© stephan boroviczeny

Chronik Wien
11/06/2019

Missbrauch: Die späte Aufarbeitung einer düsteren Ära

52 Millionen Euro zahlte die Stadt Wien an 2.348 Opfer von Gewalt in Kinderheimen. Experten ziehen eine zwiespältige Bilanz.

von Josef Gebhard, Julia Schrenk, Katharina Zach, Andreas Puschautz, Michaela Reibenwein

Von „systematisch und institutionell schwersten Misshandlungen, Folter und Sadismus“ ist im Endbericht jenes Gremiums des Weissen Rings die Rede, das sich in den vergangenen neun Jahren um die Aufarbeitung der Übergriffe in den Wiener Kinderheimen kümmerte. Die acht Experten berieten auch über die finanzielle Unterstützung der Betroffenen. Seit 2010 brachte dafür die Stadt 52,53 Millionen Euro auf, 2.348 Opfern wurde damit geholfen. Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen und lässt eine Psychologin zu Wort kommen, die bereits in den 1970er Jahren vor Missbrauchsfällen warnte. 

Wie kam es zu den massiven Übergriffen auf Heimkinder?

Der Großteil der Fälle betrifft Kinder, die in den 1950er- und -60er-Jahren geboren wurden. Das Ausmaß der Brutalität betrachtet Anton Schmid, ehemaliger Kinder- und Jugendanwalt als Folge des NS-Regimes. Dem widerspricht Irmtraut Karlsson, Psychologin und ehemalige SPÖ-Politikerin: Die Ursachen der Gewalt seien vielmehr die starren Strukturen in der Kinderbetreuung gewesen. Weiters habe die Stadt aus Kostengründen oftmals auf entlegene, private Heime zurückgegriffen, sagt sie zum KURIER.

Wie wurden die Missbrauchsfälle in Wiener Kinderheimen bekannt?

Anfang 2010 wurden zunächst Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen bekannt. Daraufhin meldeten sich auch Menschen, die von schweren Misshandlungen in städtischen Kinderheimen berichteten. Noch 2010 beauftragte die Stadt die Opferschutzorganisation Weisser Ring mit der Einrichtung eines Gremiums, das die Fälle aufarbeiten sollte. KURIER-Berichte aus dem Jahr 2011 über massive Übergriffe im Kinderheim Schloss Wilhelminenberg zeigten, dass das Problem wesentlich größer als angenommen ist.

Wie wurden die Zahlungen berechnet?

In die Entscheidung über die Höhe der Geldleistungen flossen Kriterien wie die Dauer des Heimaufenthalts, das Alter, die Art der erlebten Gewalt und auch die dokumentierten langfristigen Folgen ein. Dazu gehören neben Auswirkungen auf die Psyche auch körperliche Folgeschäden, heißt es im Bericht.

Wie sahen die Zahlungen im Detail aus?

Im Durchschnitt wurden rund 17.700 Euro pro Person ausgezahlt. 18,2 Prozent der 2.384 Empfänger erhielten 20.000 Euro. Dahinter rangieren die 16,8 Prozent der Betroffenen, die 15.000 Euro bekamen, Für 15,5 Prozent gab es 25.000 Euro und für 12,5 Prozent 10.000 Euro.

Wofür gab es sonst noch Geldleistungen?

Den Betroffenen wurde auch Psychotherapie angeboten. Von den genehmigten 144.000 Einheiten wurde knapp die Hälfte in Anspruch genommen. Die Ausgaben dafür beliefen sich auf 6,14 Millionen Euro. Hinzu kommt die Finanzierung von Rechtsberatung im Ausmaß von rund 90.000 Euro.

Ist die ausbezahlte Summe ausreichend?

