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Schwechat
05/26/2015

Flughafen Wien: So trickste Security die Kontrollen aus

Mit ausgeborgten Zutrittskarten wurden Menschen durch den Personaleingang geschleust.

von Patrick Wammerl, Wilhelm Theuretsbacher

Die Geschleppten kamen durch den Lieferanten- und Personaleingang. Sie wurden zwar auf Waffen untersucht. Aber mit Hilfe von Mitarbeitern einer Sicherheitsfirma und einer Bodenabfertigungsfirma umschifften sie problemlos alle Identitätskontrollen und fanden ihre Plätze in den gewünschten Flugzeugen. Jetzt herrscht Verwirrung um mögliche Konsequenzen.

Der Verdacht, dass am Flughafen Wien-Schwechat eine Sicherheitslücke besteht, ist nicht ganz neu. Beispielsweise tauchte ein Neffe des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein im Juni 2012 in Traiskirchen auf, und verlangte politisches Asyl. Er war mit der Badner Bahn angereist. Nach Österreich wäre er mit dem Flugzeug eingereist, erklärte er – mit Hilfe türkischer Schlepper und eines falschen Passes.

Damals vermuteten Beamte, es könnte sich um eine Schutzbehauptung handeln, um die Drittstaatenregelung und damit die Abschiebung nach Ungarn zu umgehen. Nach dem KURIER-Bericht über den Schlepperring am Flughafen sieht man die Behauptung des Irakers nun in einem völlig anderen Licht.

Wie berichtet, ist es einer Schlepperbande gelungen, in zumindest neun Fällen Flüchtlinge illegal an Bord von Maschinen der Austrian Airlines (AUA) in die USA und Großbritannien zu bringen. Als Hauptakteure gelten der aus Sri Lanka stammende Tharindu J. (30), dessen Zwillingsbruder, sowie ein gebürtiger Pole. "Es gibt 13 Verdächtige verschiedenster Sicherheitsunternehmen. Ermittelt wird wegen gewerbsmäßiger Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung", bestätigt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Korneuburg, Friedrich Köhl.

Privat-Security

Einer der Männer war bei der privaten Sicherheitsfirma G4S beschäftigt, wie das Unternehmen bekannt gab. Die G4S führt im Auftrag der AUA Personenkontrollen und Dokumenten-Checks am Gate durch. Mit Unterstützung der Mitarbeiter der Bodenabfertigungsfirma wurden die Flüchtlinge über einen Personaleingang ins Flughafengebäude geschmuggelt und vom G4S-Mitarbeiter an Bord gelassen. "Das Schleppen wurde erst möglich, weil die Bande untereinander persönliche Zutrittsberechtigungskarten austauschte", so Anna Borsos von G4S.

Flughafen-Sprecher Peter Kleemann sieht kein Sicherheitsproblem des Flughafens, sondern schiebt die Verantwortung der AUA und deren Sicherheitsfirma zu. "Egal wie sie ins Flughafengebäude gekommen sind, haben sie auf jeden Fall eine Sicherheitskontrolle, bei denen sie auf gefährliche Gegenstände, Waffen oder Sprengstoff durchsucht wurden, durchlaufen. So eine Kontrolle gibt es bei jeder Türe, die in den Sicherheitsbereich führt", so Kleemann. "Es wurden Personen mit falschen Daten an Bord eines Flugzeuges gelassen. Das ist kein Sicherheitsproblem des Flughafens", sagt Kleemann. Die AUA will den Fall intern lösen.

Die geschleppten Flüchtlinge stammten vorwiegend aus Sri Lanka. Sie wurden über Deutschland und andere europäische Staaten nach Schwechat gebracht und bezahlten pro Person zwischen 7000 und 9000 Euro für ihre Ausreise. Ihr Flugticket bekamen die Flüchtlinge auf einer Toilette des Skylinks im dritten Stock. Ein Mitwisser, auf den die Reise gebucht war, hatte zuvor eingecheckt und danach die Reiseunterlagen auf dem WC deponiert.

