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Analyse
04/30/2020

Coronavirus: Die Zahlen werden wieder steigen

Oster-Nachwehen? In Wien gab es zuletzt wieder mehr Neuerkrankte. Sorgen muss man sich keine machen – zumindest noch nicht.

von Julia Schrenk, Laura Schrettl

45,1 Prozent: Das ist der Anteil der Wiener an den österreichweiten Corona-Neuinfizierten binnen der vergangenen Woche.

Als der ORF diese Zahl am Mittwochabend präsentierte, ist eine alte Debatte neu entflammt.

Und zwar jene um die Bundeshauptstadt (und die Maßnahmen der rot-grünen Stadtregierung).

In Wien leben die meisten Menschen und das auf engem Raum. Gibt der Anstieg an Infektionen also Grund zu besonderer Sorge? Und was haben das Osterwochenende und etwaige Familientreffen damit zu tun?

Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt folgendes Bild: Insgesamt – also seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen – wurden mit Stichtag 29. April exakt 2.492 Personen in Wien positiv auf das Coronavirus getestet.

Am 1. April lag diese Zahl bei 1.580 Personen. Innerhalb eines Monats ist die Zahl der Infizierten also um 912 gestiegen. Das entspricht einer Steigerung von 57,7 Prozent.

Höchstwert am 1. April

Ist das viel?

Dazu muss man sich vor allem die jüngsten Zahlen genau ansehen. Von Dienstag auf Mittwoch dieser Woche ist die Zahl der Neu-Infizierten in Wien um 20 gestiegen.

Und von Montag auf Dienstag haben sich exakt 37 Personen neu angesteckt. Davon haben sich 5 als Falschmeldungen herausgestellt.

Zuletzt gab es am Donnerstag der Vorwoche (23. April) eine ähnlich hohe Anzahl an Neu-Infektionen (31). In den Tagen davor waren es einmal 29, einmal 13, einmal 19.

Die höchste Zahl an Neu-Infektionen gab es am 1. April mit 124 – das ist also schon etwas länger her.

Die Antwort auf die Frage, ob man sich deshalb schon Sorgen machen muss, ist also: Noch nicht.

Die gestiegenen Zahlen sind „zunächst einmal ein Abbild der Grundzirkulation“, sagt Monika Redlberger-Fritz, Virologin an der Medizin-Uni Wien.

Solange die Anzahl der Neuinfektionen einmal höher und einmal niedriger ist, aber gesamt gesehen auf einem niedrigen Niveau bleibt, gibt es keinen Grund zur Panik.

Entscheidend ist, ob die Zahl der Neuinfizierten nur stetig zunimmt oder sich multipliziert.

Stichwort: exponentielles Wachstum.

Daten und Tests

Die Zahl der Neuinfektionen hat auch damit zu tun, wie viel getestet wird und wie die Daten in die Corona-Statistik eingespeist werden:

In Wien wird im Ländervergleich sehr viel getestet – medizinisches Personal sogar systematisch. Das führt zwangsläufig zu höheren Zahlen: Wer mehr testet, findet mehr Infizierte.

Zudem ist es so, dass manche Labors von Montag bis Sonntag auswerten, andere nur von Montag bis Freitag. Lange war es so, dass die Zahlen vom Wochenende erst am Montag gesammelt übertragen wurden – und bereinigt werden mussten. So kommt es zumindest zwischenzeitlich zu Schwankungen (wie auch in der Grafik oben am 21. April gut ersichtlich ist. Da wurde ein externes Labor an das Statistik-System der Stadt Wien angeschlossen, Anmerkung).

Und ja, dass die Zahlen just jetzt steigen, könnte auch mit dem Osterwochenende zusammenhängen. Für die genaue Analyse ist es zu früh.

Im Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) geht man davon aus, „dass das ein Faktor war“. Es ist anzunehmen, dass sich zu Ostern nicht alle an die Ausgangsbeschränkungen gehalten haben und haushaltsfremde Personen einander trafen.

„Wie überall“, betont man in Wien.

Auch die Großstadt an sich ist ein Faktor. „Dass es in Wien mehr Corona-Infizierte gibt, ist logisch. Wo mehr Menschen leben, können sich auch mehr Menschen anstecken“, sagt die Virologin.

Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist Wien auch nicht die am stärksten von Corona betroffene Stadt in Österreich.

Neue Infektionsherde – etwa Orte, an denen sich überproportional viele Menschen angesteckt haben (wie das in Ischgl der Fall war), gibt es laut Stadt nicht.

Ansteckung in der Familie 

Es ist keine Infektion aus den Öffis bekannt, es gibt keine Meldungen über Infektion durch ausschweifende Treffen. 

Bei den Erkrankungen der jüngsten Tage handelt es sich laut Stadt um Einzelpersonen, die sich bei Bekannten oder Verwandten angesteckt haben, um Ansteckungen innerhalb der Familie (sogenannte familiäre Cluster) und um Menschen in Pflegeeinrichtungen (in denen ja seit Kurzem verstärkt getestet wird). 

Flächendeckende Maßnahmen wie Schulsperren hält Hacker für nicht notwendig. Im Interview mit Wien Heute schließt er einzelne Klassen-Sperren aber nicht aus.

Dass jetzt – mit Lockerung der Maßnahmen – die Infektionszahlen wieder steigen, „ist anzunehmen“, sagt Virologin Redlberger-Fritz.

Wie schnell und wie stark, das müsse nun beobachtet werden. Und hängt vor allem vom Verhalten und der Disziplin der Bevölkerung ab.