Immer wieder kam es vor, dass sich Opfer bitter über die geringe Höhe der Zahlungen beschwerten. Dies wird auch im Bericht dokumentiert: So beklagte etwa ein Opfer beim Weissen Ring, dass die Summe angesichts seiner „verlorenen Jugend“ unzureichend sei. Demgegenüber stehen zahlreiche Opfer, für die das Geld eine wesentliche Verbesserung ihrer notorisch finanziell sehr angespannten Lebenssituation bedeutet – ein Problem, das sehr viele ehemalige Heimkinder betrifft. Dank der Unterstützung sei er „mit 61 Jahren zum ersten Mal seit langer Zeit schuldenfrei“, schilderte ein Klient. Rechtsanwältin Irene Oberschlick, die Mitglied des Gremiums war, dazu im Bericht: Es sei klar „dass die hier zugesprochenen Beträge an Menschen, die Unvorstellbares erlebt haben und deren Leben teilweise richtiggehend zerstört wurde, ausschließlich Symbole der Wiedergutmachung sein konnten und von einer solchen, so diese überhaupt bezifferbar ist, weit entfernt liegt. Ich finde es sehr bedauerlich, dass dies den Opfern nicht auch so kommuniziert wurde.“

Welche Maßnahmen wurden noch gesetzt?

Ein wesentlicher Schritt war die Einführung der Heimopferrente im Jahr 2017. Die Höhe lag zunächst pauschal bei monatlich 300 Euro. Im Jahr 2018 betrug sie nach einer Index-Anpassung 306,60 €. Die Rente ist steuerfrei, unpfändbar und wird nicht auf Ausgleichszulage oder Mindestsicherung angerechnet.

Ist mit dem Endbericht die Unterstützung der Opfer abgeschlossen?

Finanzielle Hilfe im engeren Sinn ist jetzt keine mehr vorgesehen. Beim Weissen Ring verweist man jedoch auf die Möglichkeit der Heimopferrente. Auf sie hätten auch Opfer Anspruch, die sich bisher nicht gemeldet hätten. Anlaufstelle für sie ist die Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft oder der Psychosoziale Dienst. Auch die Kosten für Psychotherapie werden nicht mehr übernommen. Die genannten Stellen können aber immerhin dabei helfen, einen Therapieplatz zu finden.

Hat die Stadt richtig gehandelt?

Laut Karlsson habe die Stadt zu spät regiert: „Es hat 1970 eine Heimkommission gegeben, die genau diese Methoden verurteilt hat. Nur geschehen ist nichts.“ 1974 stellte sie ihre Studie „Verwaltete Kinder“ vor, in der sie 14 Heime zur Schließung empfahl. Eines gab es laut Karlsson aber sogar bis in die Gegenwart. Vor fünf Jahren sei dort ein Kind aus dem Fenster gestürzt. Zudem gab es Vorwürfe wegen Gewalt. Erst 2017 wurde die private Einrichtung geschlossen.

Der Fall Groër

1995 berichtete „Profil“, dass Kardinal Hans Hermann Groër im Knabenseminar Hollabrunn Schüler sexuell missbraucht haben soll. Erst bestritt er alles; 1998 bat er um Vergebung, „wenn ich Schuld auf mich geladen habe“.

Der Fall St. Pölten

2004 wurde eine Kinderpornografie-Affäre  im Priesterseminar von St. Pölten publik. Der zuständige Bischof Kurt Krenn spielte die Vorwürfe erst als „Bubendummheiten“ herunter, wenig später musste er zurücktreten.

Das Skandaljahr 2010

2010 flog eine Reihe von Missbrauchsskandalen auf, unter anderem im Klostergymnasium Mehrerau (Vbg.) und im Stiftsgymnasium Kremsmünster (OÖ). Daraufhin richtete Kardinal Schönborn die von Waltraud Klasnic geleitete Opferschutz-Kommission ein, um die Vorwürfe aufzuarbeiten.

Der Fall St. Martin

2012 wurde bekannt, dass in den 1960er-Jahren Mädchen in der Tiroler Landeserziehungsanstalt St. Martin Zwangsarbeit leisteten – unter anderem für Swarovski, Darbo und öffentliche Einrichtungen.

Internationale Fälle

Der wohl prominenteste Fall wurde 2002  in den USA  aufgedeckt. In Boston hatten Priester über Jahre Hunderte Kinder missbraucht, die Erzdiözese hatte alles vertuscht. In Australien wurde wiederum im März 2019 Kardinal George Pell zu sechs Jahren Haft wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Pell,  ehemaliger Finanzverantwortlicher des Vatikan, ist der bislang höchstrangige verurteilte Kirchenmann.

