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Chronik Welt
10/11/2019

Friede mit Eritrea: Nobelpreis geht an äthiopischen Premier Abiy Ahmed

Als Favoritin war zuvor auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg gehandelt worden.

Die Euphorie war kaum zu bremsen vor einem Jahr. Am Flughafen von Eritreas Hauptstadt Asmara fielen sich weinend Familien in die Arme. In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba wurde die grün-rot-blaue Flagge Eritreas erstmals wieder gehisst, in Asmara wehte das Grün-Gelb-Rot Äthiopiens. 20 Jahre lang hatte zwischen den Rivalen am Horn von Afrika ein Kalter Krieg geherrscht. Die Feindschaft hatte die ganze Region gelähmt. Auf einen Schlag wurde sie dann beendet - und alles sollte anders werden.

Jener Mann, der für diese Euphorie verantwortlich war, soll nun den Friedensnobelpreis erhalten. Das wurde heute in Oslo bekannt gegeben. Der äthiopische Premier Abiy Ahmed hatte erst im März 2018 das Amt neu übernommen und innerhalb weniger Monate den Grenzkrieg mit Eritrea beendet - und ganz nebenbei sein Land Äthiopien auf Wachstumskurs gebracht. 

Der Preis gilt als die renommierteste politische Auszeichnung der Welt und ist mit neun Millionen schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro) dotiert.

Als Favoriten hattenFriedensforscher und Wettbüros im Vorfeld neben Abiy Ahmed auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg ausgemacht. 

Bisher im Westen weitgehend unbekannt, ist der Ex-Militär und Ex-Geheimdienstler Abiy Ahmed binnen weniger Monate zum Hoffnungsträger avanciert und gilt als derzeit größter politischer und wirtschaftlicher Reformer des afrikanischen Kontinents. Auch in der EU, der nicht zuletzt dank der Migration wirtschaftliche und politische Entwicklung in Afrika ein Anliegen ist.

Grenzkrieg mit Eritrea

Ende März übernahm Ahmed die Regierungsgeschäfte von Hailemariam Desalegn. Er beendete den Grenzkrieg mit Eritrea, besetzte die Hälfte seines Kabinetts, den Posten des Höchstrichters und das Amt des Staatspräsidenten mit Frauen.

Zudem entließ Abiy Regimegegner aus der Haft, politische Parteien, die als Terrorgruppen gebrandmarkt und verboten waren, wurden wieder zugelassen. Medien dürfen nun deutlich freier berichten, schrieb unsere Außenpolitik-Redakteurin Irene Thierjung bei einem Besuch in Äthiopien vergangenes Jahr. Oppositionelle würden von ihren Anhängern gefeiert nach Äthiopien zurückkehren.

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Abiy Ahmed Ali wurde am 15. April 1976 in Beshasha als erster Sohn von Tezeta Wolde, der vierten Ehefrau seines muslimischen Vaters Ahmed Ali in eine sehr angesehene Familie geboren. Seine Mutter ist zum Christentum übergetreten. Über Abiy Ahmeds  Religionszugehörigkeit gibt es widersprüchliche Angaben.

Sein Vater wurde während der Herrschaft der Derg inhaftiert. Abiys Jugend war stark vom Sturz des Staatschefs Mengistu Haile Mariam geprägt. Beim folgenden Aufstand wurde sein ältester Halbbruder getötet,  Abiy schloss sich mit 15 Jahren der politischen Fraktion der Demokratischen Organisation des Oromovolkes (OPDO) an, 1993 trat er in die äthiopische Armee ein, wo er eine gute Ausbildung erhielt, 1995 war er Teil einer UN-Friedensmission in Ruanda. Er wurde Offizier und absolvierte mehrere Studien. Ab den 2000er-Jahren machte er sich in seiner Heimatregion einen Namen als Vermittler zwischen Christen und Muslimen.

Abiy Ahmed ist mit Zinash Tayachew verheiratet, die er beim Militär kennen gelernt hatte. Das Paar hat drei Töchter.

Der Friedensnobelpreis wird im Gegensatz zu den anderen Nobelpreisen nicht in Stockholm, sondern in Oslo vergeben. Dort wird er am 10. Dezember, dem Todestag des Dynamit-Erfinders und Preisstifters Alfred Nobel, auch überreicht. Für die Auswahl ist eine Jury zuständig, die vom norwegischen Parlament ernannt wird.

Die Jury hatte in diesem Jahr die Wahl zwischen 301 Nominierten, unter ihnen 223 Persönlichkeiten und 78 Organisationen. Da die Namen der Kandidaten 50 Jahre lang unter Verschluss gehalten werden, ließ sich über den Preisträger vorab nur spekulieren.

Im vergangenen Jahr erhielten der kongolesische Arzt Denis Mukwege und die irakische Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad die Auszeichnung für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt als Kriegswaffe. Die diesjährige Vergabe ist die 100. in der Geschichte des Friedensnobelpreises. Seit der ersten Auszeichnung 1901 gab es in 19 Jahren, vor allem in Kriegs- und Krisenzeiten, keinen Preisträger.