Julius Meinl

© Kurier / Franz Gruber

Reportage
01/16/2020

Meinl am Graben: Wenn der Herr Kommerzialrat Zwieback ordert

Der KURIER-Bericht über die unsichere Zukunft des Delikatessenladens schlug hohe Wellen. Der Meinl ist ein Stück Wiener Identität. Aber was macht ihn aus?

von Julia Schrenk, Franz Gruber

Frau Daliborka steht hinter der Käsevitrine im ersten Stock des Meinl am Graben. Vor ihr liegen 400 Sorten Käse – hart, weich, mild, scharf, aus Frankreich, Italien, Österreich oder sonst woher. „Was mach’ ma denn?“, fragt sie die Kundin, die vor ihr steht. „Cranberry? Ziege oder keine Ziege?“

Die beiden kennen einander und nicht erst seit heute. Frau Daliborka arbeitet seit sechs Jahren beim Meinl am Graben, zu Silvester feierte sie ihr „Einjähriges beim Käse“, wie sie sagt.
Ljuba A. ist Stammkundin beim Meinl am Graben. Seit sehr vielen Jahren. Und ja, sie will den Cranberry-Frischkäse, aber den aus Kuhmilch.

Der KURIER-Bericht über die ungewisse Zukunft des Delikatessengeschäfts ist Gesprächsthema Nummer 1 an diesem Donnerstagvormittag.Wie berichtet, muss Wiens erste Adresse in Sachen Delikatessen im nächsten Jahr drei Monate lang – aller Voraussicht nach von Mitte Juni bis Mitte September – zusperren.

Grund dafür sind Renovierungsarbeiten. Sämtliche Leitungen sowie die Kühlanlagen müssen erneuert werden. Ob es für die drei Monate ein Ausweichquartier geben wird, steht noch nicht fest. Auch nicht, ob und wie es mit dem Geschäft und dem Restaurant im ersten Stock weitergeht.

Die Kundschaft ist sich jedenfalls einig: Es braucht den Meinl am Graben. Ein Wien ohne ihn ist unvorstellbar. Aber warum eigentlich? Was macht den Delikatessenladen so besonders, dass er als ein Stückchen Wiener Identität gilt?

„Den Meinl verbindet man mit etwas Schönem, Festlichem“, sagt Ljuba A. So oft es geht, kommt sie persönlich hierher. Jeden Samstag lässt sie zudem liefern.

Knapp 2.000 Quadratmeter ist der Meinl am Graben groß. Im Erdgeschoß gibt’s Handelsware – feine allerdings. Schokolade, Limonade, Marmelade. Auch die Obst- und Gemüseabteilung ist dort angesiedelt. Und außerdem: Bier, Wein und Spirituosen. Die besonders teure Ware steht im Halbstock auf der Treppe. Etwa ein Cognac – Deau L.V.O. – 0,7 Liter um 3.499 Euro.

Wer die Stiegen mit dem rosaroten Teppich bis in den ersten Stock geht, ist dort, wo die Delikatessen in Reih’ und Glied stehen. Die Foie Gras, Tintenfischtinte, unzählige Sorten von ungefähr allem: Mayonnaise, Öle, Chutneys – heimisch wie international.

Pralinen unter Glas

Direkt nach dem Stiegenaufgang kommt die Confiserie. 26 Sorten handgemachte Pralinen – natürlich von hauseigenen Pâtissiers – liegen dort unter Glas. Links davon ist die Fisch- und Fleischfeinkost. Das Feinste sind der Beinschinken (im Ganzen), der Pata Negra (drei Jahre gereift), das Roast Beef und das Vitello (täglich frisch).

Als Ljuba A. sich mit ihrem Einkaufswagen der Vitrine näher, wird sie von einem Verkäufer schon gegrüßt. „Sie sehen, es kennt mich ein jeder“, sagt sie. Nachsatz: „Das ist übrigens der Herr Michael. Er ist der beste.“ Noch ein Nachsatz. „Einer der besten.“ Hier seien schließlich alle toll.

Die Verkäuferinnen und Verkäufer erfüllen ihren Kunden jeden Wunsch. Fast jeden. Wer den Fettrand beim Mangalitza-Beinschinken entfernt haben möchte, wird enttäuscht. „Meinl am Graben schön und gut, aber das machen wir nicht“, sagt Herr Michael. Schließlich macht das Fett das Mangalitza aus.

