© wilhelm schraml

2011
11/06/2019

Missbrauch: Ein Interview mit weit reichenden Folgen

Wie zwei Schwestern die erschütternde Causa Wilheminenberg ins Rollen brachten.

von Julia Schrenk

Es beginnt im August 2011, im Besprechungsraum einer Anwaltskanzlei im 8. Wiener Gemeindebezirk. Das Interview, das die KURIER-Redakteure Georg Hönigsberger und Julia Schrenk dort führen, dauert mehrere Stunden. Mehrmals muss es unterbrochen werden. Danach beginnt die eigentliche Recherche. Drei Monate lang werden Akten ausgehoben, Zeugen ausfindig gemacht, Informationen zusammengetragen.

Am 19. Oktober 2011 veröffentlicht der KURIER das Interview mit den Schwestern Eva L. und Julia K. Sieben Jahre lang lebten die Schwestern in den 1970er-Jahren im Kinderheim der Stadt Wien am Wilhelminenberg. Im KURIER und ORF berichten sie von Demütigung, Gewalt und Vergewaltigung.

Die Veröffentlichung zieht enormes Echo nach sich. Heimische und internationale Medien berichten, beim KURIER melden sich zahlreiche weitere Betroffene. Viele wollen ihre Geschichte erzählen. Dem Leid, das ihnen widerfahren ist, soll endlich Beachtung geschenkt werden.

Aufarbeitung

Mit dem Interview der beiden Schwestern erreicht die Aufarbeitung struktureller Gewalt an städtischen Einrichtungen eine völlig neue Dimension. Zwar hatte die Stadt Wien bereits im März 2010 – nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche – eine Anlaufstelle für Opfer von Gewalt eingerichtet. Das gesamte Ausmaß aber wurde erst durch die Berichterstattung bekannt.

Danach folgt eine Reihe an Maßnahmen zur Aufarbeitung. Die Stadt Wien richtet eine Kommission unter der Leitung der ehemaligen Familienrichterin Barbara Helige ein. Sie soll die erhobenen Vorwürfe prüfen und die Frage nach der Verantwortung klären. Im Juni 2013 wird der Abschlussbericht präsentiert. Die Kommission bestätigt psychische und physische Gewalt sowie „massiven sexuellen Missbrauch“. Die Kontrolle der Stadt hatte versagt. Schon im Juni 2012 spricht der Leiter der von der Stadt eingesetzten Historiker-Kommission – Reinhard Sieder – von einer „historischen Katastrophe“.

Der damalige Bildungsstadt Christian Oxonitsch (SPÖ) übernimmt die politische Verantwortung. Im November 2016 findet im Parlament ein Staatsakt statt, es ist eine „Geste der Verantwortung“. Im Juli 2017 tritt das Heimopferrentengesetz in Kraft. Damit steht Betroffenen 300 Euro (indexiert) Opferrente pro Monat zu.

„Sind noch nicht fertig“

All das wäre nicht passiert, ohne den Wiener Anwalt Johannes Öhlböck. Er wandte sich damals an den KURIER, vertrat die beiden Schwestern und etwa 50 weitere Betroffene unentgeltlich. „Ohne den KURIER gebe es das nicht. Man hätte uns nicht geglaubt“, sagt Öhlböck. Im Leben von Eva L. und Julia K. gebe es heute „Höhen und Tiefen“. Einer von ihnen wurde nun eine Verbrechensopferrente in der Höhe von monatlich 648 Euro zugesprochen. Ein Erfolg, aber: „Wir sind noch nicht fertig.“ Denn noch immer kann sexueller Missbrauch im Zivilrecht verjähren.

Gewalt und Missbrauch

Als „Hölle auf Erden“  beschreiben Zöglinge das  städtischen Kinderheim am Wilhelminenberg, das 1948 eröffnet wurde. Es kam zu Züchtigung bis zum Erbrechen, Demütigung,  Beschimpfungen und roher Gewalt. Im KURIER  erzählten die Schwestern Eva L. und Julia K. im Oktober 2011 auch davon, über Jahre hinweg  vergewaltigt worden zu sein.

Kommission

Im Juli 2013 bestätigt die  „Wilhelminenberg-Kommission“  die Vorwürfe. Kinder und Jugendliche waren „über die gesamte Zeit des Bestehens des Heims physischer und psychischer Gewalt“   und „massivem sexuellen Missbrauch“ ausgesetzt“. Auch von Verletzungen, Fenstersprüngen und Suizidversuchen ist die Rede.    Zumindest  die physische Gewalt war den verantwortlichen Stadträten  spätestens seit den 1960er-Jahren  in vollem Ausmaß bekannt. 1977 wurde das Heim  geschlossen. 

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