Interview: „Wo niemand reinschaut, gibt es Missbrauch“

Psychologin Irmtraut Karlsson warnte schon in den 1970er Jahren. Heute sieht sie die Gefahr in Altersheimen

KURIER: Sie haben bereits in den 1970er Jahren auf Missbrauch hingewiesen? Wie sehen Sie die Aufarbeitung?

Irmtraud Karlsson: Es freut mich. Wir sind damals niedergemacht worden. Wir sind zu Heimbesprechungen gezerrt worden und alle haben erklärt, die Vorwürfe würden nicht stimmen. Aber es gab engagierte Sozialarbeiterinnen, Heimerzieher, kritische Fachzeitschriften. Die Diskussion war da. Ich finde es gut, dass schließlich die Betroffenen aufgemuckt und den Protest getragen haben.

Wie wichtig ist nun die finanzielle Würdigung?

Die ist wichtig. Aber meiner Meinung nach ist der individuelle Zugang nicht günstig. Da hängt so viel von der Darstellung ab und ob jemand einen Anwalt hat. Bei einem institutionellen Zugang wie in Schweden bekommen alle, die zu einem bestimmten Zeitraum in einem betroffenen Heim waren, Geld. Und zwar gleich viel.

Wie konnte es überhaupt zu derart systematischem Missbrauch kommen?

Man hat den Kindern nicht geglaubt. Es ging ja nicht nur um sexuellen Missbrauch. Die Kinder sind durch die Routine in den Heimen in ihrem Selbstwertgefühl niedergemacht worden. Das ist auch Missbrauch. Das passiert in „totalen Institutionen“. Dort wo niemand reinschaut, ist der Missbrauch da. Das war auch das Problem mit den Heimschulen, die damals verbreitet waren. In dem Moment, in dem die Kinder außerhalb die Schule besuchen, sind sie nicht mehr so unter Kontrolle. Da gibt es Lehrer, Mitschüler.

Wie hat sich die Kinderbetreuung verändert?

Den Kindern wird geglaubt. Und totale Institutionen wie diese Heime gibt es nicht mehr. Zu Problemen kann es aber trotzdem noch kommen. Es gibt Träger von Wohngemeinschaften, die GmbHs sind. An den Kindern kann meistens nicht gespart werden, daher sparen sie am Personal. Das ist meiner Meinung nach zu belastet.

Es gibt mittlerweile kleinere Strukturen, die Volksanwaltschaft prüft die Einrichtungen? Sind derartige Missbrauchsfälle heute noch möglich?

Die Kontrolle von Betreuungseinrichtungen durch die Volksanwaltschaft, also von außen, ist gut. Allerdings können auch kleine Strukturen wie Pflegefamilien zu “totalen" Institutionen werden, wo das Leben der Kinder vollständig kontrolliert wird. Damit sollte sich die Forschung befassen.

Gibt es noch andere Einrichtungen mit derartige Strukturen?

Die Altersheime. Die sind noch immer groß, es schaut kaum jemand von außen hinein. Dort würde ich gerne Strukturen und Personal anschauen. Auch hier braucht es jedenfalls mehr Forschungsarbeit.

Zurück zur Untersuchungskommission. Seit 2016 ist es nicht mehr möglich, sich zu melden. Glauben Sie, dass dies Opfern länger möglich sein müsste?

Alle diese Kommissionen sind mit Stichtagen abgehandelt worden. Indem man aber gesagt hat, Betroffene können über die Kinder- und Jugendanwaltschaft Therapien einreichen, ist eine Brücke geschlagen worden. Diese Brücke würde ich weiter offen lassen.

Laut dem Bericht wurde nur die Hälfte der angebotenen Psychotherapie-Einheiten auch tatsächlich in Anspruch genommen.Warum?

Es gibt Menschen, die sagen, ich habe mich da rausgerappelt und will nichts mehr davon wissen, will auch das Geld nicht. In den 1970er Jahren trauten sich die betroffenen Heimkinder nichts sagen. Und wenn doch, sind sie oft kriminalisiert worden. Auch war das Tabu "ehemaliges Heimkind" sehr groß.