Extremhitze dürfte bleiben: Klimaforscher fordert rasche Anpassung
Flirrende Hitze in der Stadt: Besonders in dicht verbauten Gebieten steigt die Belastung während lang anhaltender Hitzewellen deutlich an (Symbolbild).
Die derzeitigen Hitzewellen sind nach Einschätzung des Klimaforschers Mojib Latif, Seniorprofessor am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, kein vorübergehender Ausreißer. In einem Interview mit FOCUS online warnt der Meteorologe vor weiteren Temperaturrekorden, zunehmender Wasserknappheit und einer Infrastruktur, die auf extreme Hitze nur unzureichend vorbereitet ist. Auch wenn sich Latifs Aussagen auf Deutschland beziehen, gelten viele der beschriebenen Entwicklungen grundsätzlich für Mitteleuropa – und damit auch für Österreich. Hitzewellen, längere Trockenperioden, mehr Tropennächte und häufigere Starkregenereignisse zählen auch hier zu den erwarteten Folgen des Klimawandels.
Vergleichbar dürfte auch die politische Herausforderung sein: Zwar gibt es in Österreich inzwischen einen nationalen Hitzeschutzplan und regionale Maßnahmen, doch viele öffentliche Gebäude sind auf lang anhaltende Hitze noch nicht ausreichend vorbereitet. Besonders dringend ist die Anpassung von Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen und Kindergärten. Nötig sind unter anderem wirksame Beschattung, bessere Gebäudekühlung, begrünte Außenflächen, Trinkwasserangebote und verbindliche Hitzepläne.
Europa stärker betroffen als der Durchschnitt
„Wir werden sagen: Damals fing es an, dass wir den Klimawandel so richtig spüren“, brachte es Latif bei Focus online auf den Punkt. Nicht jeder Sommer werde gleichermaßen extrem ausfallen. Die langfristige Entwicklung sei jedoch eindeutig. Und die Erwärmung werde sich in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich fortsetzen. Als Gründe nennt der Forscher die Trägheit des Klimasystems und die weiterhin hohen weltweiten Treibhausgasemissionen. Landflächen erwärmen sich schneller als die Ozeane, weshalb Europa stärker betroffen ist als der globale Durchschnitt.
Nicht nur Hitze, sondern auch Starkregen
„Was wir jetzt erleben, ist ohne den menschengemachten Klimawandel nicht zu verstehen“. Wenn Temperaturrekorde immer häufiger gebrochen würden, reiche die natürliche Schwankung des Wetters als Erklärung nicht mehr aus. Zugleich bedeute die Erderwärmung nicht ausschließlich mehr Trockenheit. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Treffen die entsprechenden Wetterlagen zusammen, kann dieser innerhalb kurzer Zeit als Starkregen niedergehen.
Für Österreich ist dieser Zusammenhang besonders relevant. Neben Hitzewellen und Trockenperioden können lokale Unwetter, Überflutungen, Muren und Hangrutschungen große Schäden verursachen. Dürre und Starkregen sind daher keine Gegensätze, sondern können Folgen derselben klimatischen Entwicklung sein.
Vorrangig Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen und Kindergärten schützen
Latif warnt davor, dass Wasserreserven zurückgehen und Böden bei höheren Temperaturen schneller austrocknen. Durch die stärkere Verdunstung verschärfe sich die Wasserknappheit, während Niederschläge häufig nicht dort fielen, wo das Wasser zuvor verdunstet sei.
Diese Entwicklung betrifft auch Österreichs Landwirtschaft, Wälder und Gemeinden. Längere Trockenphasen können Ernten gefährden und das Risiko von Wald- und Flächenbränden erhöhen. Gleichzeitig müssen Rückhalteflächen und Hochwasserschutz auf größere Niederschlagsmengen in kurzer Zeit vorbereitet werden.
Nach Latifs Einschätzung muss bei der Klimaanpassung die Gesundheit an erster Stelle stehen. Vorrangig sollten Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen und Kindergärten gegen extreme Hitze geschützt werden. Dazu gehören wirksame Beschattung, eine bessere Gebäudekühlung, begrünte Außenflächen und verbindliche Hitzepläne. In Städten sollten Bäume erhalten und neu gepflanzt, Flächen entsiegelt und schattige öffentliche Räume geschaffen werden. Auch der Zugang zu Trinkwasser und kühlen Aufenthaltsorten muss während Hitzewellen gesichert sein.
Neben der Anpassung bleiben niedrigere Treibhausgasemissionen notwendig. Nationale Maßnahmen allein können die globale Erwärmung zwar nicht stoppen. Sie sind aber Teil der internationalen Anstrengungen und verringern zugleich die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Latifs Warnung richtet sich in dem Interview an Deutschland. Ihre Kernaussage reicht jedoch darüber hinaus: Europas Staaten müssen sich gleichzeitig auf unvermeidbare Folgen vorbereiten und die weitere Erwärmung begrenzen.
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