Kexin Li musste schnell erwachsen werden. Von den Behörden und der Politik  fühlt sie sich im Stich gelassen. 

© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
10/30/2021

Kexin Li verlor bei Terror in Wien Vater: Die Lücke lässt sich nicht schließen

Der Jahrestag des Anschlags wird für die junge Frau und ihre Familie eine psychische Herausforderung. Doch verstecken will sie sich nicht.

von Michaela Reibenwein

Kexin Li will reden. „Ich sehe es auch als Verantwortung gegenüber den anderen Betroffenen“, sagt sie. Das Wort „Opfer“ wählt sie bewusst nicht. Sie will nicht in die Opferrolle gedrängt werden. Auch, wenn ihr Vater, Qiang Li, beim Terroranschlag getötet wurde.

Die 22-Jährige sitzt in der Kanzlei ihres Rechtsanwalts Karl Newole. „Ohne ihn hätten wir das nicht geschafft“, sagt sie. Und meint damit unter anderem die vielen behördlichen Hürden nach dem Tod ihres Vaters.

Die Lücke, die der Vater hinterlassen hat, ist groß. Aber auch die finanziellen Probleme, die die Familie seit damals stemmen muss – das Lokal der Eltern steht leer –, und das Gefühl, von der Politik und den Behörden im Stich gelassen worden zu sein, wiegt schwer.

„Meine jüngere Schwester und ich mussten sehr schnell erwachsen werden“, sagt sie.

Ein besseres Leben

Das Lokal, wo der Vater erschossen wurde, gibt es noch immer. Kexin Li meidet den Platz bewusst nicht. „Das bringt nichts“, sagt sie und erinnert sich an die unzähligen Kerzen und Blumen, die vor dem Lokal abgelegt wurden.

Aber auch daran, dass sie diese Zeichen der Anteilnahme mit ihrer Familie gemeinsam wegräumen und wegschmeißen musste.

Es war das Lebenswerk der Eltern. Als diese nach Österreich kamen, waren sie 16 bzw. 17 Jahre alt. Gemeinsam bauten sie sich das kleine Restaurant auf. Die beiden Töchter kamen in Wien zur Welt, wurden im Lokal groß. Denn Freizeit gab es für die Eltern nur selten.

Gefühle spielen verrückt

Der Jahrestag wird für die gesamte Familie eine Herausforderung. „Je näher er kommt, desto mehr spielen die Gefühle verrückt“, erzählt sie. Sie hat sich schon den Tag zuvor freigenommen. „Um mich mental darauf vorzubereiten.“

Den 2. November will sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester verbringen. „Ich möchte auch an ein oder zwei Gedenkveranstaltungen teilnehmen. Vielleicht schaffen sie es auch“, sagt sie.

Die Mutter, erzählt sie, gehe seither kaum noch aus der Wohnung. Deutsch spricht sie nur mehr wenig. „Auf Deutsch ist ihr mitgeteilt worden, dass ihr Mann erschossen worden ist“, erklärt Kexin Li.

Auch die Schwester kämpft. Sie hat im November Geburtstag. Doch feiern will sie ihn künftig nur noch in einem anderen Monat.

Unter die Haut

Nicht nur sie kämpfen mit den Folgen des Terroranschlags. Anwalt Newole vertritt insgesamt 24 Betroffene. Kurz vor dem Jahrestag hat er sie gefragt, wie es ihnen geht. Die Antworten gehen unter die Haut.

„Die Todesangst von damals hat mich verändert und es ist nicht leicht, weiterhin an das Gute im Menschen zu glauben.“

„Manchmal steige ich aus dem Bus aus, weil ich Angst habe, dass jemand, der eingestiegen ist, ein Terrorist sein könnte.“

„Ich hatte Todesangst. Bis heute Albträume wegen dem jungen Mann, der neben mir erschossen wurde. Jedes schussähnliche Geräusch erinnert mich an dieses Ereignis.“

„Wir sind weggezogen aus Wien und ich werde nie mehr in den 1. Bezirk gehen.“

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