Politik | Ausland
03/11/2019

Boeing-Absturz: Startverbote und Hinweise zu möglicher Ursache

China, Indonesien und erste Airlines „grounden“ ihre Flotte. Neue Erkenntnisse zum Absturz. Kein Landeverbot in Österreich.

„Es sieht so aus, als wäre die Maschine unter die Erde getaucht“, schildert ein Augenzeuge. 157 Menschen, darunter drei Österreicher, 19 UNO-Mitarbeiter und eine Gruppe Experten für Flugunfalluntersuchungen starben bei dem heftigen Aufprall einer vier Monate alten Boeing 737-MAX8 am Sonntag südlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.

Der Flugschreiber wurde – schwer beschädigt – gefunden und soll nun analysiert werden. Einige Länder (Indonesien, China) und Fluglinien (Ethopian Air, Cayman Airways) wollen die Untersuchung nicht abwarten und erteilten ihren Fliegern am Montag ein Startverbot, die deutsche TUIfly prüft ein ähnliches Vorgehen derzeit.

Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) ließ sich ebenfalls informieren, allerdings landen derzeit keine Boeing 737-MAX8 in Österreich. Ein Landeverbot müsste von der europäischen Luftfahrtvereinigung EASA erteilt werden.

Erste Erkenntnisse zeigen, dass die Piloten vor dem Absturz „unreliable Speed“ (unzuverlässige Geschwindigkeit) an den Tower meldeten. Das deckt sich damit, dass die Maschine am letzten bekannten Punkt mehr als 700 statt der dort üblichen 400 km/h geflogen sein dürfte. Die Flughöhe beim letzten Kontakt beträgt rund 400 Meter – das ist etwa der Bereich, bei dem die Landeklappen („Flaps“) eingefahren werden und das berüchtigte MCAS-System eingreift.

Trimmung falsch?

Dieses System wurde eingeführt, weil Boeing im Kampf um weniger Treibstoffverbrauch (siehe Zusatzbericht) das Triebwerk am Flügel weiter nach vorne setzte. So minimale Veränderungen haben große Auswirkungen auf die Luftlage. Denn eine Maschine muss vor allem in der Start- und Landephase richtig „getrimmt“ sein. Das bedeutet, dass die Nase nicht zu hoch oder zu tief sein darf. Um dieses „Auspendeln“ möglich zu machen, baute Boeing das MCAS ein, damit sollten gefährliche Luftlagen durch einen Eingriff in die Heckflosse verhindert werden. Viele Piloten wussten davon offenbar aber nichts.

Beim Absturz der Lion-Air im Oktober in Indonesien und nun in Äthiopien gibt es Hinweise darauf, dass dieses System verrückt gespielt haben könnte. Doch in beiden Fällen gibt es auch Unterschiede, denn in Indonesien war das System schon vorher defekt, wurde aber nicht repariert. Beim davor gehenden Flug der Ethiopian Airlines von Johannesburg (Südafrika) nach Addis Abeba gab es allerdings keinerlei Probleme dieser Art.

Eine Theorie, die derzeit geprüft wird, ist, dass es ein Problem beim Sensor gegeben haben könnte. Diese ist vorne unter der Cockpitscheibe angebracht und misst den Winkel des Flugzeugs. Über diesen wird das richtige Trimmwinkel automatisch eingestellt. Da es aber insgesamt mehrere Sensoren am Flugzeug gibt, könnten diese unterschiedliche Signale an den Computer gemeldet haben.

Eine Möglichkeit wäre, dass der Sensor etwa durch einen Vogelschlag beschädigt worden sein könnte. Dies könnte bei der vorhergehenden Landung genauso passiert sein wie bei dem Start.

Das Problem ist aber, dass in 400 Metern Höhe wenig Spielraum zum Reagieren bleibt. Aus Luftfahrtkreisen ist zu hören, dass der Boeing-Pilot maximal zwölf Sekunden Zeit gehabt hätte.

Zieht man eine Reaktionszeit von ein paar Sekunden ab, bleibt de facto keine Möglichkeit mehr um die notwendigen drei Schalter zu betätigen, die links und rechts vom Piloten sind.

Normal ist aber ohnehin das Abarbeiten einer umfangreichen Checkliste. Bei Unfalluntersuchungen geht man oft davon aus, dass der Pilot bis zu 30 Sekunden benötigt, um Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Angst vor dem Fliegen zu haben ist aber auch weiterhin unbegründet. Jedes Jahr sterben weltweit etwa sieben Millionen Menschen den Folgen des Rauchens – und nur etwa 200 bis 1000 Menschen durch Flugzeugabstürze. Das sind also etwa so viele wie jährlich auf Österreichs Straßen ums Leben kommen.

Laut Experten stürzt nur einer von 2,54 Millionen Flügen ab. Oder anders gesagt: Es gibt weltweit jedenfalls mehr Lottomillionäre als Menschen, die bei Flugzeugabstürzen gestorben sind.