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Analyse
08/22/2020

Infektionszahlen in Wiens Bezirken: Relevant oder Wahlkampftaktik?

Seit Beginn der Pandemie sind die Bezirkszahlen ein Streitthema. Der KURIER erklärt, warum diese Daten nicht aussagekräftig sind.

von Kevin Kada

141 Neuinfektionen gibt es in der Bundeshauptstadt von Freitag auf Samstag. Wien ist damit das Bundesland mit den meisten Neuinfektionen. Wie auch schon in den vergangenen Tagen und Wochen. Bei einer Einwohnerzahl von knapp zwei Millionen Menschen und der höchsten Bevölkerungsdichte aller Bundesländer allerdings auch wenig verwunderlich.

Befeuert wird die Situation durch die Infiziertenzahlen pro Bezirk. Darüber berichteten mehrere Medien am Freitag. 

Sieht man sich die Zahlen an, so ist in dieser Aufstellung der erste Bezirk Innere Stadt mit 67,5 Infektionen pro 100.000 Einwohnern der am stärksten betroffene Bezirk. Allerdings hat der erste Bezirk in absoluten Zahlen aktuell nur elf Infektionen insgesamt. Das liegt daran, dass es sich um eine bloße Hochrechnung handelt: Der Bezirk hat nur 16.000 Einwohner.

Auch aus diesem Grund sehen die Zahlen zunächst dramatischer aus als sie sind.

Hotspot Favoriten

Selbiges gilt auch für den Bezirk Favoriten. Dort ist Wien in absoluten Zahlen mit 133 Infektionen am stärksten betroffen. Pro 100.000 Einwohner liegt man bei 65,2 Infektionen.

Müsste man denn jetzt den ersten Bezirk abriegeln? Oder gar Favoriten, denn dort gibt es in absoluten Zahlen die meisten Fälle in der Bezirkshauptstadt? Natürlich nicht.

In Zeiten des Wien-Wahlkampfes bieten die hohen Infektionszahlen eine politische Angriffsfläche. Ganz außer Acht gelassen wird aber, dass Wien die höchste Bevölkerungsdichte im Land hat, die meisten Einwohner - und nicht zu vergessen: auch die meisten beruflichen Einpendler. 

Nachverfolgung

AGES-Sprecher Werner Windhager beruhigt: "Einer der Hauptfaktoren ist und bleibt die Nachverfolgung. Wenn man Infektionen nachvollziehen kann, dann hat man kein großes Problem. Denn so kann ich die Infizierten und möglichen Betroffenen isolieren und den Infektionsweg blockieren."

Windhager bestreitet zudem auch, dass die AGES die Bezirkszahlen den jeweiligen Medien zugespielt haben soll: "Die Daten werden natürlich von unseren Epidemiologen erfasst, aber von uns wurden die Zahlen an niemanden weitergegeben."

Außerdem sind die veröffentlichten Daten nicht vollständig. Für die Bezirke Margareten, Mariahilf, Hietzing, Josefstadt, Währing und Döbling gibt es keine Zahlen.

Große Dynamik

Von Seiten des medizinischen Krisenstabes der Stadt Wien will man den "Leak" nicht kommentieren. Aber Sprecher Andreas Huber erklärt erneut, warum Bezirkszahlen in Wien nicht relevant sind: "Eine Person wohnt vielleicht in dem einen Bezirk, arbeitet aber in einem anderen und hat seine Freunde wieder in einem anderen. Man kann da nicht einen Bezirk herausnehmen, weil es in Wien eine ganz andere Dynamik gibt."

In keiner Bundesland in Österreich werden die Bezirksgrenzen so oft überschritten wie in Wien. Oft liegen sogar einzelne Straßen - etwa die Mariahilfer Straße - in drei Bezirken gleichzeitig: Die eine Straßenseite zählt im Fall der Mariahilfer Straße zum 6. Bezirk, die andere Seite zum 7. Bezirk; die Äußere Mariahilfer Straße (außerhalb des Gürtes) zählt gar zum 15. Bezirk.

Wahlkampfthema

Ob man nun will oder nicht: Die Bezirkszahlen in Wien werden zwangsläufig auch Wahlkampfthema. Vor allem, wenn man sich auf den Bezirk Favoriten einschießt. Denn die Schlussfolgerung mancher Parteien wird jene sein, dass Migranten das Virus in Wien verteilen.

Favoriten hat laut den veröffentlichten Zahlen 133 Infizierte, der größte Teil kann (abseits von Reiserückkehrern) auf Ansteckungen im Familienverbund zurückgeführt werden. Übrigens auch in anderen Regionen Österreichs. Aber genau diese Infektionen im Familienverbund bereiten den Gesundheitsbehörden die geringsten Probleme. Denn sie lassen sich schnell und effektiv abgrenzen.

Für die Gesundheit der Bevölkerung viel gefährlicher sind Maskenverweigerer und Co., die das Virus unwissentlich weitertragen.

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