Stillleben mit dem Nobelpreisträger: Peter Handke  in Chaville – nach der Bekanntgabe

© APA/AFP/ALAIN JOCARD

Porträt
10/10/2019

Peter Handke: Der Revoluzzer mit dem Bleistift

Pop-Star und Pilznarr, Zerstörer von Konventionen und Traditionalist, immer Widerspruchsgeist – und nun auch Nobelpreisträger.

Peter Handke hatte immer etwas Unnahbares, Arrogantes. Wenn er nicht stumm war, so sprach er bedächtig leise, fast nicht hörbar. Er konnte aber auch ganz anders: Wenn er zum Beispiel tarockierte, dann vermochte der Kärntner mit slowenischen Wurzeln wie der letzte Bauer zu schimpfen und zu fluchen.

Und wenn man sich das hagere Männchen, das Peter Handke heute mit knapp 77 Jahren darstellt, so anschaut: Dann kann man sich kaum vorstellen, dass er in den späten 1960er-Jahren der Pop-Star der Literatur war. Er war sogar ein Revoluzzer. Aber eben ein ganz ein leiser.

Im Sommer 1961, nach der Matura, war Peter Handke von Griffen nach Graz gegangen, um Jus zu studieren. Er bewohnte ein Zimmer im Vorort Waltendorf, die Prüfungen absolvierte er zumeist mit Auszeichnung, aber seine Liebe galt der Literatur, dem Film, dem Fußball und der Populärkultur. Er legte damit das Fundament zu vielen seiner Bücher und Drehbücher – von „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ bis zum „Versuch über die Jukebox“.

Er gab Nachhilfe in Griechisch und arbeitete in einem Warenversandhaus. Weil ihm dort das Licht der Leuchtstofflampen schmerzte, trug er eine dunkle Sonnenbrille – sie sollte sein Markenzeichen werden, hinter der er sich scheu verbergen konnte.

Im Sommer 1963 behauptete er keck im Forum Stadtpark: „Ich bin der neue Romancier.“ Alfred Kolleritsch, Herausgeber der Literaturzeitschrift "manuskripte", ging auf den jungen Mann zu, sie wurden Freunde. Handke tippte im Forum sein Buch „Die Hornissen“, weil er, so Kolleritsch, „keine richtige Schreibmaschine hatte“.

Dann lernte Peter Handke die Schauspielerin Libgart Schwarz kennen (mit der er eine Tochter, Amina Handke, hat). Im Sommer 1966 wurde sie nach Düsseldorf engagiert – und er ist ihr gefolgt. So endet das Kapitel in Graz. Und nun ging der Stern des Peter Handke auf. Im März 1966 war beim Suhrkamp Handkes Debütroman erschienen, mit dem sich selbst Fans schwertun, und einen Monat später in den "manuskripten" die „Publikumsbeschimpfung“.

Dieses Stück war eine Zumutung. Vier „Sprecher“ heißen ihre Zuhörer alles Mögliche. Sie benahmen sich wie eine Rock-Band und gaben eine Art Konzert mit Worten. Das Publikum brüllte vor Lachen – oder es schrie entrüstet Buh. Die Beschimpfung macht aber nur einen Bruchteil des Textes aus: Sie ist das furiose Finale. In den Passagen davor zerstört Handke die Konventionen des bürgerlichen Theaters. Die Uraufführung fand am 8. Juni 1966 in Frankfurt statt, inszeniert von Claus Peymann.

Langsame Heimkehr

Unmittelbar davor, im April, war der 23-Jährige bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton. Vor all den Literaturstars stellte er, als „mädchenhafte Gestalt“ beschrieben, fest, „dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht“. Mehr brauchte es nicht. Ja, Handke rebellierte. Und er verstörte, wenn er die Aufstellung eines Fußballmatchs als Gedicht veröffentlichte. Er verstörte auch mit einem Stück ohne Text („Das Mündel will Vormund sein“). Und er verstörte mit „Kaspar“, der sich erst eine Sprache finden muss.

Doch schon bald wurde er selbst klassisch – zunächst 1972 mit dem Buch „Wunschloses Unglück“, in dem er

sich mit dem Suizid seiner Mutter auseinandersetzt, und ab 1979 mit der Tetralogie „Die langsame Heimkehr“. Nicht nur der Held mit dem sprechenden Namen Sorger kehrt heim, auch Handke tut es: Von nun an, nach vielen Jahren in Düsseldorf, Kronberg und Paris, lebt er bis 1987 in Salzburg – mitten im Wald. Handke beschäftigt sich immer ausufernder mit der Natur, er wird zum Pilznarren, er nimmt seine Leser mit auf Reisen durch Kontinente und ins Innere, er philosophiert immer wieder neu über die Suche nach dem Zusammenhang und dem großen Ganzen. Seine Figuren scheitern dabei an Kleinigkeiten.

In alle Nesseln

Und kaum jemand liest Handke wirklich. Zu langweilig, sagen viele. Was einfach nicht stimmt. Handke nimmt es nur sehr genau. Und gerade in seinen kleineren Werken überrascht er: Wenn sein Ich-Erzähler Besuch von Don Juan bekommt – oder mit dem Märchen „Lucie im Wald mit den Dingsda“ (1999). Handke kann berühren (etwa mit dem Drehbuch zu „Der Himmel über Berlin“ seines Weggefährten Wim Wenders), und er kann auch witzig sein. Dann flucht er wieder – in „Untertagblues“ (2003). Er arbeitet die Geschichte der Kärntner Slowenen und seiner Familie auf („Immer noch Sturm“, „Über die Dörfer“) – und er setzt sich, mit dem Bleistift schreibend, wütend in alle Nesseln, wenn er die Serben gegen die NATO verteidigt.

Im Sommer 1990 erwarb Handke in einer Niemandsbucht nahe Paris, in Chaville, ein Haus. Dort lebt er wie ein Einsiedler. Und milde mag er gelächelt haben, als er die frohe Kunde vernahm, bevor er in den Wald spazieren ging.

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