Sie werden unruhig. Die Gäste müssen alle auf ihren Plätzen sitzen bleiben, dann wird das Licht eine Zeit lang abgedreht.

"Wir gehen auf die Toilette und umarmen uns dort", erzählt sie. Auch hier übernimmt der Kellner eine wichtige Rolle, er beruhigt die Menschen: "Wir haben hier sehr dicke Wände."

Aber die Gäste haben über soziale Medien erfahren, dass jemand herumläuft und angeblich in Lokale schießen soll. Gesicherte Information gibt es wenig. Manche Besucher flüchten in den Keller des Lokals und harren dort weiter aus.

Eine weitere KURIER-Redakteurin irrt in diesem Minuten in der Stadt herum: Sie konnte in einer Bar am Hof noch bezahlen und ist auf dem Weg zu ihrem Auto. "Überall stehen halbleere Gläser, die Schanigärten zeigen eine Momentaufnahme der hektischen Flucht der Besucher", erzählt sie.

Ein Polizist sieht sie und kontrolliert sie - mit gezogener Waffe.

"Ich will nur zu meinem Auto", sagt sie. Auf der Straße beobachtet sie Menschen, die von einem Hauseingang zum nächsten flüchten. Die Lokale lassen keine Menschen mehr hinein. Sie schafft es schließlich zu ihrem Auto - und die Stadt zu verlassen.

"Normalerweise rauche ich nicht!"

Wieder im Lokal Daniel Moser schauen die Menschen bereits ORF-Liveberichte und lesen in den Zeitungen online mit, was passiert.

Die ersten Gäste, die in der Nähe wohnen, versuchen gegen 1 Uhr ihr Glück und verlassen das Lokal. Andere, die weiter weg wohnen, kommen wieder zurück ins Lokal: "Nichts fährt und es gibt keine Taxis."

Die Polizei hat sie angeschrien, dass sie sofort wieder in ein Haus gehen sollen. Ein Polizist nähert sich dem Lokal: "Bitte bleiben Sie drinnen, so etwas wie heute habe ich selbst noch nie erlebt. Ich rauche normalerweise nicht, aber heute rauche ich", sagt er.

Ein anderer Besucher sagt dem Polizisten: "Danke, was sie für uns tun. Ihr seid super!"

Nach Hause über die Salztorbrücke

Auf der anderen Seite am Schwedenplatz, im Lokal Mae Aurel, wo zahlreiche Passanten, die zum Zeitpunkt des Attentats auf der Straße waren, von dem Personal aufgenommen wurden, ist die Polizei vor Ort.

Sie nehmen die Daten der Gäste und einige Zeugenaussagen auf. Danach werden die Gäste und die Mitarbeiter mit Hilfe der Polizei über die Salztorbrücke nach Hause gebracht. 

Auf der Rotenturmstraße selbst versuchen die Gäste andere Lösungen zu finden. Wo kann man jetzt schlafen? Wie kommt man hier weg? Der Alpenverein bietet an, dass man eventuell in ihrer Kletterhalle schlafen könne.

Manche der Besucher müssen nach Oberlaa, Hernals oder Hietzing. Gegen zwei Uhr beschließt man, gemeinsam ein Taxi zu suchen. 

Aber weit und breit ist davon keines zu finden. In den Lokalen sieht man noch Menschen verharren, einige junge Leute sitzen auf der Straße und wissen nicht, wohin.

Verschlossene Hoteltüren

Vor dem Hotel Marriott werden wir anfangs nicht rein gelassen. Ich bin mittlerweile nur noch mit meiner Mutter und einer anderen älteren Dame unterwegs. Jeder hat wohl Angst, dass jeder ein Täter sein könnte. Schließlich sind es Freunde, die kommen und helfen und uns nach Hause bringen.

"Sie hätten auch im Marriott übernachten können", sagt man mir, nach einer Odyssee und zu spät. Jetzt fahren wir nach Hause, danke. 

Auch die KURIER-Kollegin im italienischen Lokal hat ihren Mut zusammengenommen: "Hand in Hand sind wir in das Hotel 'König von Ungarn' gelaufen und haben dort eine Bleibe gefunden. In den frühen Morgenstunden fuhr sie dann mit dem Taxi nach Hause. 

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