"Seid ihr alle da", fragt Kasperl ins Publikum.

© APA/SUZY STÖCKL

Chronik Wien
10/04/2019

Kasperl-Comeback in der Urania: Seid ihr alle wieder da?

Am Freitag stand der Kasperl in der Urania wieder auf der Bühne. Die Kulturgeschichte einer Kultfigur.

von Stefanie Rachbauer, Bernhard Ichner, Anna-Maria Bauer

Kinderlachen erfüllt die Wiener Urania. Im Saal des Puppentheaters wird es dunkel, hier und dort hört man ein “Psst!“. Dann wird es still. Plötzlich Musik. Licht. Los. Und schon sind sie da: Kasperl und Pezi mit denselben Worten wie damals im Fernsehen: “Seid ihr alle da?“

Schreie, Applaus, Klatschen. Euphorie fast wie bei einem Rockkonzert. Kasperl und Pezi nehmen die Zuschauer mit auf eine Reise. Die Kinder trampeln als Zeichen, dass sie unterwegs sind.

Das Mitbangen, das Klatschen und das Schreien im Zuschauerraum machte für Künstler André Heller schon früh den Reiz des Kasperltheaters aus. Bereits als kleiner Bub habe er die Atmosphäre genossen, erzählte Heller 2018 vor Journalisten. „Ich bin ein Fan der Zwischenrufe. Noch dazu im Wiener Dialekt“, sagte der Kunstschaffende, der sich „kein engagierteres Publikum vorstellen kann als Kinder“.

Kasperl-Retter

Heller ist es zu verdanken, dass Kasperl und Pezi voriges Jahr nicht in Pension gingen. Wie berichtet, kaufte er Ex-Direktor Manfred Müller um 100.000 Euro (plus Umsatzsteuer) das Urania-Puppentheater ab.

Müller war im 1949 von Marianne und Hans Kraus gegründeten Haus seit 1973 aktiv gewesen. Erst als Ton- und Lichtingenieur, ab 1995 als Direktor.

Voriges Jahr hatte Müllers Ankündigung, in Pension zu gehen und mangels Nachfolger die Firma zu liquidieren, hohe Wellen geschlagen. Künstler wie die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek oder der Zirkus-Roncalli-Chef Bernhard Paul sowie Politiker aller Couleur outeten sich als Kasperl-Fans. Und plötzlich liefen Interessenten dem 69-Jährigen die Türe ein.  

26 Angebote schafften es in die engere Wahl, erzählte Müller dem KURIER. Weil aber jedes davon den Zuschlag verdient hätte, habe er es schließlich wie seine alte Tante Frieda gehalten und das Bauchgefühl entscheiden lassen – das André Heller den Vorzug gab.

Nicht zuletzt, weil er versprach, das Theater so zu erhalten, wie es war. Mit denselben 400 Figuren, denen Müller in liebevoller Detailarbeit Leben eingehaucht hatte, mit den original Kulissen und mit 48 Stücken aus Müllers Feder.

Der Ex-Direktor sollte den Neustart seines Lebenswerks nicht mehr erleben. Manfred Müller, der Kasperl seine Stimme lieh, starb heuer im April – kurz vor seiner allerletzten geplanten Vorstellung.

Zum Start der Ära Heller wird „Das Einhorn“ gezeigt. Weil Einhörner hip sind, möchte man meinen. Doch das Stück stammt aus der Feder von Theatergründer Kraus.

Einhorn gesucht!

„Wir haben schon immer mit einem Klassiker in die Saison gestartet, weil da die Märchenstadtbewohner gut vorgestellt werden“, erklärt Alexandra Filla, Künstlerische Leiterin und Pezi-Spielerin seit 20 Jahren.

Im Stück haben Kasperl und Pezi ein Problem: Zum Geburtstag wollen sie die Großmutti in den Zirkus einladen, wo es ein Einhorn zu sehen geben sollte. Doch das Tier ist verschwunden. Also liegt es an den beiden Helden, das Einhorn  gemeinsam mit den Kindern zu  finden.

Mit Themen wie diesem schlägt sich die Figur des Kasperl seit Ende des 18. Jahrhunderts herum. Ihr Ahne: Hanswurst, der derb-komische Bauer in roter Jacke und gelber Hose, der um 1710 in Wien geschaffen wurde.

Und zwar in Anlehnung an den komischen Harlekin aus der italienischen Commedia dell’arte und die lustige englische Dienerfigur Pickelhering.

