Hitzewelle ohne Klimawandel bis zu 3,5 Grad kühler
Die aktuelle Hitzewelle wäre vor 50 Jahren laut einer neuen Studie nahezu unmöglich gewesen.
Zusammenfassung
- Laut Schnellanalyse der World Weather Attribution wäre die aktuelle Juni-Hitzewelle ohne den fortgeschrittenen Klimawandel tagsüber rund 3,5 Grad und nachts etwa 2,4 Grad kühler ausgefallen.
- Die Forschenden sehen Europa als Erderwärmungs-Hotspot, wobei Wien und 13 weitere Hauptstädte bei dreitägigen Extremtemperaturen deutlich stärkere Zunahmen verzeichnen als der globale Trend erwarten lässt.
- Der Studie zufolge werden Rekordwerte beim Hitzestress in mehr als 90 Prozent der untersuchten Städte in Deutschland, den Niederlanden und Polen bereits übertroffen, was Europas Gesellschaft an die Grenzen der Anpassungsfähigkeit bringt.
Wäre der Klimawandel nicht so weit fortgeschritten, würde die beispiellos lange und intensive Juni-Hitzewelle, die am Wochenende auf ihren Höhepunkt zusteuert, merklich kühler ausgefallen: Im Jahr 1976 hätte man unter ähnlichen Umständen geschätzt rund 3,5 Grad Celsius niedrigere Tagestemperaturen und ungefähr 2,4 Grad niedrigere Nachttemperaturen registriert, berechneten Experten der World Weather Attribution-Initiative (WWA) in einer Schnellanalyse.
Die internationale Forschungsgruppe um den Studien-Erstautor Theodore Keeping vom Imperial College in London hat auch Berechnungen dazu angestellt, wie stark die dahinterliegende fortschreitende und menschgemachte Erderwärmung in einzelnen von der momentanen Hitzewelle besonders betroffenen europäischen Metropolen durchschlägt. Wien liegt im Feld jener europäischen Hauptstädte, in denen sich die zu verzeichnenden Extremtemperaturen über drei Tage hinweg deutlich schneller erhöhten, als es aufgrund des weltweiten Durchschnittsplus von 0,6 Grad Celsius seit 2003 zu erwarten wäre. In der österreichischen Hauptstadt ist die Zunahme mehr als doppelt so hoch, als eigentlich auf Basis des Welt-Trends abzusehen wäre. Der Befund trifft auch auf weitere 13 Hauptstädte zu, wie die Forschenden schreiben.
Europa als Erderwärmungs-Hotspot
Klar sei, dass sich Europa schneller erhitzt als jeder andere Kontinent. Hierzulande wies der „Zweite Österreichische Sachstandsbericht zum Klimawandel“ (AAR2) aus dem vergangenen Jahr im Schnitt eine Erwärmung um 3,1 Grad Celsius im Vergleich zum Jahr 1900 aus. „Ein Trend, der mit großer Sicherheit auf den menschverursachten Klimawandel zurückgeführt werden kann“, schreiben die Forschenden aus Großbritannien, den Niederlanden, Irland, Schweden, Dänemark und Ungarn. Damit einher geht eine statistisch gesehen höhere Wahrscheinlichkeit, dass auch Sommerhitzewellen intensiver ausfallen können - ein Zusammenhang, der vielfach untersucht wurde.
Insgesamt hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahren große Fortschritte darin gemacht, einzelne Extremereignisse - wie etwa auch das verheerende Hochwasser in Österreich im Herbst 2024 - mit dem Gesamt-Trend des sich erwärmenden Klimas in Verbindung zu bringen. Die WWA-Initiative wurde 2014 gegründet und legt derartige Studien immer wieder vor - auch in Reaktion auf aktuelle Ereignisse.
Vor 50 Jahren noch „nahezu unmöglich“
Die aktuelle Juni-Hitzewelle habe in etwa eine Wiederauftrittswahrscheinlichkeit von mehreren Jahrzehnten bzw. bis zu um die 100 Jahre in vielen Regionen. „Wir sehen, dass dieses Event im Klima, das noch vor 50 Jahren herrschte, nahezu unmöglich war“, schreiben die Wissenschafterinnen und Wissenschafter.
Im Jahr 2003 litt Europa bereits unter einem massiv heißen Sommer. Die damaligen Ereignisse führten zu rund 70.000 Todesfällen, die auf die Belastungen durch die erhöhten Temperaturen zurückzuführen sind. Die momentane Welle wäre laut den Berechnungen vor 23 Jahren um ungefähr zwei Grad Celsius im Tages- und 1,3 Grad im Nachttemperatur-Schnitt kühler ausgefallen, heißt es in dem Bericht.
Europas Gesellschaft am Rande der Anpassungsfähigkeit
Was die Belastung für den Menschen betrifft, halten sich die Forschenden an eine Maßzahl zum kombinierten Effekt von Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Luftbewegungen. Diese Faktoren beeinflussen gemeinsam, wie gut der Körper mit der Hitze umgehen kann. Der Studie zufolge wird der bisherige Rekord für diese Maßzahl für Hitzestress aktuell in über 90 Prozent der Städte in Deutschland, den Niederlanden und in Polen übertroffen. Das gelte auch für mehr als die Hälfte der untersuchten Städte in Dänemark, der Slowakei, Belgien, Irland, Großbritannien und Österreich.
Man sehe, dass schon die bisherige Erhöhung der Sommertemperaturen in Europa die Gesellschaft an den Rand dessen bringt, womit sie umgehen kann. Um noch exzessivere Hitzewellen und höhere Durchschnittstemperaturen möglichst zu vermeiden, braucht es daher einen raschen Ausstieg aus dem Verbrennen von fossilen Energieträgern, halten die Expertinnen und Experten fest.
Das Hitzetelefon 0800/880-800 ist aus ganz Österreich kostenlos erreichbar
(Montag bis Freitag von 6 bis 22 Uhr; Samstag von 8 bis 20 Uhr; Sonntag von 8 bis 18 Uhr)
Tipps gegen die Hitze:
- Genug trinken: zwei bis drei Liter pro Tag, bei körperlicher Belastung mehr.
- Sonnencreme verwenden
- Auf die Ernährung achten: Gedünstetes Gemüse, Getreidesalate aus Bulgur, Couscous oder Hirse, Tofu-Spieße oder Suppen sind ideal.
- Wohnung kühl halten: Wer ohne Klimaanlage in der Wohnung auskommen muss, sollte tagsüber die Fenster schließen und die Räume verdunkeln.
- Körper und Kleidung: Füße in kaltes Wasser halten, ein feuchtes Tuch in den Nacken legen. Bei der Kleidung sollte man auf Leinen, Baumwolle oder Seide setzen. Diese Stoffe sind atmungsaktiv, nehmen Feuchtigkeit auf und fördern die Luftzirkulation, was zu einer natürlichen Kühlung führt.
- Direkte Sonne meiden: Besonders zwischen 11 und 17 Uhr möglichst im Schatten bleiben und körperliche Aktivitäten auf die kühleren Morgen- oder Abendstunden verlegen.
- Körperliche Anstrengung reduzieren: Sport und schwere körperliche Arbeit möglichst vermeiden oder auf kühlere Tageszeiten verschieben.
- Kopf schützen: Im Freien einen Hut, eine Kappe oder ein Tuch tragen.
Kommentare