Christian und Eva-Maria Wukonigg haben am 8. Oktober das „Paul & Vitos“ am Petersplatz eröffnet. Nach 26 Tagen ist es wieder zu 

© Kurier/Gerhard Deutsch

Chronik Wien
11/02/2020

Angefressen: Neue Lokale trifft der zweite Lockdown besonders

Wiens 9.000 Gastrobetriebe schließen wieder. Wirte zweifeln an der raschen Corona-Hilfe der Regierung.

von Anna-Maria Bauer, Julia Schrenk

Sie wollten mediterranen Lifestyle zelebrieren, Speisen in vielen kleinen Portionen servieren, die Aperitivo-Kultur in Wien etablieren. Am 8. Oktober haben Christian und Eva-Maria Wukonigg das „Paul & Vitos“ am Petersplatz 11 im 1. Bezirk eröffnet. Nach 26 Tagen sperrt das Lokal nun wieder zu.

Mit Dienstag, 0 Uhr, und bis Monatsende befindet sich Österreich im zweiten Lockdown. Gäste dürfen in dieser Zeit Gastronomiebetriebe nicht betreten. Erlaubt ist nur das Abholen von Speisen. Die Wukoniggs trifft das hart. Gemeinsam führen sie auch das Café Engländer: „Man hat uns den Boden unter den Füßen weggerissen.“

Denn das übernommene Lokal am Petersplatz musste komplett erneuert werden. Den Boden zieren nun Mosaikfliesen, die Stoffe in Weiß-, Gold- und Grüntönen hat die Chefin sorgsam ausgewählt und zwischen Bar- und Restaurantbereich hängt ein mundgeblasener Glas-Paravent, gefertigt von Österreichs einzigem Glasbläser Robert Comploj. Das alles sei nicht billig gewesen.

Falscher Zeitpunkt

Wieso man just inmitten der Pandemie ein neues Lokal eröffnet?

„Wir hatten keine andere Wahl“, sagt Wukonigg. Er und seine Frau haben den Vertrag zu Jahresbeginn unterschrieben. Damals ein freudiges Ereignis, durch die zentrale Lage hatte sich Wukonigg viel Frequenz erhofft. Doch nach drei Wochen Planung kommt Mitte März die Nachricht: Österreich muss in den Lockdown. Im Frühling hat Wukonigg alle seine Mitarbeiter halten können. Er hat Sorge, dass ihm das nicht noch einmal gelingen wird.

Von der Regierung wird Gastronomiebetrieben eine Unterstützung in der Höhe von 80 Prozent ihres Novemberumsatzes 2019 (bis maximal 800.000 Euro) zugesichert. Für Lokale wie das „Paul & Vitos“, die zu dem Zeitpunkt noch nicht offen hatten, soll es eine Fixkostenzuschuss-II-Lösung geben, bei der aus den vergangenen Monaten ein durchschnittlicher Umsatz errechnet wird.

Zu spät

Wukonigg hält das für leere Versprechen. Dass es noch keinerlei Vorlagen und Richtlinien gibt, wie sein Steuerberater sagt, könne er nicht nachvollziehen: „Wenn ich seit Monaten weiß, dass ein zweiter Lockdown kommen kann, dann habe ich alles vorbereitet. Dann sage ich nicht: Wir arbeiten jetzt an der Umsetzung.“

Vor ähnlichen Herausforderungen steht auch Manuel Bartolacci. Ende September hat er sein Lokal „Brösl“ im Stuwerviertel im 2. Bezirk eröffnet. Die Kritiker überschütten ihn mit Lob, aber das hilft im derzeit wenig. „Ich hab’ Angst“, sagt Bartolacci.

Die Rückerstattung des Vorjahresumsatzes bringt ihm herzlich wenig, voriges Jahr um die Zeit hatte das Brösl noch nicht offen. Dazu kommt, dass er einen Koch aus Guatemala beschäftigt – der ist mit Rot-Weiß-Rot-Card im Land, aber für ihn greift die Kurzarbeitsregelung nicht.

Dass Großkonzerne offen halten dürfen, kleine Gastro-Betriebe aber nicht, hält Bartolacci für „peinlich“. Er will den November nun irgendwie mit Speisen zum Abholen überbrücken.

Denn das Abholen von Speisen (und Getränken) ist im November in der Zeit von 6 bis 20 Uhr zwar gestattet. Das Liefern von Speisen bleibt ohne zeitliche Begrenzung erlaubt (siehe auch Kasten rechts).

Aus der Speisekarte von „Paul & Vitos“ wird man im November dennoch nichts bestellen können. „Lieferservice zahlt sich bei Pizzen mit wenig Wareneinsatz aus, die auch eine Stunde später nicht schlecht schmecken.“ Für „Paul & Vitos“ passe das aber nicht.

Kaum zu retten

So gesehen hat es Mario Sommer ein kleines bisschen besser getroffen. Am Sonntag hat er sich in seinem neu eröffneten Pop-up-Lokal „vor Liefer-Bestellungen kaum retten können“. Der 35-jährige Wiener verkauft seit Freitag in der Lerchenfelder Straße im 8. Bezirk seine „Kimbo Dogs“-Hotdogs. Bis Februar kann er in dem Geschäft, das im Sommer ein Eissalon ist, seine Speisen anbieten. 

Haupteinnahmequellen waren bis dato Großveranstaltungen  wie das Frequency oder  das Donaukanaltreiben. Hier spart er sich einen Polster für die Wintermonate an. Da es diesen heuer nicht gibt, blickt er etwas sorgenvoll in die Zukunft. Noch ist da aber Hoffnung.

Über die Gasse und Lieferservices will er seine Hotdogs im November unbedingt verkaufen. Außer die Auszahlung der angekündigten Hilfszahlung unterbindet das. „Die zu verlieren, kann ich mir nicht leisten.“

Das (vorerst) letzte Abendmahl in Freiheit  

Montagabend war für viele der vorerst letzte Abend in Freiheit. 

Wiener Lokale haben sich für diesen Abend mitunter besonderes überlegt. Im Schlawiener lud man zum „Restlessen“  (es wär’ ja schad um die guten Bio-Gänse).  In der Kisss Bar  zum „Restltrinken“: Um 2 Euro  pro Glas wurden offene Weine, Schnäpse und angeschlagenes Bier ausgeschenkt.  Im alten AKH bot man minus 30 Prozent auf alle Bestellungen und im Shebeen-Pub lud man zum „letzten Lachen“ beim Comedy-Abend.

Aber auch für die Zeit danach haben sich die Gastronomen schon etwas einfallen lassen: Wen der Gusto auf ein Schnitzel überkommt, der kann sich künftig eines von Figlmüller liefern lassen; Figlmüller ging eine Kooperation mit dem Fahrrad-Lieferdienst Mjam ein.

 

Genauso wie das Café Hummel. Von 8 bis 20 Uhr bringt die Bestellung der Ober höchstpersönlich – zumindest, wenn man in der Josefstadt wohnt oder arbeitet. Alle anderen müssen ihre Bestellung abholen.

Zum Abholen gibt es vielerorts heuer übrigens auch das Martini-Gansl: Von 9. bis 15. November liefert das Hotel Sans Souci Gans mit Knödeln aus (um Vorbestellung am Vortag wird gebeten), ebenso das Restaurant Béla Béla im Steigenberger-Hotel in der City. Das Gasthaus Buchecker und Sohn liefert gleich ganze Gansl-Menüs aus. Inklusive Ganslsuppe und Dessert – nach Wunsch sogar zum Selbstfinalisieren.  

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