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Chronik Wien

Deutsch setzt sich an Wiener Schulen immer mehr durch

Das Niveau ist jedoch mangelhaft. Wiener Integrationsrat empfiehlt Weiterentwicklung der Deutschförderung.

von Andreas Puschautz

12/19/2022, 05:57 PM

Die gute Nachricht zuerst: Deutsch setzt sich immer mehr als Verkehrssprache an den Wiener Pflichtschulen durch. Das liegt laut dem Wiener Integrationsrat daran, dass die Klassen immer diverser werden, wie Ratsmitglied Kenan Güngör im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Integrationsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos) am Montag ausführte.

Bildeten in der Vergangenheit oft Türkisch- oder B/K/S (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch)-sprechende Schülerinnen und Schülern "Sprachinseln", bilden sich aufgrund der Fluchtbewegung 2015/16, der zunehmenden Zuwanderung aus Osteuropa, aber auch dem jüngsten Zuzug im Zuge des Kriegs in der Ukraine zunehmend sprachlich gemischte Freundescliquen. "Mit dem Effekt, dass Deutsch immer mehr gemeinsame Sprache wird", so Güngör.

Deutsch: mangelhaft

Das sei zwar prinzipiell wünschenswert, hob der Soziologe hervor. Das Problem sei jedoch, dass die Deutschkenntnisse trotz allem oft nur mäßig seien - und zwar sowohl unter kürzlich zugewanderten als auch Kindern aus bereits länger in Österreich ansässigen Familien.

Der Integrationsrat empfiehlt darum eine Reihen von Maßnahmen. Eine davon: Die Weiterentwicklung der nach wie vor umstrittenen Deutschförderklassen. Eine von der Bildungspsychologin Christiane Spiel im Auftrag des Bildungsministeriums erarbeitete Evaluierung ergab kürzlich jede Menge Verbesserungspotenzial.

Allem voran fordern die für die Studie befragten Schulleitungen und Lehrkräfte mehr Flexibilität und mehr Autonomie in der Ausgestaltung der Fördermaßnahmen am jeweiligen Standort. Auch, weil der Einstufungstest MIKA-D lediglich als mittelmäßig geeignet qualifiziert wurde.

Integrative Modelle besser

Grundlegend wurden integrative Fördermodelle sinnvoller gesehen als die Separierung der Kinder in Deutschförderklassen - eine Ansicht, die auch andere Expertinnen und Experten teilen. "Derzeit gibt es eigentlich keine wissenschaftlichen Befunde, die dafür sprechen, die Deutschförderklassen auf diese Art und Weise beizubehalten", sagt etwa Hannes Schweiger, Experte für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Uni Wien.

Der Integrationsrat empfiehlt weiters, die Eltern vom Kindergarten an systematisch einzubinden, wie es etwa in Skandinavien passiert. Passiert das nicht, holen Kinder aus ökonomisch schwachen und bildungsfernen Familien mit anderer Erstsprache als Deutsch die sich daraus ergebenden Entwicklungsrückstände bis zum Ende ihrer Bildungskarriere nicht mehr auf.

Bildungsauftrag nicht auslagern

Empfohlen wird daher, die Eltern von Anfang an über Eltern-, Deutsch- und Alphabetisierungskurse hereinzuholen - ohne den Bildungsauftrag von den Schulen an die Familien auszulagern, wie Güngör betonte. Gerade Personen aus bildungsfernen Familien seien damit nämlich oft überfordert. Im Prinzip geht es darum, Bewusstsein für den Stellenwert von Spracherwerb und Bildung in den Familien zu schaffen.

Zudem gelte es, gendersensible Aspekte in der Bildungsarbeit auf allen Ebenen mitzudenken, so der Integrationsrat.

Die Entscheidung über Deutschförderklassen liegt beim Bund, die Stadt will jedoch, wo möglich, auch selbst gegensteuern, sagte Wiederkehr. So will man etwa die Ganztagsschulen weiter ausbauen und überlegt, die Kriterien für die Aufnahme zu ändern.

War es bisher so, dass etwa alleinerziehende Eltern bevorzugt wurden, könnten künftig auch Faktoren wie der Bildungsabschluss oder das Einkommen der Eltern verstärkt berücksichtigt werden. Kinder aus bildungsferneren Schichten sollen so verstärkt in die ganztägigen Schulformen gebracht werden.

Mehr Unterstützungskräfte

Weitere Vorschläge des Integrationsrats, wie der Ausbau des Unterstützungspersonals in Schulen und Kindergärten, seien bereits im Werden, so Wiederkehr. Auch im Bereich der Elternarbeit wurde erst vor wenigen Wochen ein neues Workshop-Angebot vorgestellt.

"Angesichts der massiven Herausforderungen an Wiener Schulen im Vergleich zu den anderen Bundesländern" brauche die Stadt aber vor allem "dringend mehr Ressourcen vom Bund sowie einen österreichweiten Chancenindex". Zudem wünscht sich Wiederkehr aus dem Ministerium die Weiterentwicklung der Deutschförderklassen sowie ein verpflichtendes zweites Kindergartenjahr.

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