Chronik | Österreich
25.01.2017

Vier Tote in Polizei-Hubschrauber: Neue Protokolle widerlegen offizielle Version

Ein neuer Zeuge berichtet von Sturzflug-Übungen vor dem Absturz mit vier Toten.

"Ein paar Tage vor dem Absturz gab es Sturzflug-Übungen eines Polizei-Hubschraubers über dem Achensee", berichtet ein Tiroler Ingenieur dem KURIER. Die Manöver seien praktisch ident wie vor dem anschließenden Absturz, der vier Tote forderte und 15 Mio. Euro kostete. Der Pilot Markus P.. erreichte vor dem Crash Kabinenneigungswinkel von 47 Grad und hatte eine rasante Sinkrate von 20 Metern pro Sekunde.

Brisante Aussage

Diese neue Zeugenaussage ist sehr brisant und ein weiteres Indiz, dass sich der Absturz des Eurocopters am 30. März 2011 anders als die offizielle Version zugetragen hat. Der Verdacht auf ein fahrlässiges Manöver, das drei Polizisten und einem Schweizer Hospitanten das Leben kostete, wird stärker. Rainer Hable, Nationalrat der Neos, glaubt sogar, dass Gesetze umgeschrieben wurden, um die offizielle Version zu decken.

Der Leiter der Flugpolizei, Werner Senn, betonte 2011 und zuletzt gestern, Dienstag, dass der Absturz durch einen Vogelschlag oder einen epileptischen Anfall des Piloten wegen Blendung durch die Rotorblätter ausgelöst wurde. Doch nicht nur fünf offizielle Unfallermittler des Verkehrsministeriums und ein gerichtlicher Sachverständiger, dessen Gutachten unter Verschluss ist, kommen zu dem Schluss, dass der Pilot einen tödlichen Flugfehler begangen habe. Auch im bisher geheimen internen Untersuchungsbericht des Innenministeriums und den Polizeiprotokollen, die dem KURIER zugespielt wurden, finden sich dazu Hinweise.
So hält das Polizeiprotokoll fest, dass der Pilot äußerlich nur geringfügig verletzt wurde. Nicht nur das spricht gegen einen Vogelschlag vor dem Absturz. Acht Mal sind solche Zusammenstöße bekannt, nie drang der Vogel bis zur Pilotenkabine durch und immer konnte der Hubschrauber sicher landen. Eurocopter hat das Cockpit extra so konstruiert.
Die zweite vom Chef der Flugpolizei genannte Ursache ist eine Blendung, die zu einem epileptischen Anfall des Piloten geführt haben könnte. Ein Gutachter sowie die Ermittler des Verkehrsministeriums kamen zum Schluss, dass dies ausgeschlossen sei – so ein Effekt sei bei dem Eurocopter unmöglich. Selbst der Innenministeriumsbericht hält fest: "Eine relevante Bewusstseinsbeeinträchtigung in der Phase vor dem Aufschlag kann praktisch ausgeschlossen werden."

Der Fall ist auch politisch interessant. "Mit einer Novelle 2012 wurden Unfälle von Polizeihubschraubern vom Unfalluntersuchungsgesetz ausgenommen", kritisiert Neos-Aufdecker Rainer Hable. "Somit sind solche Unfälle in einem rechtsfreien Raum. Es gibt keine transparente Untersuchung und keinen Bericht. Zur Verschleierung redet man sich auf eine EU-Verordnung aus. Der typische Fingerzeig nach Brüssel, um von sich selbst abzulenken."

Von der ersten Stunde an häuften sich die Merkwürdigkeiten: So wurde der Pilot laut Polizeiprotokoll um 1.35 Uhr aus dem Wasser geborgen und seine Leiche bis mindestens drei Uhr Früh beim Achensee "gelagert".

Bereits um 18 Uhr hieß es, dass die Obduktion "keine Auffälligkeiten" zeigte. Während man hier rasch arbeitete, wurde der fünfte Insasse, der vor dem Absturz ausstieg und deshalb überlebte, am 7. Juni erstmals befragt – zwei Monate nach dem Unfall.

Demnächst bekommt die Flugpolizei jedenfalls vier neue Hubschrauber.