Das Murmeltier wird als möglicher Erreger ins Visier genommen.

© REUTERS/DENIS BALIBOUSE

Chronik Welt
07/06/2020

Beulenpest in China: Behörden warnen vor möglicher Epidemie

In der Inneren Mongolei wurde bei einem Mann die Beulenpest diagnostiziert. Bewohner sind nun angehalten, keine Murmeltiere mehr zu essen.

von Michael Hammerl

Es war eine der Geburtsstunden der biologischen Kriegsführung: Die mittelalterliche Stadt Kaffa - gelegen auf der heute von den Russen annektierten Halbinsel Krim und nunmehr unter dem Namen Feodossija bekannt - wurde von 1346 an von mongolischen Truppen belagert.

Vorerst erfolglos an den hohen Stadtmauern gescheitert, änderten die Mongolen 1347 laut historischen Berichten ihre Taktik und katapultierten Leichenteile über die Mauern. Hintergrund: In der Mongolei wütete zu diesem Zeitpunkt die Beulenpest. Die Angreifer wussten also, wie infektiös ihre verstorbenen Kumpanen post mortem noch waren.

Es kam, wie es kommen musste: Die Pest breitete sich in Kaffa aus. Bewohner verließen in blanker Panik Haus, Hof und Stadt, flohen auf Schiffen vor allem nach Genua - der damals wichtigsten Handelsstadt am Mittelmeer. Mit im Gepäck: die Beulenpest. Von Genua aus verbreitete sich der bakterielle Erreger über Floh, Hausratte und Mensch über ganz Europa, schwappte in grausamen und tödlichen Wellen über sämtliche Landstriche. Zwischen 1346 und 1353 sollen 25 Millionen Menschen in Europa an der Pest gestorben sein - immerhin ein Drittel der damaligen Bevölkerung.

Neuer Fall sorgt für Aufregung

In pandemischen Zeiten wie den aktuellen ist die Beulenpest zwar noch verzichtbarer als sonst, ausgerottet ist sie aber nicht. Es gibt zwar keine Impfung, allerdings wirksame Antibiotika. Zuletzt sorgte eine Epidemie auf Madagaskar, 2017, für Schlagzeilen. Auch in der Mongolei und China kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Einzelfällen.

Vorab: Woran erkennen Sie, dass Sie die Pest haben? Die relevantesten Symptome sind Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Benommenheit, später auch Bewusstseinsstörungen. Der sicherste Indikator: Sollten ihnen blau-schwarz Lymphknoten, also beulenförmige Gewächse, am Hals, der Leiste oder in den Achseln sprießen, haben Sie ein gravierendes Problem.

In der Inneren Mongolei - einer angeblich autonomen Region im Norden Chinas - sorgt nun ein neuer Infektionsfall für Aufregung. In der Stadt Bayan Nur, im Nordwesten von Peking, sollen die Behörden "alarmiert" sein, berichtete CNN, nachdem am Samstag in einem Krankenhaus bei einem Hirten der Pesterreger diagnostiziert wurde. Er soll sich stabilem Zustand befinden. Die zweitniedrigste Warnstufe wurde für die Region ausgerufen und gilt laut der Nachrichtenagentur Xinhua bis Jahresende.

Bitte keine Murmeltiere verspeisen

Die Behörden rufen Menschen dazu auf, keine Wildtiere zu essen. Inbesondere keine lebendigen und schon gar keine verendeten Erdhörnchen der Gattung Murmeltier. Sie gelten als Auslöser der berüchtigten Pestwelle, die den Nordosten Chinas ab 1911 heimsuchte und etwa 63.000 Menschenleben gefordert haben soll. Diverse Nager, insbesondere Ratten, aber auch Eichhörnchen, können den Pest-Erreger Yersinia pestis über Flöhe auf Menschen übertragen.

In der benachbarten Mongolei wurde am Montag ein Pest-Verdachtsfall gemeldet. Ein 15-Jähriger bekam nach dem Verzehr eines Murmeltiers Fieber. Erst vergangene Woche wurde bei zwei Brüdern in der Mongolei die Pest diagnostiziert. Sie hatten zuvor Murmeltiere verspeist.

"Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besteht das Risiko, dass sich in Bayan Nur eine epidemische Plage ausbreitet. Bürger sollen eigenverantwortlich handeln und sich bei anormalen gesundheitlichen Problemen sofort bei den Behörden melden", fordern die Gesundheitsbehörden Bayan Nurs auf.

Europa darf sich vorerst in Sicherheit wiegen, sind derzeit doch weder mongolische, noch chinesische Angriffspläne wie im Jahr 1347 bekannt. Und nein, große Sorgen sind in Anbetracht dieser Meldung sowieso nicht berechtigt: Weltweit werden laut WHO pro Jahr etwa 1.000 bis 2.000 Fälle von Beulenpest gemeldet. Grundsätzlich gilt vorerst also: Im Osten - und auch global - nichts Neues.

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