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Chronik Wien
10/31/2021

Polizeipräsident zu Terror-Jahrestag: „Angreifer unter Druck setzen“

Gerhard Pürstl erzählt, wie er den 2. November 2020 erlebte - und was die Strategie der Polizei war.

von Dominik Schreiber

„Angeblich Schüsse in der Innenstadt, angeblich mehrere Verletzte und angeblich ein verletzter Kollege“ – so erfuhr der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl am Nachhauseweg telefonisch von dem Terroranschlag in Wien.

„Fünf Minuten später war von mehreren Schießereien in der ganzen Innenstadt die Rede, verifiziert war, dass ein Kollege betroffen ist und dass es auch schon Tote gibt. Da war mir klar, das kann nur eine Amok- oder Terrorlage sein“, erinnert sich Pürstl im Gespräch mit dem KURIER.

„Wir sind in das übergegangen, was wir seit vielen, vielen Jahren trainiert haben. Das hat sich ausgezahlt, wir haben innerhalb kürzester Zeit die Chaos-Phase in den Stäben drinnen und vor Ort beendet. Das ist der Punkt, wo man in die geordnete Polizeiarbeit übergehen kann", sagt Pürstl.

"Wir wussten aus Erfahrungen aus Brüssel oder Paris, dass plötzlich über den Notruf Wahrnehmungen von Menschen kommen, die Dinge ganz anders wahrnehmen. Jeder Knall kann dann eine Bombe oder Granate sein. Und plötzlich ist die Polizei konfrontiert mit unzähligen Meldungen von Schießereien und Geiselnahmen. Da ist es dann ganz wichtig, ruhig zu bleiben und die Nerven zu bewahren. Das muss man aber auch wissen und dann nicht gleich die Kavallerie hinschicken, sondern geeignete Kräfte.“

Gegenangriff

Bei Amok und Terrorlagen sei man bei der Polizei mittlerweile von der Philosophie abgerückt, erst einmal abzusichern und abzuwarten, bis andere Kräfte eintreffen. Man sei dazu übergegangen, den Angreifer sofort unter Druck zu setzen und zu attackieren, erklärt der Polizeipräsident.

„Der Einsatzgrund ursprünglich lautete: Schüsse gehört. Bei bis zu 1700 Einsätzen pro Tag kommt so etwas mehrmals pro Tag vor, deswegen steigt man ja nicht immer gleich mit voller Montur und Sturmgewehr aus, man macht sich zuerst ein Bild. Und die Beamten sind sofort, als sie gesehen haben, worum es da geht, in die Täter-Bekämpfung übergegangen.“

Lehren aus dem Einsatz

Nach dem Einsatz gab es deshalb Diskussionen, weil noch nicht alle Streifen in Wien mit Sturmgewehren ausgerüstet waren, wie es in den anderen acht Bundesländern längst Standard war.

„In der Zwischenzeit sind alle Funkstreifen mit Sturmgewehren ausgerüstet. Es ist aber nicht das alleinige Allheilmittel, gerade in der Großstadt ist der Einsatz sehr schwierig“, betont Pürstl.

„Eines der ersten eintreffenden Fahrzeuge hatte eines dabei, aber in der Situation greift der Beamte einmal instinktiv zu dem, was er gut kennt, was er bei sich hat und mit dem er den Täter neutralisieren kann. Es ist zu bezweifeln, dass Sturmgewehre zum Einsatz gekommen wären, wenn es in einem Funkstreifen solche gegeben hätte. Bei der WEGA, die danach kam, ist die Lage schon wieder eine ganz andere.“

Kritik am Verfassungssschutz

Bezüglich Kritik am Verfassungsschutz stellt sich Pürstl vor seine Mannschaft: „Wir kennen das von vielen Anschlägen aus anderen Städten: Es wird sehr rasch nach so einem Vorfall schon die Frage gestellt, was haben die Behörden falsch gemacht. Meistens wird es so gemacht, dass man den Krimi von hinten liest. Man weiß, was das Ergebnis ist, und schaut, ob es davor Defizite gegeben hat", so Pürstl.

"Bei jeder Evaluierung wird man Defizite und Dinge finden, die man optimieren kann. Aber die Untersuchung hat eindeutig ergeben, dass keines dieser Defizite kausal war, dass dieser Anschlag stattgefunden hat. Wir sind eine offene, eine lernende Organisation. Man wird immer etwas finden, wo man sagt, man könnte etwas anders gestalten.“

Als Fazit bleibt für Gerhard Pürstl: „Das war einer der wichtigsten Einsätze meiner Laufbahn. Rein operativ hat bei dem Einsatz alles gut funktioniert, darauf kann man als Polizeichef stolz sein. Dennoch darf man nicht vergessen, dass es Todesopfer gab.“

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