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Fußgängerzone
08/24/2013

Mahü: Fremdwort Schrittgeschwindigkeit

Nicht nur in der Mariahilfer Straße gehen Radler mit den Regeln äußerst locker um.

von Josef Gebhard, Elisabeth Holzer, Christian Willim

Der Professor steht mitten auf der Kreuzung, zückt die Handy-Kamera und schüttelt den Kopf: „Es ist ein wunderbares Experiment, aber leider eine völlige Illusion“, sagt Hermann Knoflacher. Der Verkehrsexperte an der TU findet für die neu gestaltete Mariahilfer Straße nur wenig schmeichelhafte Worte.

In den ersten Tagen glich die Fußgänger- eher einer Konfliktzone: Viele Passanten wagen sich nicht vom Gehsteig herunter. Auch, weil sich Radfahrer nicht an die vorgeschriebene Schrittgeschwindigkeit halten. Knoflacher überrascht das nicht: Wenn Hindernisse wie Sitzbänke oder Blumentröge fehlen, würden Radler geradezu zum Schnellfahren verleitet. „Für viele Radfahrer aus der ,Autofahrer-Generation‘ ist die Fahrbahn immer noch ihr Revier. Da ist man dann natürlich weniger rücksichtsvoll“, erklärt der Experte.

Immerhin: Die baulichen Maßnahmen sollen nach der mehrmonatigen Testphase noch kommen.

Anderswo hat man schon mehr Erfahrung: In der Fußgängerzone Favoritenstraße dürfen Radler schon seit einigen Jahren zwischen Landgutgasse und Südtiroler Platz radeln. Doch auch hier läuft nicht alles rund, wie ein KURIER-Lokalaugenschein zeigt: Nur die wenigsten Radler halten sich an die Schrittgeschwindigkeit. Viele sind auch im weiter südlichen Abschnitt unterwegs, wo radeln nach wie vor verboten ist. „99 Prozent der Radler setzen sich über alle Regeln hinweg“, ärgert sich Passantin Heide Arnoldo. Als Hundebesitzerin sei sie des Öfteren von Radlern angepöbelt worden. „Und der Begriff Schrittgeschwindigkeit kommt in ihrem Vokabular nicht vor.“ – „Es ist halt schwer, mit einem Rad so langsam zu fahren“, hält Radler Thomas Frantz dagegen.

Bilder vom KURIER-Stadtgespräch:

Politikum

Viele Beschwerden gebe es nicht, heißt es im Büro der Bezirksvorstehung. Aber: Sollten nach Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs deutlich mehr Passanten die Fußgängerzone frequentieren, könnten die Radler wieder verbannt werden. Die FPÖ fordert das schon jetzt. „Vor allem in Hinblick auf die Kinder ist die jetzige Regelung total unverantwortlich“, sagt Bezirksvorsteher-Stv. Michael Mrkvicka.

Im benachbarten 12. Bezirk hätten die Blauen 3000 Unterschriften gegen das Pilotprojekt Radeln in der Fußgängerzone Meidlinger Hauptstraße gesammelt, erzählt der dortige Klubchef Wolfgang Reinold. Auch in Meidling dasselbe Bild: Das Schritttempo wird meist nicht eingehalten, Fahrverbote werden ignoriert. Sehr zum Ärger von Peter Schmid, Besitzer des Café Rondo: „Zwar macht die Polizei Planquadrate, mahnt aber die Rowdys nur ab. Wenn sie wenigstens eine Nummerntafel hätten, damit man sie besser verfolgen könnte.“

Positive Erfahrungen in NÖ, in Innsbruck wurden Radler aus der Fuzo verbannt

Rad fahren in der Fuzo? In St. Pölten funktioniert das seit dem Projektstart 2006 ganz gut. „Vieles hat sich von selbst geregelt“, sagt Bürgermeister Matthias Stadler. Das sieht auch Polizeikommandant Franz Bäuchler so. „Es braucht halt seine Zeit, bis sich so etwas eingespielt hat. Und Schnellfahrer werden abgestraft.“ Denn in der Fußgängerzone dürfen Radler nur mit Schrittgeschwindigkeit unterwegs sein. „Leider halten sich aber nicht alle dran“, ärgert sich Radlerin Martina Reiter. Trotzdem fährt sie gerne mit dem Rad durch die Innenstadt.

In Graz sind fast alle Fußgängerzonen der City für Radfahrer geöffnet. Ausgenommen sind bloß die Sporgasse wegen ihres starken Gefälles und zwei Plätze im „Bermudadreieck“ mit vielen gut frequentierten Lokalen.

Üblicherweise funktioniere das Nebeneinander von Fußgängern und Radlern in Graz gut, heißt es von der Polizei. Allerdings zerren in einer stark begangenen und befahrenen Straße mitten in der City rücksichtslose Biker ziemlich an den Nerven der Passanten: In der Schmiedgasse ließ das Kuratorium für Verkehrssicherheit vor Kurzem das Tempo der Radler messen: Alle waren zu schnell.

Diese Schwachstelle soll laut Stadtrat Mario Eustacchio, FPÖ, ausgebessert werden. Zunächst werden mobile Tempoanzeigen aufgestellt, um Radler auf ihre Geschwindigkeit hinzuweisen. Weiters werde überlegt, die Ordnungswache patrouillieren zu lassen: Sie sollen zu schnelle Radfahrer informieren, dass hier eigentlich Schritttempo gilt. Weitere Maßnahmen würden derzeit mit Experten des Kuratoriums für Verkehrssicherheit ausgearbeitet.

Was in Wien die Mariahilfer Straße ist, ist in Innsbruck die Maria-Theresien-Straße. Erst im April dieses Jahres wurden die Radfahrer aus dem südlichen Teil der Einkaufsmeile verbannt. Der Bereich ist seit 2002 Fußgängerzone, in der zunächst aber auch noch Öffis, Taxis und Biker verkehren durften. Eine echte Fuzo ist die Prachtstraße aber eigentlich erst seit ihrer Umgestaltung im Jahr 2009. Seither müssen Busse und Straßenbahnen sich ihren Weg über alternative Routen durch Innsbruck bahnen. Der Stadtpolitik waren jedoch zunehmend auch die Radfahrer ein Dorn im Auge. Von einer Gefährdung der Fußgänger durch wilde Biker war die Rede bei den Befürwortern eines Radfahrverbots, das schließlich mit großer Mehrheit beschlossen wurde. Und das, obwohl die Polizei keine Unfallhäufung feststellen konnte und Radfahrer gegen das Verbot demonstrierten.

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