Aufgeflogen ist der Fall, weil einer der Flüchtlinge bei der Einreise in die USA angehalten wurde. Außerdem hat die Schlepperbande versucht, weitere Komplizen zu finden und wurde dabei verpfiffen, heißt es von Seiten der Staatsanwaltschaft.

Lokalaugenschein

Dienstag führten Spezialisten des BMVIT (Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie) einen Lokalaugenschein durch. Laut einer Sprecherin sei die Sicherheit Angelegenheit des Flughafenbetreibers. Aber man wollte feststellen, inwiefern die Sicherheitsverordnungen der EU eingehalten wurden.

Eine EU-Verordnung legt fest, dass die Zugangstüren für Flughafenmitarbeiter elektronisch so gesichert sein müssen, dass nur eine Person durchkommt. Damit soll verhindert werden, dass ein Mitarbeiter ungebetene Gäste mitbringt. Dabei hat man offenbar nicht damit gerechnet, dass es auch einen größeren, unbefugten Personenkreis gelingen kann, an Zutrittskarten zu kommen. Ob es durch diesen Fall zu einer Verschärfung der Sicherheitsrichtlinien kommen wird, wollte man im BMVIT noch nicht beantworten.

Zweifel an Seriosität der Privatfirmen

Derzeit läuft in Deutschland eine Auseinandersetzung um die Privatisierung der Flughafensicherheit. Nach dem Auffliegen von Sicherheitsmängeln auf den Flughäfen Frankfurt und Düsseldorf fordern Politiker von SPD, Grünen und Linken, aber auch Polizeigewerkschaften wieder die Polizei mit Personenkontrollen zu betrauen.

Die Privatisierung der Sicherheit auf Österreichs Flughäfen begann 1994 in Wien-Schwechat durch das Flughafen-Unternehmen VIAS. 1998 folgten die Flughäfen Graz und Linz.

PrivatkontrolleureIn Wien beschäftigt VIAS mit den Tochterfirmen rund 1200 Mitarbeiter. Sie führt die Sicherheitskontrollen aller Passagiere zur Verhinderung der Einschleusung von verbotenen Gegenständen durch. Dafür stehen im Terminalbereich 44 Sicherheitskontrollstellen zur Verfügung. Außerdem werden die Terminals auf verdächtige Personen und unbeaufsichtigte Gepäckstücke überwacht. Weiters ist die VIAS für die Sicherheitskontrolle der Flughafenmitarbeiter und aller Personen und Fahrzeuge im Sicherheitsbereich zuständig.

Derzeit sind 13 Checkpoints in Betrieb. Inkludiert sind hier auch die drei Checkpoints im Austrian Airlines Betriebsgelände. Sogar die Sprengstoffspürhundestaffel gehört der privaten Firma.

Weitere Privatunternehmen sind Bodenabfertigungsfirmen, die für den Transport des Reisegepäcks zuständig sind. Sie sind Vertragspartner der Fluglinien. Dazu gehört auch jenes Unternehmen mit Sitz in der Türkei, bei dessen Mitarbeitern der Schwechater Schlepperring die Zutrittskarten „entlehnt“ hatte. Obwohl die Privatisierung der Flughafensicherheit nicht nur eine österreichische, sondern eine internationale Erscheinung ist, dauert die Diskussion um die Zuverlässigkeit der Privaten an. Dabei verlangt der Gesetzgeber eine Sicherheitsüberprüfung der Mitarbeiter, sowie Langzeitverträge und Mindestlöhne.

Bei der Affäre in Deutschland wurden Zweifel an der Einhaltung der Vorschriften laut. So wird in einer parlamentarischen Anfrage behauptet, dass private Sicherheitsdienstleister dazu übergegangen seien, vermehrt nichtzertifizierte Kräfte innerhalb der Sicherheitskontrollstellen einzusetzen. Und die Polizisten vermuten, dass Wirtschaftlichkeitsüberlegungen der Grund dafür sein könnten, dass an Flughäfen weniger Luftsicherheitspersonal eingesetzt wird als von der Bundespolizei bestellt. In Österreich wurden bisher keine Fälle von nichtzertifiziertem Personal bekannt.

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