Stadtforscher Autengruber: „Man schaut sich die Umgebung an, in der man lebt.“ 

© Kurier/Gerhard Deutsch

Porträt
07/25/2021

Wien in der Westentasche

Historiker Peter Autengruber beschäftigt sich schon sein halbes Leben mit Straßennamen. Ein Ende ist nicht absehbar, demnächst erscheint die 12. Ausgabe seines „Lexikons der Wiener Straßennamen“

von Barbara Mader

Ob das wohl so stimmen kann? Peter Autengruber beugt sich über das Wien-Modell im „Königreich der Eisenbahnen“ im Wurstelprater. Eine Modellbahnausstellung zeigt hier im Maßstab 1:87 Wien und seine Wahrzeichen, dazu Straßen mit fahrenden Bussen, Schienenfahrzeugen, parkenden Autos und Tausenden von Figuren. Autengruber beäugt die Szenerie. Er erkennt Unschärfen, aber insgesamt macht das Ganze einen sympathischen Eindruck.

Autengruber kann nicht anders, als Unschärfen rund um Wiens Straßen zu erkennen. Seit mehr als 25 Jahren hinterfragt er Namen, Bezeichnungen und Gründe, warum jemand überhaupt eine Straße bekommen hat.

„Straßennamen sind sein Leben.“ Früher fand er diese Beschreibung ein bisserl blöd. Aber wenn bald die 12. Ausgabe seines „Lexikons der Wiener Straßennamen“ erscheint, dann wird’s Zeit, es offiziell zu machen: Ja, Straßennamen sind wohl sein Leben. Peter Autengruber kennt tatsächlich jede Straße, jede Gasse, jeden Weg in dieser Stadt. Und wahrscheinlich findet er auch hin. Jahrgang 58’, war er im Zivildienst bei den Samaritern und kennt, wie man so sagt, wirklich jeden Kanaldeckel. Man kann den Mann auch testen: Er liegt immer richtig.

Lauter Fehler!

Zu den Straßennamen kam der gebürtige Kärntner durch Zufall. In den 1980ern arbeitete er bei der Perlenreihe, einer nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Ratgeber-Reihe. Fußballregeln, Glückssuche, Lottozahlen: Die Perlenreihe konnte in jeder Lebenslage aushelfen. 1988 erschien ein Buch über Straßennamen. „Ich war frisch von der Uni, hab mir das angeschaut und gedacht: Entsetzlich! Da sind ja wahnsinnig viele Fehler drin! Mein Chef hat gesagt: Na ja, wenn du was Besseres zusammenbringst, mach’s.“ Was nebenbei begann, wuchs sich aus. Internet gab’s keines. Für jede Auskunft musste man persönlich ins Rathaus-Archiv. Amtsrat Simacek, Magistratsabteilung sieben, half. Das Faktotum stattete den jungen Forscher mit einem Karteikasten samt Namen und handschriftlichen Hinweisen aus. 1995 erschien die erste Ausgabe des Lexikons der Straßennamen. Das Echo war enorm, Willi Resetarits widmete dem Buch eine Radiosendung, die Nachfrage war groß. Zweite und dritte Ausgabe folgten auf dem Fuß.

Ein gutes Vierteljahrhundert später sind Straßennamen nicht mehr aus Autengrubers Leben wegzudenken. Autengruber ist Historiker, Schwerpunkt Zeitgeschichte. Der Beruf passt zu ihm. Geschichte muss man sich über die Jahre anschauen. Geduldig sein, genau beobachten. Momentaufnahmen sagen gar nichts. Autengruber, ein mittelgroßer Mann mit grauem Sakko, grauen Haaren und Brille, ist behutsam. Er hudelt nicht, auch nicht beim Sprechen. Er dehnt die Vokale, Zeeeeitgeschichte, sagt er mit leiser, rauer Stimme in sanftem Wienerisch.

Straßennamen erzählen Stadtgeschichte. Peter Autengruber hat neben bisher 11 Ausgaben des „Lexikons der Wiener Straßennamen“ Publikationen wie „Verschwundene Wiener Straßennamen“, „Wiener Kleingärten“ oder das „Lexikon der Wiener Gemeindebauten“
veröffentlicht.  

Umstritten
Gemeinsam mit Birgit Nemec, Oliver Rathkolb und  Florian Wenninger gab Autengrunber 2014 die „Umstrittenen Wiener Straßennamen“ heraus. Bekannte Namen wie  Karl Lueger oder Franz Dusika kommen ebenso vor wie heute weitgehend unbekannte Persönlichkeiten.  Im September erscheint  ein Ergänzungsband.

 

Und dann Schichtarbeit

Autengruber wächst in den 1960ern in Liesing auf, weit draußen, „in der Einschicht.“ Sehenswürdigkeiten: Baumschule, Beisl, Flipperhalle. Sprachen sind damals nicht seine Stärke. Auf den Schulabbruch folgen Job, Maturaschule und dann doch noch Studium, verdient mit Schichtarbeit in der Fabrik.

Das Interesse an der Stadt gedeiht schon damals. „Man ist ja nicht blind. Man schaut sich die Umgebung an, in der man lebt.“ Wer heute mit Herrn Autengruber durch die Stadt geht, erfährt an jeder Ecke Neues. Am Anfang haben manche vor allem das Skurrile in seiner Beschäftigung mit Straßennamen gesehen. „Aber das ist eine ernsthafte Sache. Man lernt Lokalgeschichte und vor allem, wie man mit Vergangenheit umgeht.“ Irgendwann hat ihn Zeitgeschichte-Professor Oliver Rathkolb angesprochen. Anlass war die Diskussion um das Lueger-Denkmal. Man kam überein: Es war Zeit, Wiens Straßen- und Ortsnamen auf Problemstellen zu durchforsten. Resultat: das Buch „Umstrittenen Straßennamen“. Demnächst erscheint ein Ergänzungsband. Man lernt schließlich immer dazu, entdeckt neue Quellen.

Und Lueger? „Ich bin nicht für Geschichtslöschung. Man braucht eine gute künstlerische Intervention, um zu sehen: Da waren einerseits Luegers Leistungen für die Stadt. Andererseits ist er Teil unserer antisemitischen Geschichte. Die nicht bei ihm beginnt. Sie war viel früher da.“

Grundsätzlich: Umbenennung oder Zusatztafel, wann ist was angebracht? „Nehmen Sie den Schriftsteller Josef Weinheber. Bei ihm ist das Werk („Wien wörtlich“) von der Person unterscheidbar. Anders etwa bei der Blut- und Boden-Autorin Maria Grengg. Sie hat ihre ganze schriftstellerische Tätigkeit und ihr Leben in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt. Da bin ich für Umbenennung.“

Wird es einen Punkt geben, an dem der Forscher sagt: Genug ist genug? Vielleicht nach der 20. Auflage des Lexikons der Straßennamen? „Nein, ich mache weiter, so lange das die Leute interessiert. Ich werde das immer spannend finden.“

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