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Asbest-Alarm in Ungarn: Forderung nach Krisenstab, Warnung vor Klagen

In einer Wohnsiedlung wurde der Gesundheitsnotstand ausgerufen. Greenpeace fordert Eingreifen der Bundesregierung und Kooperation mit Ungarn.
Asbest Proben

Zusammenfassung

  • Asbestbelasteter Schotter aus burgenländischen Steinbrüchen führte in mehreren westungarischen Gemeinden, darunter Szombathely, zu einem Gesundheitsnotstand.
  • Ungarische Messungen ergaben extrem hohe Asbestkonzentrationen in der Luft, während österreichische Betreiber und Behörden die Vorwürfe und Messmethoden zurückweisen.
  • Die ungarische Regierung ordnete Maßnahmen zur Ermittlung des Ausmaßes, zur Schadensbeseitigung und zur Klärung der Verantwortlichkeiten an.

Der Asbest-Skandal in Ungarn breitet sich laut Medienberichten weiter aus. Befürchtungen zufolge könnten immer mehr Gemeinden im Westen des österreichischen Nachbarlands wegen kontaminierten Schotters aus dem Burgenland betroffen sein, sagte András Nemény, Bürgermeister von Szombathely, laut dem Onlineportal Kontroll.hu (Link zum Artikel).

Außer Szombathely werden Sopron, Köszeg sowie weitere bis zu 30 Ortschaften genannt, die alle Schotter in Wohnsiedlungen und im Straßenbau verwendeten.

Laut Kontroll.hu könnten auch weitere Regionen betroffen sein, darunter der Kreis Zala sowie Gebiete rund um Székesfehérvár.

Gesundheitsnotstand in Wohnsiedlung ausgerufen

Experten zufolge handle es sich möglicherweise um die größte Asbestbelastung in Ungarn, berichtete das Onlineportal. In Szombathely wurde aufgrund extrem hoher Asbest-Konzentrationen in einer Wohnsiedlung ein Gesundheitsnotstand ausgerufen. Hier sei ein zwölf Kilometer langer Straßenabschnitt von der Asbestverschmutzung betroffen. 

Viele kleine, unterschiedlich gefärbte Steine liegen dicht nebeneinander auf dem Boden.

Belastung in Ungarn weitet sich aus, Warnung vor möglichen Klagen.

Dieser werde ständig gewässert, um die gesundheitsschädigende Staubbildung zu verhindern, mit der krebserregende Fasern in die Luft gelangen. Nemény erstattete Anzeige gegen Unbekannt und betonte, dass auch die Bevölkerung dieses Material gekauft hätte, da die beigefügten Zertifikate eine Asbestfreiheit belegten.

Laut Greenpeace Österreich hatten ungarische Messungen eine extrem hohe Asbestbelastung in der Luft ergeben, mit einem Ergebnis zwischen 35.000 und 292.000 Fasern pro Kubikmeter Luft, wobei die Taskforce im Burgenland einen Maximalwert von 1.000 Fasern pro Kubikmeter empfiehlt. Greenpeace hatte der burgenländischen Landesregierung Totalversagen vorgeworfen. 

Der Betriebsleiter des betroffenen Steinbruchs Pilgersdorf, Frank Eichhorn, hatte den Vorwurf zurückgewiesen und die Messungen als "unwissenschaftlich" bezeichnet. Eichhorn betonte weiters, dass es in Österreich keinen Grenzwert gebe für die Asbestkonzentration im Gestein, zitierte das Onlineportal Infostart.hu (Link zum Artikel).

Vier Unternehmen betroffen

Laut István Orbán, Generaldirektor des Regierungsamtes des ungarischen Komitats Vas, stamme das kontaminierte Material aus dem Steinbruch in Pilgersdorf, wobei auch die Steinbrüche Glashütten bei Schlaining, Bernstein, Badersdorf mit dem Vorfall in Verbindung gebracht wurden. Diese Unternehmen wurden im Jänner aufgrund von Asbestbelastung behördlich gesperrt. Sie alle wiesen Vorwürfe der Kontamination zurück und meinten: Die von den österreichischen Landesbehörden und Greenpeace angewandten Messmethoden waren unzureichend.

Zwei Hände mit blauen Handschuhen entfernen mit Metallwerkzeugen Moos von einem großen Felsen.

Neue Berichte aus Ungarn und Kritik an Behörden erhöhen den Druck.

Inzwischen wurde ein ungarischer Regierungsbeschluss erlassen. Darin werden die zuständigen Ministerien aufgefordert, das Ausmaß der Belastung zu ermessen, Maßnahmen zur Beseitigung von Gesundheits- und Umweltschäden zu prüfen sowie die Frage der Ermittlung der Verantwortlichen zu behandeln.

Maßnahmen und Kosten

Nach Angaben von Infostart.hu belaufen sich allein die provisorischen Schutzmaßnahmen in Szombathely auf täglich 400.000 bis 500.000 Forint (etwa 1.400 Euro). Dazu zählen kontinuierliche Bewässerung, Geschwindigkeitsbegrenzungen von 10 km/h sowie Zugangsbeschränkungen in betroffenen Gebieten.

Als mögliche langfristige Lösungen werden laut Bürgermeister Nemény zwei Varianten diskutiert: das Abdecken der Flächen mit Geotextilien und Basaltgestein oder eine Versiegelung mit Bitumen. Beide Optionen würden eine dauerhafte Reduktion der Staubbelastung ermöglichen, hieß es.

Zudem seien laut Infostart.hu bereits 19 Parkplätze und weitere Straßen gesperrt worden. Untersuchungen sollen klären, ob und in welchem Ausmaß Asbestfasern tatsächlich in die Luft gelangen.

Greenpeace fordert Krisenstab

Angesichts der Entwicklungen plädierte Greenpeace am Dienstag für die Einrichtung eines Krisenstabs in Österreich. Darin sollten die verschiedenen Ministerien, die betroffenen Bundesländer und unabhängige Expertinnen und Experten vertreten sein.

Wichtig sei das auch im Hinblick auf mögliche Klagen aus Ungarn gegen Österreich, sagte Greenpeace-Umweltchemiker Herwig Schuster: „Ein Krisenstab zeigt, dass die Bundesregierung die Causa Asbest ernst nimmt, und sorgt dafür, dass die Beziehungen zwischen Ungarn und Österreich nicht belastet werden.“

Asbest im Burgenland

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Das Thema habe eine Dimension erreicht, die die Kapazitäten der burgenländischen Landesregierung und der eingesetzten Taskforce „um ein Vielfaches“ übersteige, hieß es. Die Landesregierung habe versucht, das Ganze „mit Kleinreden zu durchtauchen. Das ist gescheitert“, kritisierte Schuster.

Das Land und die Taskforce hatten zuletzt betont, dass Luftmessungen keine akute Gesundheitsgefahr ergeben hätten. An allen 66 Messpunkten lag das Ergebnis demnach unter dem Richtwert von 1.000 Fasern pro Kubikmeter.

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