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Chronik Österreich
07/03/2020

Zeugnistag: Das völlig andere Notenblatt

Österreichs Schulen befanden sich monatelang im Ausnahmezustand. Schülerinnen und Schüler bewerten das Krisenmanagement.

von Andreas Puschautz, Caroline Ferstl, Kevin Kada, Patrick Wammerl, Michael Pekovics

Auch in Österreichs Schulen war im Frühjahr nichts, wie es einmal war. Alle Bildungseinrichtungen wurden wegen der Corona-Pandemie für den Unterricht geschlossen. Lange Zeit gab es keine Perspektive, wann der reguläre Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Eine enorm schwierige Situation für 1,1 Millionen Schüler, deren Eltern und 400.000 Lehrer, die von heute auf morgen auf Homeschooling umstellen mussten.

Heute endet im Osten Österreichs die Schule, die übrigen Bundesländer folgen am kommenden Freitag. Zeit für die Zeugnisse also. Die wir angesichts des verrückten Schuljahres auf den Kopf gestellt haben: Wir haben Schülerinnen und Schüler am Ende des Corona-Semesters gebeten, selbst Noten zu vergeben.

Für die Eltern: Wie hat es während des Lockdowns im Zusammenhang mit der Schule daheim geklappt? Für die Lehrer: Wie fit waren sie technisch – und wie ambitioniert? Für das Homeschooling generell: Wie hat es funktioniert? Wie war das technische Equipment? Für die Freizeit mit Freunden – gab es die überhaupt? Und auch für die Performance der Regierung in dieser Zeit.

Wenn die 13-jährige Emma John beispielsweise erzählt, sie habe sich „noch nie so sehr auf die Schule gefreut “, sagt das – noch dazu zu Beginn der Sommerferien – jedenfalls viel aus.

Apropos: Im Herbst sollen alle Schulen wieder normal starten, der Fleckerlteppich – die Schulen entscheiden autonom, welche Klassen an welchen Tagen ins Haus kommen – ein Ende haben.

Emma John (13), Wien

„Mit meinen Eltern bin ich im Großen und Ganzen gut klar gekommen. Das Einzige, was mich regelmäßig auf die Palme gebracht hat, waren die Videokonferenzen meiner Mama. Wir haben beide im Wohnzimmer gelernt und gearbeitet, das hat mich genervt.“ Die 13-jährige Emma John geht mit dem vergangenen Sommersemester hart ins Gericht. Sie hat heuer die dritte Klasse AHS in der Stubenbastei im 1. Bezirk absolviert.

Ein Fan vom Homeschooling ist sie nicht: „Ich habe mit dem alten Laptop von meinem Papa gearbeitet. Am Anfang war das nicht einfach, ich hatte davor nur wenige Computer-Kenntnisse und habe   Schritt für Schritt dazugelernt. Gegen Ende des Homeschoolings ging es mir dann aber ganz gut damit. Da wir am Anfang noch keinen Drucker hatten, hatte ich Schwierigkeiten mit den Arbeitsblättern. Und wir hatten zwar WLan, das hat manchmal aber gesponnen. Das war weniger praktisch.“

Vermisst hat sie ihre Freunde: „Wir haben aber  viel telefoniert und geschrieben. Auch die Hausaufgaben haben wir teilweise übers Telefon zusammen gemacht“, erzählt Emma. Eines ist für die Schülerin jedenfalls klar: „Ich habe mich noch nie so sehr  auf die Schule gefreut wie nach diesem Lockdown.“

 

Dorian Brauneis (16), Hollabrunn

Für den Schüler der 6. Klasse im Erzbischöflichen Real- und Aufbaugymnasium hatte die Corona-Krise durchaus positive Effekte. So zum Beispiel im eigenen Familienleben. „Meine Mama ist Lehrerin, mein Vater war nach zwei Wochen in Kurzarbeit. Außerdem waren meine beiden Schwestern auch zu Hause. Wir haben wieder gemeinsam zu Mittag und Abend gegessen, und insgesamt hat uns das als Familie gutgetan.“

Für den 16-Jährigen war das Lernen von zu Hause nicht immer einfach, wie er erzählt: „Ich habe mir gedacht, ich schlafe bis 10 Uhr und dann setze ich mich zum Laptop und lerne. Aber mein Vater hat mich dann ermahnt und meinte, ich soll wie üblich aufstehen, damit ich nicht aus dem Rhythmus komme.“

Das Homeschooling hat je nach Lehrer besser oder schlechter funktioniert: „Manche haben uns extrem viel Arbeit gegeben, andere wiederum nur Dinge, die in zehn Minuten erledigt waren.“ Die Videokonferenzen mit den Lehrern haben sich Dorian und seine Mitschüler als Vorbild genommen und auch in der Freizeit über Video kommuniziert. „So hat man ein gewisses Gefühl, dass man etwas gemeinsam macht.“ Die Lockerung der Maßnahmen hält der Hollabrunner übrigens für verfrüht.

