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Analyse
06/08/2020

Ein Pool am Gürtel: Köpfler in den Wiener Wahlkampf

In Wien jagt ein Event das nächste. Wer auffallen will, muss provozieren – etwa mit einem Pool am Gürtel. Eine Analyse.

von Christoph Schwarz, Julia Schrenk

Ab August thront also ein Pool zwischen den Fahrspuren des Wiener Gürtels. Elf Meter lang, drei Meter breit und eineinhalb Meter tief wird er sein. Umgesetzt wird das Projekt von 7. und 15. Bezirk. Der Pool soll als verbindendes Element fungieren, sagen der grüne Bezirksvorsteher auf der einen Seite der Straße und der rote Bezirksvorsteher auf der anderen.

Ob dem Pool das gelingt, wird sich erst zeigen. Schon jetzt ist aber klar: Wer einen Pool auf den Gürtel baut, dem geht es um mehr als Völkerverbindung. Noch dazu in einem Wahljahr. Aufmerksamkeit und Aufregung (der Opposition) waren den beiden Bezirkspolitikern sicher.

Sie folgen damit einem Trend, den man in der Stadt schon länger verspürt: Geht nicht, gibt’s nicht. Die Projekte zur Stadtentwicklung werden nicht nur immer zahlreicher, sondern immer ausgefallener – und mitunter provokanter. Wer in all dem Getöse noch auffallen will, muss sich etwas einfallen lassen.

Cooler Park, kühle Meile

So ist der Pool am Gürtel zwar das (bisher) aufsehenerregendste Projekt des Sommers, aber längst nicht das einzige, das zuletzt umgesetzt wurde – oder noch vor der Wahl wird: Mitten in der Coronakrise begann der Umbau des Esterházyparks zu einem „coolen Park“ mit drei Meter hohen Nebelduschen.

Pünktlich zu Pfingsten wurde der Copa Beach samt Skaterpark nach drei Jahren Umbau eröffnet. Der neue Reumannplatz wird bald fertiggestellt, ebenso die „Schwimmenden Gärten“ am Donaukanal, wo die Gastroflächen nach langen Streits mit den Besitzern neu bespielt werden.

Und dann sind da noch das mobile Donauinselfest und der Kultursommer – mit 800 Acts auf 25 Open-Air-Bühnen in der gesamten Stadt.

Mit der „Festivalisierung“ öffentlicher Plätze hat Wien schon seit Jahren zu kämpfen. Etwa am Rathausplatz, der zuletzt nur 10 Tage im Jahr nicht bespielt wurde, aber auch am Karlsplatz.

Vor allem die regierenden Parteien SPÖ und Grüne nutzen die letzten Monate vor der Wahl im Oktober, um der Stadt ihren Stempel aufzudrücken. Die SPÖ finalisiert ihre Prestigeprojekte, bei den Grünen folgt ein Verkehrsprojekt nach dem anderen. Diese stechen ins Auge, weil sie radikalere Einschnitte in das Gefüge der Stadt bedeuten als die rote Event-Politik.

Bei den Wählern punkten

Temporäre Begegnungszonen und Fußgängerstraßen, Pop-up-Radwege, „Kühle Meile“ Zieglergasse, die Begegnungszone Neubaugasse. Die Grünen dürfen das. Bei ihren Wählern punkten sie damit. Die SPÖ tut sich da schwerer, ihre Wählerschaft ist heterogener. Nicht jeder hat da Verständnis für einen Pool am Gürtel. SPÖ-intern war die Beteiligung von Gerhard Zatlokal, roter Bezirkschef im 15., daher auch umstritten. Stadträtin Ulli Sima – die den Grünen gerne das Umweltthema streitig macht – spricht von „Urlaubsfeeling“ in der Stadt. Andere Rote hätten es lieber gesehen, wenn man den Grünen das Pool-Projekt alleine überlassen hätte.

Doch für den Bezirkschef geht es im Herbst um die Wiederwahl – und Bezirkspolitik funktioniert anders: Es gelten anderen politische Allianzen als auf Stadt-Ebene. Ideologie steht im Hintergrund – gemacht wird, was den Bewohnern vor Ort gefallen könnte.

Deshalb hat übrigens auch die Bezirks-ÖVP im 15. für den Pool gestimmt, während die Stadt-Türkisen toben. Und deshalb macht der rote Zatlokal Politik mit grüner Handschrift. Er hat sich in dem dicht verbauten Bezirk zuletzt für temporäre Begegnungszonen eingesetzt und lässt das Grätzel neben dem neuen Ikea verkehrsberuhigen.

Kampf gegen die Hitze

Ist der Pool also nur ein Wahlkampf-Gag? Nein. „Es geht darum, Lebensqualität im öffentlichen Raum zu schaffen“, sagt Cornelia Dlabaja, Stadtforscherin an der Uni Wien. Auch wegen der Coronakrise, aber nicht nur: „Wir haben ein massives Problem mit Hitze in der Stadt“, sagt sie. Maßnahmen zum Abkühlen der Stadt sind an sich unumstritten.

Wenn sie zugleich als Intervention taugen, ist das umso besser für die Wahlkämpfer. Offen bleibt die Frage, wie viel Bespaßung der öffentliche Raum verträgt. Vielleicht weniger als gedacht. Im Jahr 2016 stand am Schwarzenbergplatz ein riesiger Pool mit künstlicher Welle zum Surfen. Für 2017 hat die Stadt keine Genehmigung mehr erteilt. Es hatten sich zu viele Menschen beschwert.

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