2015 hat Moriz Piffl die Vollpension in der Schleifmühlgasse eröffnet

© Julia Schrenk

Chronik Wien
06/02/2020

9,90 Euro für eine Stunde im Kaffeehaus

Im Café Vollpension zahlt man bis 15. Juni pro Stunde, nicht pro Kaffee. So will man die Krise überstehen

von Julia Schrenk

Ein Kleinen Braunen und ein Glas Wasser, danach drei Stunden Zeitung lesen – und nichts mehr konsumieren. Das ist das, was das Wiener Kaffeehaus (mitunter) ausmacht. Und das wird es in der Vollpension künftig nicht mehr geben.

Bis 15. Juni zahlt man in dem Café in der Schleifmühlgasse im 4. Bezirk nicht mehr für den Kaffee, den man trinkt oder den Kuchen, den man sich gönnt – sondern für die Zeit im Kaffeehaus.

Eine Stunde Verweildauer kostet 9,90 Euro. Dafür bekommt man so viel Kaffee, Tee und Hauslimonade wie man will – und ein Stück Kuchen. Bleibt man zwei Stunden, dann gibt es statt des zweiten Stücks Kuchen auch ein Schnittlauchbrot.

Alle Speisen und Getränke, die sich sonst auf der Karte befinden, muss man extra bezahlen, allerdings kriegt man 25 Prozent Rabatt. Beim Bestellen schreibt das Personal die Uhrzeit direkt auf den Tisch, nach einer Stunde wird man freundlich erinnert, dass die bezahlte Zeit vorbei ist. Wer kürzer bleibt, kriegt keinen Preisnachlass.

Diese vorläufige Neuausrichtung des Cafés notwendig gemacht hat die Coronakrise, die die Vollpension nicht unbedingt härter, aber anders getroffen hat, als andere Kaffeehäuser.

Die Vollpension ist ein sogenanntes Social Business – dort backen Seniorinnen und Senioren den Kuchen, sie nehmen auch die Gäste in Empfang. Wer dort hinkommt, soll sich „wie bei der Oma“ fühlen. Die „Oma“ (oder der „Opa“) können sich so etwas zur Pension dazuverdienen.

Sozial verträglich

Wegen ihres Alters zählen viele zur Risikogruppe, arbeiten also zur Zeit nicht. Gekündigt wurden jene, die auf das Geld angewiesen sind, nicht, sagt Piffl. Weil viele nur geringfügig beschäftigt sind, haben sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, auch Kurzarbeit kann nicht angewendet werden.

Der Stundenpreis von 9,90 Euro entspräche genau dem Betrag, die das Kaffeehaus bei 50-prozentiger Auslastung in einer Stunde erwirtschaften müsse, um zu überleben.

„Die krisenbedingte Sitzplatzreduktion ist nur das halbe Problem“, sagt Moriz Piffl. „Es ist wieder offen, aber es kommt niemand.“

Ein Drittel der Gäste

Der Vollpension fehlen – wie derzeit den meisten Kaffeehäusern in Wien – die Touristen. Im Sommer machen sie 60 Prozent der Gäste aus. Würde Piffl seine Umsatzeinbußen über die Preisgestaltung zurückholen wollen, müsste er statt 2,40 Euro für den Espresso satte 7,20 Euro verlangen, sagt er. Das Dreifache – weil ja auch nur ein Drittel der Gäste komme.

Dass dadurch Gäste, die nur kurz auf einen Kaffee kommen wollen, ausgeschlossen werden, nimmt Piffl in Kauf. „Es bleibt uns nix anderes übrig.“

Und auch, dass durch die stundenweise Abrechnung das Konzept des klassischen Wiener Kaffeehauses außer Kraft gesetzt wird. Aber: „Wir sind auch kein klassisches Kaffeehaus.“