Der Meinl ist eine eigene Welt, mit eigenem Flair. Die Kundinnen und Kunden werden namentlich gegrüßt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nennt man beim Vornamen. „Frau Daliborka“ heißt das dann. Und „Herr Michael“. Verstellt jemand mit seinem Einkaufswagerl den Weg, sagt man nicht Entschuldigung, sondern Pardon.

Die Mitarbeiter bilden sich laufend weiter. „Wenn man zum Beispiel zum Käse kommt, muss man sich auch etwas aneignen. Es muss einem nicht alles schmecken, aber man muss alles kosten“, sagt Frau Daliborka. Sonst könne man die Kunden ja nicht beraten.

Und die Kunden wollen nicht nur beraten werden, sie verlangen es geradezu. Das ist ja einer der Gründe, warum sie kommen.

Ljuba A. zum Beispiel erzählt, dass sie sich – es muss vor etwa 50 Jahren gewesen sein –, „italienischen Zwieback eingebildet“ habe. Einen ganz speziellen, den es damals nur in Italien zu kaufen gab. „Dann bin ich zum Herrn Kommerzialrat Douczimsky gegangen und er hat ihn mir bestellt.“ Der Kommerzialrat war Geschäftsführer – und machte die Delikatessenabteilung groß.

Zum Meinl geht man nicht einfach nur einkaufen. Dort geht man hin, wenn man etwas Besonderes sucht. Weil man jemandem ein tolles Mitbringsel – fernab von Mozartkugeln und Mannerschnitten – machen möchte. Weil man besondere Gäste eingeladen hat und etwas ganz Spezielles auftischen möchte.

Für Dinge, die man sonst nirgends bekommt. Oder weil man beim täglichen Einkauf auf Exklusivität achtet – und sich das auch leisten kann.

In der Frischfisch-Vitrine liegen etwa Jakobsmuschelfleisch (um 89 Euro das Kilo), Thunfisch-Sashimi und Winter-Kabeljau „von den Lofoten, der auf Wanderschaft in die Barentssee war“, erklärt Herr Christian von der Fischabteilung. „Das scheint ihm geschmacklich gutgetan zu haben.“

Es gibt fünf Hering-, drei Thunfisch- und zwei Matjessalate. Außerdem Shrimps in Cocktailsoße und Shrimps mit Glasnudeln. Gegenüber gibt’s Rehterrine, Hasenpastete, Entenmousse.

Ja, die Pelzmantel-Dichte ist höher als wohl in vielen anderen Supermärkten. Aber auch Hipster kaufen dort ein. Sie stehen etwa im Erd-geschoß vor dem Craft-Beer-Regal.

Daran, dass es den Meinl am Graben irgendwann nicht mehr – oder in verkleinerter Variante geben könnte – will hier niemand denken. „Das wäre traurig für eine Stadt wie Wien“, sagt Ljuba A.

Familie Meinl

Die Meinls sind eine regelrechte Dynastie. Im Jahr 1862 gründete Julius Meinl I.  in der  Köllnerhofgasse in Wien ein Geschäft mit Kolonialwaren.  So bezeichnete man damals  Lebens- und Genussmittel aus Übersee – etwa Zucker, Kaffee, Tabak,
Reis, Kakao, Gewürze und Tee.  

Handelskonzern

1901  betreib die Familie in Österreich-Ungarn 16 Filialen, acht Jahre später waren es 48 und gegen Ende der Monarchie mehr als 100.  Nach dem Zerfall der Monarchie war Julius Meinl mit 3.000 Mitarbeitern in acht Ländern der größte Handelskonzern   in Mitteleuropa.

Meinl am Graben

Die Geschichte des Meinl am Graben begann  – am selben Standort – in den 1960er-Jahren. Damals war es nicht mehr als eine kleine Greißlerei, später setzte man auf Delikatessen.   Seit 1999 besteht der Meinl am Graben in seiner heutigen Größe.   2013 wurde in Prag eine Dependance von   „Meinl am Graben“  eröffnet.  Doch der Plan ging nicht auf:  2014 musste das Geschäft Konkurs anmelden.