© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
10/31/2021

Schüsse bei der Kirche am 2. November 2020: „Wir verhalten uns still“

17 junge Menschen versteckten sich in der Ruprechtskirche. Zum Jahrestag des Terroranschlags werden die Türen offen stehen.

von Michaela Reibenwein

Pater Alois Riedlsperger versperrt die Kirchentür hinter sich. „Sonst kommt ständig jemand herein“, sagt er. Dabei sind ihm offene Türen wichtig. Das betrifft nicht nur den Zugang zur Wiener Ruprechtskirche, das ist ihm auch beim Gespräch mit anderen Religionen wichtig.

Es ist eine besondere Kirche – zum einen die älteste Wiens, die schon im Jahr 740 gegründet worden sein soll. Und eine, die sich mitten im Bermudadreieck befindet, einer beliebten Ausgehmeile, die am 2. November des Vorjahres zum Schauplatz des Terroranschlags wurde.

Als die ersten Schüsse fielen, feierten 17 junge Menschen der Gruppe „Weil ma glaubn“ gerade einen Gottesdienst. Nur wenige Meter von der Kirche entfernt verloren Menschen ihr Leben.

Licht aus

„Zum Glück waren die Jungen so geistesgegenwärtig und haben sofort die Tür von innen verschlossen und das Licht abgedreht. Keiner von ihnen ist hinausgelaufen“, schildert Riedlsperger.

Bis 3 Uhr Früh harrten sie im Dunklen aus. Riedlsperger selbst war nicht unter ihnen – aber immer im ständigen Telefonkontakt. „Wir verhalten uns still“, versprachen sie ihm. „Der Gedanke, dass der Terror jetzt auch uns erreicht hat, war fatal“, erinnert er sich.

In einem Ermittlungsbericht der Polizei ist zu lesen, dass der Attentäter versucht hat, einen Durchgang Richtung Ruprechtskirche zu betreten – allerdings schloss sich der automatisch um 20 Uhr. „Es gibt keine Anzeichen, dass er zu uns in die Kirche wollte“, sagt Riedlsperger.

Dennoch: Der Terror fand vor der Türe statt. Als der Pater gegen 6 Uhr Früh zur Kirche durfte, zeugten Blutlachen vom Ausmaß des Anschlags. Noch immer hat er das Bild vor Augen, wenn er zu seiner Kirche geht, sagt er.

Was ihm imponierte, war der Zusammenhalt nach der Tat. Dass Bewohner den Opfern ein Bett anboten, dass Menschen aller Religionen zusammenrückten und gemeinsam beteten.

Er habe dem Attentäter vergeben, sagt er. „Vergeben heißt nicht vergessen oder beschönigen. Aber ich habe schon darüber nachgedacht, was diesen jungen Mann dazu gebracht hat. Ein glücklicher Mensch kann er nicht gewesen sein.“

Offenes Ohr

Er habe in den Tagen danach die Türe der Kirche bewusst offengelassen, sagt er. „Viele Junge sind gekommen. Sie haben gebetet. Hier überall sind Lichter gestanden“, erinnert er sich.

Er wird seine Tür auch am Nachmittag des 2. November öffnen und vor Ort sein. Nicht nur deshalb, weil die Bundesregierung hier einen Gedenkakt abhalten wird – auch um ein offenes Ohr für alle anzubieten.

Die jungen Gläubigen, die damals in der Kirche ausharrten, waren seither übrigens nicht mehr hier. Zur Gedenkfeier werden sie aber musizieren.

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