Das Kasperltheater war ursprünglich ein Jahrmarktvergnügen für Erwachsene – mit derben, teils brutalen, manchmal zweideutigen und meist herrschaftskritischen Inhalten. In Europa entwickelten sich verschiedene Typen – in Frankreich Guignol, in  England „Punch and Judy“.

NS-Propaganda

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs entdeckte die Obrigkeit das Kasperltheater für sich: Kasperl machte den Gegner lächerlich, unterhielt Verwundete im Lazarett – und sollte die sich mehrenden Forderungen nach einem Ende des Krieges im Keim ersticken. Das NS-Regime nutzte das Puppenspiel später für Propagandazwecke. 

Neben  Kasperl und Pezi  in der Urania (kasperlundpezi.at) gibt es auch andere Orte, an denen man den Kasperl sehen kann:

Wien: Zu sehen ist er etwa samstags, sonn- und feiertags im Wursteltheater des Prater. Info: praterkasperl.com

Niederösterreich: Im größten Bundesland kommt die Puppenbühne Träumeland für Geburtstage nach Hause. Info: puppen-theater.eu

Oberösterreich:  Kasperl, Seppy und Drache Basti begeistern im Linzer Kinderkulturzentrum Kuddel Muddel . Info: kuddelmuddel.at

Burgenland: Das Puppentheater Sonnenschein reist mit dem Kasperl durchs Land. Info: facebook.com/ PuppentheaterSonnenschein

Steiermark: Das Grazer Kasperltheater überzeugt mit großem Repertoire. Aktuell: Die verzauberten Bäume. Info: www.kasperl.com

Salzburg: In Salzburg erlebt Kasperl in Sindris Puppentheater Abenteuer. Info: www.sindri.at

Kärnten: Der wandernde Kasperl aus Klagenfurt passt seine Geschichten an die Altersgruppe der Kinder an.Info: kasperl-klagenfurt.at

Tirol: Das Kasperltheater HoLaRo aus Wattens spielt in Kindergärten, auf Geburtstagen  oder auf Stadtfesten. Info: www.holaro.at

Vorarlberg: Im Dornbirner Spielboden tritt sechs Mal pro Jahr der Kasperl gemeinsam mit Gretl und Seppl auf. Info: www.spielboden.at

Seither hat sich die Zielgruppe gewandelt: Das heutige Kasperltheater zielt vor allem darauf ab, Kinder zu unterhalten. 1957 strahlte der ORF das erste Kasperltheater aus, seit 2008 heißt die Sendung „Servus Kasperl“.

Dass die Figur  nicht an Beliebtheit verloren hat, wundert Rainer Maria Köppl vom Institut für Theater, Film- und Medienwissenschaften an der Uni Wien nicht: „Der Kasperl ist quasi eine frühe Form von Quentin Tarantino: Er ist eine Kombination aus Humor und Gewalt und das mögen wir.“

„Der Kasperl ist quasi eine frühe Form von Quentin Tarantino."

Rainer Maria Kröppel | Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften

Zudem ergänzt Köppl: „Er hat eine gewisse Wildheit, er ist nicht so triebgehemmt wie wir. Wenn das Krokodil kommt, zögert er nicht, ihm eine auf die Rübe zu geben.“  Wahrscheinlich der wichtigste Part: „Der Kasperl ist nicht umzubringen. Wir müssen uns also nicht fürchten, dass das Stück zu einer Tragödie verkommt.“

Traditionelle Figuren

Alte Figur, neue Stimme Die Besucher am Freitag sind jedenfalls begeistert. Das bewährte Konzept kommt gut an. Dabei spielen die kaum veränderten Figuren eine große Rolle. Kasperl und Pezi sind genauso wie ihre Kameraden noch aus der Ära Kraus. „Ein bissl aufgefrischt hab ich sie und ein neues Gewand haben sie gekriegt, der Pezi patzt sich nämlich gerne an“, verrät Filla.

Dass die Stimme des Kasperl neu ist, stört langjährige Fans kaum. „Ich hatte anfangs Bedenken, weil ich den Kasperl kenne, seit ich ein Kind bin“, sagt eine Besucherin. „Ich bin aber positiv überrascht. Die Stimme ist zwar anders, aber die Art noch immer so wie früher.“

Zum Schluss verabschieden  sich Kasperl und Pezi wieder mit den bekannten Worten: „Liebe Kinder, liebe Leute, unser Spiel ist aus für heute. Jetzt müssen wir nach Hause gehen und Pezi sagt: Auf Wiedersehen.“Mitarbeit: Sabrina Luger

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