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Literatur
07/04/2020

Daniel Defoe und Heinrich Heine: Pest und Cholera sind aktuell

Neu aufgelegte Bücher: Berichte aus London (aus dem Jahr 1665) und aus Paris (1832)

von Peter Pisa

Hat man die Wahl zwischen Pest und Cholera – kleiner Tipp: Man sollte sich für Cholera entscheiden. Die Überlebenschance ist größer

Hingegen fällt die Wahl zwischen Daniel Defoes „Die Pest in London“ (1722 erstmals erschienen) und Heinrich Heines „Ich rede von der Cholera“ (im Jahr der Epidemie 1832 veröffentlicht) eindeutig für die Pest aus.

Parallelen zu Corona-Zeiten, man mag es kaum glauben, haben beide Bücher.

Defoe berichtet aus der Stadt, und man muss glauben, er war jener Kaufmann im Roman, der neugierig alles beobachtete, Aber er war damals, im Seuchenjahr 1665, erst fünf.

Es dürfte sein Onkel gewesen sein, der ihm später alles erzählt hat.

Zu früh

Daraus wurde Literatur, die einerseits journalistisch mit Listen dokumentiert, wie viele Tote es in den einzelnen Stadtteilen gegeben hat.

Defoe mochte Listen, in „Robinson Crusoe“ ließ er seinen Schiffbrüchigen das Positive und Negative seines Lebens untereinander aufschreiben.

Andererseits sind es G’schichten, sind es Anekdoten, die den Roman ergeben.

Vom Anfang der Epidemie bis zum Ende: Wie versucht wurde, die Erkrankungen zu vertuschen. Wie Menschen beim Einkaufen tot umfielen, beim Stillen der Babys, gleich danach starben die Babys. Wie die Obrigkeit mit Geld die Verzweiflung lindern wollte. Wie der Handel ruiniert war und das Handwerk. Wie die Menschen in den Wolken Engel erkannten und Fake News verbreiteten.

Wie, als es „eh nur noch“ 900 Tote in der Woche gab, die Vorsicht beiseite geworfen wurde: Ein Barbier öffnete voreilig sein Geschäft. Es starben seine Frau, seine fünf Kinder, zwei Lehrlinge und er.

Häuser, sobald jemand krank war, wurden versperrt, sodass auch die Gesunden nicht mehr nach draußen konnten. Ein totales Ausgangsverbot. Wächter standen davor. Einer, so wird erwähnt, sei in die Luft gesprengt worden, damit die gefangene Familie flüchten konnte.

Daniel Defoe fand eine einfache moderne Sprache. So mittendrin ist man im Elend, dass man beim Lesen glaubt, sich vor Ansteckung schützen zu müssen.

Ridikül

Das war Heinrich Heines Sache nicht.

Aus der Cholera in Paris machte er eine – Zitat – „Besprechung“ für die Allgemeine Zeitung in Augsburg. Ein Feuilleton, an dem jeder merkt, hier ist ein Dichter am Werk ... der es der „guten Cholera nicht verdenken“ konnte, dass sie sich „aus Furcht vor dem Ridikül in Respekt setzte und das Volk dezimierte“.

Die Cholera fürchtete ein gehäkeltes Damenhandtäschchen?

Nein, sie fürchtete – zweite, seltene Bedeutung vom Ridikül – die Verspottung.

Heine lässt in seinem kurzen Text (obwohl man sagt, er litt mit den Kranken ) keine Empathie erkennen.

Er ärgerte sich sogar, dass ihm das laute Sterben bei offenen Wohnungsfenstern störte, während er schöne Sätze über Leichensäcke und Totenstille formte.

Kann ja sein, dass Spezialisten recht haben, die hier den Beginn eines modernen Journalismus sehen.

Eines unsympathischen.

Das Bild oben ist ein Ausschnitt einer Illustration des Briten Frederic James Shields aus einer frühen Ausgabe von Defoes Pest-Buch.

Daniel Defoe: „Die Pest in London“
Übersetzt von Rudolf Schaller.
Verlag Jung und Jung.
320 Seiten. 25 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Heinrich Heine: „Ich
rede von der Cholera“
Herausgegeben von Tim Jung. Hoffmann und Campe Verlag.
64 Seiten.
14,40 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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