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Chronik Wien
06/14/2020

Gastronomie - nur halb zurück aus der Krise

Die Hälfte aller Wiener Kaffeehäuser ist noch nicht im Regelbetrieb, die Vollpension verlängert ihr Stunden-Konzept

von Julia Schrenk, Laura Schrettl

Vormittags ist der Gastgarten voll. Und das, obwohl man im Café Vollpension seit 2. Juni nicht mehr für den Kaffee, sondern pro Stunde Verweildauer zahlt. Vielleicht aber auch gerade deswegen.

Seit 2. Juni hat das Kaffeehaus in der Schleifmühlgasse im 4. Bezirk sein Konzept umgestellt. 9,90 Euro kostet die Stunde, dafür bekommt man so viel Kaffee, Tee und Limonade, wie man trinken kann, und ein Stück Kuchen. Das neue Konzept war ein Versuch, trotz der Corona-Auflagen durch die Krise zu kommen.

Das hat funktioniert: „Wir haben ein Viertel der Gäste von vorher, aber fast den halben Umsatz“, sagt Chef Moriz Piffl. „Von vorher“ – das bedeutet in diesem Fall Juni 2019. Die Vollpension verlängert den Versuch, ab heute, Montag, wenn die Maskenpflicht für die Gäste fällt und auch die Sperrstunde auf 1 Uhr verschoben wurde.

Eintritt fürs Kaffeehaus

Die Flatrate in der Vollpension setzt die Wiener Kaffeehaustradition außer Kraft. Drei Stunden Zeitung lesen bei einem kleinen Mokka und zwei Gläsern Leitungswasser – das ist damit dahin.

Verteufelt wird sie deshalb aber nicht. Nicht von den Gästen und auch nicht vom Chef des wohl bekanntesten Wiener Kaffeehauses: Berndt Querfeld, Chef des Café Landtmann.

„9,90 Euro – das ist kein unrealistischer Preis“, sagt Querfeld, der gemeinsam mit seiner Familie auch die Cafés Mozart, Museum, Hofburg, Residenz, Landtmanns Parkcafé, Landtmanns Jausenstation, Crossfield’s Australian Pub und das Bootshaus an der Alten Donau betreibt. „Habe ich mir alles überlegt“, sagt Querfeld. „Mein Vater hat einmal gesagt, er würde am liebsten Eintrittskarten verkaufen und den Kaffee gäbe es dazu gratis. Der Kursalon hat das auch einmal so gemacht.“

2.200 Kaffeehäuser....
 ... gibt es in Wien. Dazu zählen nicht nur die Traditionscafés, sondern auch  Café-Restaurants und Espressi  

50 Prozent...
... der Kaffeehäuser haben  wegen der Krise ihre Öffnungszeiten verkürzt – aus Kostengründen oder weil ihnen einfach die Gäste fehlen

1 Insolvenz...
... eines bekannten Cafés ist vor Kurzem öffentlich geworden, jene des Café Savoy an der Linken
Wienzeile

 

So weit ist es aber im Landtmann noch nicht. Dort hat man zuletzt erst die vorläufige Sperrstunde um eine Stunde nach hinten verlegt. Statt bis 20 Uhr ist nun bis 21 Uhr geöffnet. Diese eine Stunde sei wichtig gewesen, sagt Berndt Querfeld, damit die Menschen konsumieren.

Jeder weiß: Schließt ein Café um – sagen wir – 20 Uhr, wird man ab 19.15 sanft darauf hingewiesen, dass es bald zu Ende ist. Und wer will da noch etwas bestellen?

So lange offen wie vor der Krise hat das Landtmann aber noch nicht. 50 Prozent der Wiener Kaffeehäuser haben derzeit nur eingeschränkt geöffnet, schätzt die Wiener Wirtschaftskammer. Genaue Zahlen gibt es dazu nicht, schließlich muss kein Lokal seine Öffnungszeiten einmelden. Wer am Wochenende durch die Stadt spaziert und einkehren will, merkt das aber ohnehin.

Krisen-Veränderung

Das Café Diglas im Schottenstift hatte an den Feiertagen zu, jenes in der Wollzeile ist derzeit am Wochenende geschlossen, der Bräunerhof sperrt bis Herbst erst gar nicht auf.

Es trifft aber nicht nur die Traditionsbetriebe. Das Espresso in der Burggasse kennt man nicht nur, weil es sich dort abends formidabel im Gastgarten sitzen lässt. Sondern auch, weil man dort am Wochenende gut frühstücken kann. Seit der Wiedereröffnung nach der Krise hat das Espresso aber an den Wochenenden nicht mehr geöffnet.

Am Sonntag ist ganz zu, Samstagabend künftig nur für geschlossene Gesellschaften geöffnet. Chefin Julia Zerzer hat schon länger überlegt, am Wochenende zuzusperren. „Die Krise hat die Entscheidung erleichtert“, sagt sie.

Die Köchin, eine Griechin, war zu Besuch bei der Mutter. Als die Grenzen dichtgemacht wurden, ist sie hängen geblieben. Und am Wochenende gehen dem Espresso die Touristen ab. Eine gute Zeit also, das Konzept seines Lokals zu überdenken.

Die Vollpension gibt ihrem neuen Konzept jetzt wieder zwei Wochen. Und hat auch einen Ausweg für alle, die nur auf einen Kaffee kommen wollen: den Vollpensionsquickie. 4,90 Euro kostet die halbe Stunde – dafür gibt es zwei Getränke.

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