Triebwerk zu groß

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Chronik Welt
06/27/2019

Boeing-737-MAX: Kommt Pannen-Jet jemals wieder in die Lüfte?

Analyse: Warum Boeing den Jet nach der Absturzserie auch weiterhin nicht betreiben kann.

von Dominik Schreiber, Kid Möchel

Bereits am Tag nach dem Absturz einer Boeing-MAX-Maschine in Äthiopien im März berichtete ein Flug-Experte dem KURIER von der Möglichkeit, dass der Jet nie wieder wird abheben können. Er sagte bereits richtig voraus, dass wieder der sogenannte Angle-of-Attack-Sensor den Absturz verursacht haben dürfte. Dadurch sei das umstrittene MCAS-Stabilitätsprogramm gestört worden. Mögliche Ursache sei ein Vogelschlag gewesen, der beim Start den Sensor beschädigt haben könnte, berichtete danach der KURIER.

Fast alle seine Vorhersagen aus dem März bewahrheiteten sich bisher. Als wahrscheinlichste Ursache für den Absturz gilt mittlerweile ein durch Vogelschlag beschädigter Sensor, der (via MCAS) die Nase nach unten drückte. Und die Maschine ist bis heute nicht startbereit, nun sind neue nicht näher definierte technische Probleme aufgetaucht. Ein erneutes Abheben der MAX-Flugzeuge ist in weite Ferne gerückt, im besten Falle muss die Software noch einmal überarbeitet werden.

Jets am Parkplatz

Inzwischen ist in der Boeing-Zentrale kein Platz mehr für die Dutzenden Maschinen, die weiterhin am Fließband hergestellt werden (müssen). Mittlerweile stehen sie auf dem Mitarbeiter-Parkplatz des Werks in Seattle.

Das Grundproblem des Flugzeugs scheint weiter unlösbar. Denn der Auslöser sind die viel zu großen Triebwerke. Weil Jets immer sparsamer werden sollen, muss mehr Luft durch die Düse und die Triebwerke werden dadurch voluminöser. Da diese unter dem Flügel keinen Platz haben, wurden sie dort weiter nach vorne gesetzt – dadurch wirken sie bereits wie ein zusätzlicher Flügel, weil sie so groß sind.

Das Problem ist, dass es dadurch in der wichtigsten Startphase (bis rund 400 Meter Höhe) zu gefährlichen Situationen kommt, die die Fluglage (Trimmung) des Jets aus dem Gleichgewicht bringen könne. Deshalb wurde das Stabilitätsprogramm MCAS erfunden, das dies automatisch ausgleicht. Es sollte aber nur minimale Eingriffe machen dürfen.

Aggressiv oder nicht

Recherchen mehrerer US-Medien ergaben, dass es offenbar bei Testflügen zu Problemen kam. Es stellte sich heraus, dass der Jet bei sehr geringen Geschwindigkeiten bereits außer Kontrolle geraten kann. Deshalb soll bei Boeing entschieden worden sein, dass MCAS viel aggressivere Zugriffsrechte auf die Flugsteuerung bekommt.

Dies war aber offenbar nur möglich, wenn sich das System nur mehr auf einen der Angle-of-Attacks (Winkel-Sensoren) verlassen kann.

Nun muss Boeing die Eier legende Wollmilchsau finden: MCAS darf nicht mehr so aggressiv eingreifen, um die Maschine nicht direkt in den Absturz zu führen. Wird das Stabilitätsprogramm aber weniger aggressiv, dann kann der Jet bei langsamen Geschwindigkeiten (in der Startphase) außer Kontrolle geraten und so abstürzen.

Dazwischen liegt ein ganz schmaler Grat (wenn es den überhaupt gibt), den Boeing jetzt finden muss. Bisher verlief die Suche aber offenbar ergebnislos.