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Chronik Wien
06/26/2021

Der Park der Extreme: Dachbegrünung auf Wiens "KaDeWe" nimmt Form an

Im Dachpark auf dem neuen Kaufhaus mit angegliedertem Hotel werden elf Bäume gepflanzt. Das wird kein leichtes Unterfangen: Damit sie gedeihen, müssen sie angegurtet werden.

von Stefanie Rachbauer

Die Mariahilfer Straße ist ein Extremstandort. Gemeint sind damit ausnahmsweise nicht Fußgänger- und Begegnungszone. Sondern die Bedingungen, die ein paar Stockwerke weiter oben herrschen – konkret an der Nummer 18, auf dem künftigen Warenhaus KaDeWe der Signa-Gruppe.

Auf dem Dach des angeschlossenen Hotels soll bekanntlich ein 1.000 Quadratmeter großer, öffentlich zugänglicher Park entstehen. Und zwar einer, der diesen Namen auch verdient: mit großen Bäumen, Sträuchern und Wiesen. Das ist ein hochkomplexes Unterfangen.

Derartige Dachparks gelten als Zukunftsmodell für dicht bebaute Bezirke wie Neubau. Dort gibt es wenig Grünflächen – der Bezirk kämpft deshalb stark mit sommerlicher Hitze und mit einem Mangel an konsumfreien Aufenthaltsräumen.

Die Lösung: Wenn am Boden kein Platz für kühlendes Grün ist, dann schafft man es in der Höhe.

Die Herausforderung dabei ist, dass die Verhältnisse auf dem Dach für Bäume alles andere als ideal sind.

Damit kommen nicht alle Arten zurecht. Und die, die es tun, brauchen spezielle Pflege. Kurzum: Es ist alles sehr kompliziert. Davon kann Landschaftsarchitektin Sabine Dessovic ein Lied singen.

Es ist windig, für die Wurzeln gibt es nur begrenzt Platz und es fehlt die Versorgung mit Nährstoffen und Wasser aus dem Erdreich.

Verhandlungssache

Dessovic ist eine Art Baumflüsterin: Sie hat mit Kollegen jenen österreichischen Wald nachgebaut, der 2015 bei der Expo in Mailand ausgestellt wurde.

Derzeit tüftelt sie an den Details für den Dachgarten des Wiener KaDeWe: „Momentan ist die schlimmste Zeit“, sagt Dessovic im Gespräch mit dem KURIER.

Gepflanzt werden die Bäume zwar erst 2024, wenn das Hotel fertig ist. Doch die Expertin muss schon jetzt die Standorte aushandeln – etwa mit den Statikern, damit gesichert ist, dass das Gebäude den Park trägt.

Fix ist bereits: Auf dem Dach werden elf Bäume wachsen – Flaum-Eichen, Rot-Kiefern, Tulpenmagnolien und Felsenbirnen. Um sie herum sind Hügel und Beete mit Ziergräsern und Blumen wie Tulpen, Sonnenhut oder Anemonen vorgesehen.

250 Besucher

Dazwischen werden Wege angelegt, Nebeldüsen installiert sowie Bänke und ein Salettl aufgestellt.

Rasenflächen wird es ebenfalls geben und man darf diese auch betreten – wie in einem echten Park eben. Aus Brandschutzgründen ist aber die Besucherzahl beschränkt: Maximal 250 Personen dürfen sich gleichzeitig im Dachpark aufhalten.

Die Bäume aufs Dach zu bekommen, wird ein Spektakel: Angeliefert werden sie in einer Größe von vier bis sechs Metern. Und sie werden weit gereist sein: Die Bäume werden aus Spezial-Baumschulen in Belgien und Deutschland geliefert.

Dessovic will nämlich ganz bestimmte Exemplare: „Die sollen nicht gerade sein wie Zinnsoldaten, sondern pittoresk“. Das schränkt den Kreis der Anbieter ein. Dazu kommen die klimatischen Bedingungen: Bäume aus dem Norden halten die heimischen Winter am ehesten aus.

Drei Stunden Arbeit mit Kran

Die Wurzelballen der Bäume sind jeweils 1,5 Meter breit, 80 Zentimeter hoch und haben ein entsprechendes Gewicht. Sie werden mit einem Kran aufs Dach gehievt und richtig platziert.

Das ist Feinarbeit mit schwerem Gerät: „Pro Baum wird es bis zu drei Stunden dauern, bis er eingerichtet ist“, sagt Dessovic. Damit die Bäume in Position bleiben, werden sie festgezurrt: mit Gurten, die wiederum an Stahlgittern fixiert werden.

Ist das erledigt, beginnt die Arbeit so richtig.

Gewöhnungsphase

Jeder Baum ist mit einem Belüftungs- und Bewässerungssystem ausgestattet. Das Ziel: Er soll weder vertrocknen, noch sollen die Wurzeln verfaulen.

Wachsen werden die Bäume nicht in Erde (die wäre zu schwer), sondern in Spezialsubstrat aus Humus, Steinen, Dünger und anderen Bestandteilen. 450 Kubikmeter davon werden aufgebracht.

Eckdaten des Projekts
Bis 2024 entsteht an der Ecke von Mariahilfer Straße und Karl-Schweighofer-Gasse ein Warenhaus mit 20.000  Verkaufsfläche nach Vorbild des Berliner „Kaufhaus des Westens“, kurz KaDeWe. Das Leiner-Haus an diesem Standort wird dafür abgerissen, die historische Fassade im Bereich der Mariahilfer Straße 12–16 bleibt. Zum Kaufhaus gehört ein Hotel mit 150 Betten. 

Zustimmung in Umfrage
Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts Marktagent im Auftrag der Signa-Gruppe  gefällt 83 Prozent der Wiener 
der Dachpark sehr oder eher gut. 

Bis die Bäume richtig zu gedeihen beginnen, wird es laut Dessovic eineinhalb Jahre dauern. Der Baum müsse erst „eine Beziehung“ zu der künstlichen Umgebung aufbauen, sagt sie.

Leben in der Extreme muss eben gelernt werden.

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