© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
03/20/2020

Coronavirus bringt Versorgung in den Ordinationen durcheinander

Ärzte appellieren: Statt gleich in die Ordination zu kommen, zuerst den Arzt telefonisch oder per Mail kontaktieren.

von Josef Gebhard

Zahlreiche Reaktionen hat der KURIER-Bericht über aktuelle coronabedingte Versorgungsprobleme im Bereich der niedergelassenen Ärzte hervorgerufen. Wie berichtet, gebe es laut Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz aktuell gehäuft Beschwerden, dass manche Kassen-Fachärzte dringliche Fälle abweisen würden. Weiters gebe es Wahlarzt-Ordinationen, die überhaupt geschlossen hätten.

Leserreaktionen passen in dieses Bild: „Bei uns im 3. Bezirk hat eine Allgemeinmedizinerin ihre  Praxis bis 20. März geschlossen. Mit dem Hinweis, dass sie auf Grund der Schulschließungen zu Hause bleiben müsse, um auf ihre Kinder aufzupassen." Ein Hinweis auf eine Vertretung fehlt.

Zahnärzte

Probleme gibt es aber offenbar auch bei den Zahnärzten, schildert der Leser: „Meine Freundin benötigte am Dienstag eine dringende Wurzelbehandlung (sie konnte vor Schmerzen nicht mehr schlafen und essen). Wir mussten bei fünf Ärzten anrufen, die laut Öffnungszeiten im Dienst hätten sein sollen, um einen zu finden, der offen hatte. Mit dem Zusatz: ,Kommen Sie gleich, ab Mittag schließe auch ich die Praxis`".

Wie viele der rund 950 Wiener Zahnarzt-Praxen jetzt geschlossen haben, ist unklar. „Wir erheben das seit Mittwoch“, sagt Claudius Ratschew, Präsident der Wiener Zahnärztekammer. „Wir bemühen uns um eine Lösung, dass pro Bezirk zumindest eine Praxis offen hat.“

Massive Engpässe bei der Lieferung von Hygienematerial seien ein Grund, warum derzeit manche Ordinationen geschlossen seien. „Ohne entsprechender Ausstattung kann man einfach nicht arbeiten. Außerdem gibt es seitens der Wiener Landesregierung immer noch keine Infos für uns, wo und wie positiv getestete Menschen zahnärztlich behandelt werden sollen“, kritisiert der Standesvertreter. Dafür seien jedenfalls besondere Sicherheitsvorkehrungen erforderlich.

Patienten rät Ratschew, nicht dringliche Behandlungen nach Möglichkeit zu verschieben. Allen voran Eingriffe wie Mundhygiene, die mit einer höheren Ansteckungsgefahr für den Arzt verbunden sind. „Relativ problemlos weiterhin machbar sind hingegen Eingriffe wie Zähneziehen oder die Behandlung von Entzündungen.“Patienten, die nicht gleich eine offene Ordination finden, rät er zu Geduld. „Wir haben aktuell einfach eine Krise.“

Scharfe Kritik

Zu Wort melden sich auch Mediziner von der Basis: „Es tut mir ungeheuer weh, wenn die Patientenanwältin Leute wie uns kritisiert, die das System aufrechterhalten“, sagt Walter Augustin, Zahnarzt in Wien-Simmering. Es sei kein Wunder, dass die Kollegen zusperren würden, wenn kein Desinfektionsmittel und keine Schutzmasken mehr geliefert würden.

Selbst hat Augustin seine Ordination noch offen. „Aber es kommt kaum jemand, die Patienten haben ja auch Angst vor einer Ansteckung.“ Komme jemand mit schwereren Problemen, etwa einem Abszess, würde er natürlich behandelt werden, versichert er.

Wahlärzte

Auch Wahlärzte sind gezwungen, ihre Praxis zu schließen, weil hier die Patienten ausbleiben: „Dies wird wohl länger so bleiben: Das Geld der Menschen ist bereits knapp, wird knapper“, schildert eine Wahl- und Kassenärztin aus Wien-Neubau.

Andere befürchten, dass Patienten die aktuelle Debatte dahingehend missverstehen, dass man auch jetzt noch mit relativ banalen medizinsichen Problemen in die Ordination gehen kann. Dies würde aber das Infektionsrisiko für die Ärzte und ihre Mitarbeiter massiv erhöhen. „Die Botschaft an die Patienten muss jedenfalls lauten: Kommen Sie nicht persönlich zu uns in die Ordination. Melden Sie sich telefonisch oder per Mail in der Arztpraxis“, betont Arzt Wolfgang Mückstein, Leiter von Medizin Mariahilf im 6. Wiener Bezirk. Höchstens bei akuten  Schmerzen sei der Weg in die Praxis angebracht.

„Es ist unabdingbar, dass trotz der Coronakrise im niedergelassenen Bereich weiterhin jene Patienten  behandelt werden, die durch eine Behandlungsverzögerung oder Behandlungsverweigerung einen gesundheitlichen Schaden oder schwere Schmerzen erleiden würden“, sagt wiederum Patientenanwältin Pilz.

Sie kritisiert die Info-Politik der Standesvertretung: „Auf der Homepage der Wiener Ärztekammer ist keinerlei Patienteninformation aufzufinden, die Klarheit über das Angebot der Wiener Ärzteschaft in dieser Krisenzeit geben würde.“ Es fehle eine Liste der weiterhin offenen Ordinationen,  eine tagesaktuelle Information über Betriebseinschränkungen, jegliche Auskunft, welche Beschwerden jetzt als dringlich behandlungsbedürftig auch im niedergelassenen Bereich versorgt würden und welche Leistungen angesichts der Krise nun für absehbare Zeit nicht erbracht werden.

90 Prozent laut Kammer offen

Laut Wiener Ärztekammer seien mit Stand Montag, 16. März, jedenfalls 90 Prozent der Wiener Kassenordinationen offen. Das wurde anhand der eCard-Steckungen erhoben. „Die niedergelassene Versorgung in Wien ist somit gesichert“, heißt es seitens der Kammer.

Zu geschlossenen Kassenstellen heißt es: „Grundsätzlich kann jeder Arzt seine Ordination auch außerhalb solcher Krisensituationen aus persönlichen Gründen, z.B. Krankheit, schließen, dann müssen die Kollegen in der Region vertreten.“

Und weiter: „Wir beobachten die Versorgung im niedergelassenen Bereich derzeit ganz genau und organisieren auch, dass wir mit den Kollegen Kontakt aufnehmen, um die Gründe für die Ordinationsschließung zu hinterfragen. Dies betrifft insbesondere die Tatsache, dass sich, so wie in anderen Ländern auch, immer mehr niedergelassene  Ärzte selbst infizieren, sodass sie in der Versorgung ausfallen.“

Die Auslastung der Ordinationen ist aktuell laut Kammer in Wien sehr unterschiedlich: "Manche Ordinationen sind voller als vor der Pandemie, manche haben die Hälfte ihres Patientenaufkommens, und manche sind so gut wie leer.“

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