Marie-Sophie Tschak (15), Wr. Neustadt

Microsoft Teams, Outlook, Moodle, eMail oder doch  Schoolfox? „Da fühlten wir uns alle am Anfang ein wenig überfordert, weil so viele verschiedene Kommunikationsplattformen verwendet wurden“, meint Marie-Sophie Tschak rückblickend auf die vergangenen Monate im Homeschooling. „Aber mit der Zeit wusste man, welche Lehrkraft welche Plattform nutzte. Gegen Ende hin waren wir schon sehr eingespielt mit dem digitalen Lernen“, ergänzt die 15-Jährige, die das Bundesgymnasium Babenbergerring in Wiener Neustadt besucht. 

Schwierig gestaltete sich auch die Kommunikation mit den Lehrkräften: „Die Rückmeldungen waren recht unterschiedlich, von sehr ausführlich bis gar keine oder nur sehr wenig. Das ist  schade, Lob und motivierende Worte helfen in so einer Ausnahmesituation natürlich.“

Dafür gab es zu Hause viel Verständnis und  Zusammenhalt: „Unsere Eltern waren nicht nur Erziehungsberechtigte, sondern auch Lehrer, Techniker, EDV-Spezialisten  und vor allem Motivationscoaches. Das ist für viele sicher nicht einfach gewesen“, überlegt die Jugendliche. „Ich bin der Meinung, wir haben alle das Beste aus der Situation gemacht  und können stolz auf uns sein!“

Soey Wammerl (9), Wr. Neustadt

Wie wichtig die Rolle der Eltern in der Phase des Homeschoolings war, hat sich im Hause der neunjährigen Soey Wammerl (Volksschule Pestalozzi in Wiener Neustadt) gezeigt. „Meine Mama war bei uns die Managerin für alles. Mein Bruder und ich waren anfangs schon sehr besorgt, aber sie hat uns wie immer beruhigt und Mut gemacht. In der Zeit war sie nicht nur Mama, sondern Lehrerin, beste Freundin, Putzfrau und auch Computertechnikerin, weil Schoolfox, Teams und die unterschiedlichen Programme nicht immer funktioniert haben“, schildert Soey.

Nach einer gewissen Zeit habe sich zu Hause Routine eingespielt. „Ich habe länger geschlafen als sonst und danach mit einer Freundin täglich über Zoom gemeinsam die Aufgaben erledigt. So wurde es nie langweilig“, sagt die Volksschülerin. Damit sie und ihr älterer Bruder Liam sich bei den vielen Videokonferenzen nicht in Quere kamen, erledigten beide ihre Aufgaben in getrennten Räumen. „Mama war dahinter, dass ja keine Übung vergessen wurde.“

Der Fleiß zahlte sich aus. Soey wechselt im Herbst mit einem makellosen Abschlusszeugnis ins Gymnasium. „Ich bin schon gespannt, ob wir dort normalen Unterricht haben werden.“

 

David Mörz (16), Eisenstadt

Nicht alle Lehrer haben’s drauf, wenn es um Homeschooling und Online-Unterricht geht. Das ist eine der Lehren, die der 16-Jährige aus der Corona-Zeit gezogen hat: „Gerade anfangs war die Kommunikation recht kompliziert. Zwar haben sich einzelne Lehrer extrem gut ausgekannt, bei einigen der Älteren gab es jedoch merkbare Defizite.“ Auch die Technik habe nicht immer mitgespielt. „Vor allem am Vormittag waren Server oft überlastet. Ohne gute Organisation hatte man ein Problem, das System ist doch recht unübersichtlich.“

Weniger kritisch sieht der Schüler des Gymnasiums der Diözese Eisenstadt die fehlenden sozialen Kontakte zu seinen Freunden. Das hat aber einen speziellen Grund. „Während des Lockdowns habe ich meine Lust am Computerspielen wiederentdeckt. Das war irgendwie witzig, wir haben uns auf verschiedenen Messenger-Diensten wie Skype oder Discord getroffen und unterhalten.“

Gewöhnungsbedürftig sei hingegen der ständige Kontakt mit den Eltern gewesen, allerdings nur am Anfang der Ausgangsbeschränkungen. „Unter dem Strich hat die Corona-Zeit unsere Familie gestärkt und enger zusammengebracht. Wann hätten wir uns sonst die Zeit genommen, miteinander Karten zu spielen?“

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