© Kurier/Jeff Mangione

Chronik Wien
01/15/2021

Peter Hacker: Lockdown in Wien "ist nicht weiter notwendig"

Trotz der neuen Virus-Mutation plädiert der Wiener Gesundheitsstadtrat für eine schrittweise Öffnung der Ostregion.

von Josef Gebhard

Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) geht mit dem Corona-Management des Bundes scharf ins Gericht.

KURIER: Herr Stadtrat, bei unserem letzten Interview Anfang Oktober haben Sie gesagt, ein zweiter Lockdown sei nicht notwendig, weil man mittlerweile wisse, wie man mit dem Virus umzugehen hat. Wirklich gut gealtert ist diese Prognose nicht, oder?

Peter Hacker: Wir sind abhängig von den Entscheidungen der Bundesregierung. Jetzt ist Wien zum vierten Mal hintereinander nach den Spielregeln der Corona-Kommission eigentlich schon wieder im orangen Bereich. Trotzdem hat der Bund beschlossen, die Ampel österreichweit zu schalten, was entgegen den Vereinbarungen mit der Kommission ist. Aber am Ende des Tages muss ich das zur Kenntnis nehmen.

In den nächsten Stunden wird entschieden, wie es mit dem Lockdown weitergehen soll. Es könnte eine Verlängerung kommen. Würden Sie das gut finden?

Nein. Es ist nicht notwendig, dass der Lockdown weitergeht. Wir sehen in Wien, aber auch in einigen Bezirken rund um Wien, eine ganz andere Situation als beispielsweise in Salzburg oder Kärnten. Somit ist ganz klar, dass dort andere Maßnahmen erfolgen müssen, als bei uns in der Ostregion, wo wir eine sehr stabilen Lage haben. Und wir können ja nicht nur das Virus als solches betrachten, sondern sind auch verpflichtet, das Wirtschaftsleben im Auge zu haben. Wir haben in der Zwischenzeit eine um 25 Prozent höhere Arbeitslosigkeit als im Vorjahr. Es wird Zeit, dass die Wirtschaft wieder aufgesperrt wird.

Aber was könnte das konkret für Wien heißen?

Wenn nur Wien alleine auf Orange geschaltet wird, kann man sicherlich nicht große Handelsbetriebe, Möbel- und Baumärkte öffnen, sonst haben wir sofort alle Bewohner Niederösterreichs hier. Sehr wohl kann aber der kleine Schuster, der Friseur, das Nagelstudio und der Installateur öffnen. Es muss auch wieder möglich sein, zu zweit am Tennisplatz zu sein oder unter Einhaltung von Abstandsregeln und Präventionskonzepten ins Museum oder ins Theater zu gehen. Natürlich sollen die Öffnungen mit Hirn, Schritt für Schritt, erfolgen.

Diese Lockerungen sollen ab dem 25. Jänner erfolgen?

Selbstverständlich. Auch die Schulen gehören wieder geöffnet. Es braucht jedenfalls nachvollziehbare Maßnahmen. Was nicht nachvollziehbar ist: Monatelang hält sich die Bevölkerung einer Stadt und deren Umgebung an die Regeln und die Epidemiewerte sind entsprechend gut. Doch das ist völlig egal, Hauptsache man kann in Salzburg weiter Skifahren.

Wäre solche Lockerungen angesichts der neuen Virus-Variante nicht sehr leichtsinnig?

Wenn wir der Meinung sind, diese Mutation ist so gefährlich, dass das Land in einen vollkommenen Erdloch-Lockdown gehen muss, dann gibt es überhaupt kein Argument, auch nur einen einzigen Skilift in diesem Land zu betreiben. Es kann nicht sein, dass wir Skirennen aus der Schweiz übernehmen und gleichzeitig sagen wir, das Virus ist so gefährlich, dass wir weiter einen Lockdown brauchen – obwohl die epidemiologischen Fakten nicht dafür sprechen.

Wien hat aktuell eine Sieben-Tagesinzidenz von rund 130 Infektion pro 100.000 Einwohner. Bundesrettungskommandant Gerry Foitik plädiert dafür, sie auf 25 drücken. Liegt er mit seiner Forderung falsch?

Ich schätze Foitik sehr, aber er ist kein Infektiologe oder Mikrobiologe. Und auch kein Gesundheitspolitiker. Ich schätze seine jüngsten Aussagen nicht sehr. Er hätte sie in diesem Fall besser verschweigen sollen.

Die Massenimpfungen im Wiener Messezentrum sind gestartet. Trotzdem sind erst einige tausend Menschen in Wien geimpft. Wer ist verantwortlich dafür, dass es so schleppend vorangeht?

Warum manche europäischen Länder mehr Impfstoff haben als Österreich, kann ich nicht beantworten. Aber ich bin auf die Antwort des Gesundheitsministers, der das alles verhandelt hat, durchaus sehr neugierig. Es ist schon ein Jammer, dass die tatsächliche Umsetzung im Vergleich zum PR-Wirbel, den die Bundesregierung gemacht hat, eher bescheiden ist. Mir tut es auch sehr weh, dass wir die Impfstraße in der Messehalle Montagabend wieder zusperren müssen, weil schlicht und einfach diese Regierung zu wenig Impfstoff besorgt hat.

Warum ist ausgerechnet beim Pflegepersonal die Impfbereitschaft relativ überschaubar?

Dieser Befund basiert auf Umfragen. Sie wurden gemacht, als die wissenschaftlichen Dokumentationen über diese Impfstoffe noch nicht publiziert waren. Ich denke, die Einstellung zur Impfung wird sich jetzt sehr rasch ändern. In den ersten Spitälern haben wir bereits 95 Prozent der Ärzte geimpft, auch beim Pflegepersonal sehen wir eine Impfbereitschaft von bis zu 70, 80 Prozent. Dass Pflegekräfte kritischer Impfungen gegenüber sind, ist nichts Neues.

Abschließend: Wann dürfen normalsterbliche, gesunde Personen in Wien mit einer Impfung rechnen?

Ich schätze, im zweiten Quartal sollte so viel Impfstoff da sein, dass wir in die Breite gehen können.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.