Café Goldegg: Jutta Scheuch hat 1.700 Euro aus dem Härtefallfonds II bekommen  

© Kurier/Juerg Christandl

Analyse
06/03/2020

Querfeld vs. Regierung: Die Cafetiers proben den Aufstand

Nach Anfeindungen gegen den Chef des Café Landtmann gehen die Kaffeehausbesitzer in die Offensive. Von der Politik fühlen sie sich im Stich gelassen. Für die ÖVP könnte das zum Problem werden.

von Julia Schrenk

Jutta Scheuch ist keine, die lang zaudert.

Wenn die Chefin des Café Goldegg im 4. Bezirk etwas zu sagen hat, dann sagt sie es.

Laut. Und auch deutlich.

Was mit ihrem Kollegen – und Wiens wohl bekanntestem Cafetier – Bernd Querfeld vom Café Landtmann gerade passierte, sei „geradezu Rufmord. Berndt ist ein Vorzeige-Gastronom und wird jetzt als Betrüger öffentlich vorgeführt. Wenn man liest, was über ihn geschrieben wird, kriegt man richtig Angst.“

Über Querfeld, der mit seiner Familie in Wien sechs Cafés, eine Jausenstation, ein Bootshaus und ein Pub betreibt, hat sich seit Samstag ein Sturm der Entrüstung zusammengebraut.

Im Standard hatte er Kritik an den Hilfspaketen der Bundesregierung geübt. Die seien „zerplatzt wie Luftballons“, sagte Querfeld wörtlich. Er wisse nicht, ob er die Krise mit seinem Unternehmen überstehe.

Am Sonntag ließ das zuständige Tourismusministerium von Elisabeth Köstinger (ÖVP) auf heute.at wissen, dass Querfeld sehr wohl etwas bekommen habe. „Promi-Wirt klagt über Corona-Geld, bekam aber 1 Million“, titelte das Medium.

Allerdings: Querfeld hat seine 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Kurzarbeit angemeldet. Die besagte Million, die er dafür vom AMS bekommen hat, ist also keine direkte Förderung, die auch im Unternehmen bleibt.

Er habe die sozial verträglichere Variante der wirtschaftlich besseren vorgezogen, wie Querfeld mehrmals betonte. Heißt: Kurzarbeit statt Kündigungen. Trotzdem wird er nun angefeindet: Als Bonze, der den Hals nicht vollkriegt.

Und damit hat vor allem die ÖVP zu tun.

Dass Informationen des Tourismusministeriums über die angeblichen Zuwendungen an Querfeld just am Tag nach seiner kritischen Äußerung im Boulevard aufpoppen, wirkt wie ein Revanche-Foul. Das ist das eine.

Dass die ÖVP nun so tut, als sei das Geld für Kurzarbeit, das an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht, eine direkte Finanzspritze für ein Unternehmen, ist das andere.

Facebook-Aufregung

Mittwochabend hat sich die Situation nach einem Facebook-Posting des ÖVP-Abgeordneten Martin Engelberg noch zugespitzt. Engelberg behauptet, Querfeld habe „mehrere Instrumente an Unterstützungsleistungen bekommen“. Quelle nennt er keine.

Auch vom zuständigen Tourismusministerium gibt es dafür keine Bestätigung: Es gehe um „Kurzarbeit für mehrere Lokale“, heißt es auf KURIER-Anfrage. Man habe „Herrn Querfeld ersucht, Unterstützungsleistungen offenzulegen oder die Behörden von der Amtsverschwiegenheit zu entbinden.“

In die Bresche springen

Unter dem Facebook-Posting nahmen zahlreiche Kollegen Querfeld in Schutz: Einer von ihnen war Gert Kunze, Chef des Café Eiles gegenüber des Wiener Rathauses: „Wenn wir als Unternehmer die Löhne vorstrecken, teilweise mit Kredit finanzieren und dann erst nach Wochen vom Staat zurückerstattet bekommen, zerrt das erstens an den Nerven und ist zweitens keine Unterstützung vom Staat.“

Christina Hummel, Chefin des Café Hummel in der Josefstadt, sagt: „Ich bin erschüttert. Sind wir in einem Land, in dem man seine Meinung nicht mehr sagen darf?“

Dass man mit der eigenen Wählerschaft – noch dazu mit einer Branchen-Größe wie Querfeld – so umspringt, könnte für die ÖVP noch zum Boomerang werden.

Vor allem für die Wiener Türkisen, denen bei der Wien-Wahl im Herbst so gute Chancen wie schon lange nicht mehr zugesprochen werden.

Verwunderlich ist das Vorgehen der ÖVP auch, weil Querfeld selbst als ÖVP-nahe gilt.

Querfeld war von 2010 bis 2016 für den ÖVP-Wirtschaftsbund als Fachgruppen-Obmann der Kaffeesieder Wirtschaftskammer tätig und ist gut vernetzt. Sein Betrieb stand vor der Krise finanziell gut da. Man nennt ihn ein „Vorbild“. Seine Kaffeehaus-Kollegen in Wien verlieren kein schlechtes Wort über ihn. Im Gegenteil.

„Der Berndt hat lange zugeschaut“, sagt Christina Hummel. Die Branche habe sich lange mit Kritik zurückgehalten. „Aber irgendwann platzt einem der Kragen.“

Hummel will nicht jammern, sagt sie. Sie habe alles probiert: eine Protestaktion, einen runden Tisch, sogar eine Gesangsdarbietung und ein Video, um Aufmerksamkeit für die Anliegen der Branche zu bekommen.

Es brauche eine temporäre Reduktion der Lohnnebenkosten, einen niedrigen Mehrwertsteuersatz auf Speisen und einen Liquiditätskredit.

Zu blöd zum Ausfüllen?

„Außer der Kurzarbeit hab’ ich bekommen: null Euro“, sagt Hummel. Und betont mehrmals, einen „äußerst intelligenten Steuerberater“ zu haben.

Das macht sie deshalb, weil Bundeskanzler Sebastian Kurz in einem Ö3-Interview unlängst falsch ausgefüllte Formulare für das Ausbleiben der Unterstützungsleistungen verantwortlich machte.

Die Probleme
Immer wieder haben Gastronomen die mangelnde Unterstützung kritisiert. Um Kurzarbeit vorfinanzieren zu können, mussten viele etwa einen Kredit aufnehmen

Die Forderungen
Gastronomen aus ganz Österreich unterstützen die Petition „Rettet die Gastronomie“. Sie fordern unter anderem: die Reduktion der Lohnnebenkosten um 25 Prozent, die Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf 5 Prozent bis 31. Dezember, einen Liquiditätshilfskredit und die die Aufhebung der Sperrstunde.

Die Wirte, zu blöd, um Formulare auszufüllen?

„Mein Vater würde sich im Grab umdrehen“, sagt Hummel. Die ÖVP bezeichnet sie nur noch als „angebliche Wirtschaftspartei“.

Und: „Bald wird jeder Unternehmer jemanden kennen, der nicht mehr die ÖVP als Unternehmerpartei wählen wird“, sagt die Chefin des Hummel.

Diesen Seitenhieb auf den Kanzler („Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist“), den kann sie sich nicht verkneifen.