© Bergrettung Sölden

Chronik Österreich
11/09/2019

Tirol: Zwei Tote bei Lawinenabgang noch vor Saisonbeginn

In Sölden im Ötztal kamen am Samstag zwei Holländer unter eine Lawine. Die Wintersportler waren abseits der Gletscherskipiste unterwegs.

von Wolfgang Atzenhofer, Katharina Zach, Christian Willim

Wohl einer der ersten Lawinenabgänge der anstehenden Wintersaison in den Tiroler Alpen endete Samstagmittag gleich in einem Drama. Im Skigebiet Sölden wurden im freien Gelände zwei Skifahrer von einem Schneebrett in eine steile Rinne mitgerissen und von den Schneemassen verschüttet. Trotz des raschen Einsatzes der Bergrettung konnten die  beiden Männer nur noch tot gebrogen werden.

Abseits der Skipiste unterwegs

Das Unglück passierte abseits der Gletscherskipiste am Rettenbachferner. Ausgerüstet mit Airbags und Lawinenpieps waren drei Freerider aus Holland unterwegs. Nach dem Einfahren soll die Gruppe in dem Steilhang die Lawine selbst ausgelöst haben, berichteten die Bergbahnen Sölden.  Zwei  Sportler, 33 und 39  Jahre alt,  wurden mitgerissen. Ein 54-Jähriger konnte aus der Lawine ausfahren.

„Die zwei sind mit der Lawine in der steilen Rinne rund 300 Meter ins Tal mitgerissen worden und wurden verschüttet“, schildert der Einsatzleiter der Bergrettung Sölden, Josef Fiegl.

Mächtige Schneemassen

In der Nacht auf Samstag hat es in dem Gebiet 60 Zentimeter Neuschnee gegeben. Dementsprechend mächtig war die Schneemasse, die mit den Sportlern zu Tal donnerte. Die beiden wurden zweieinhalb bis dreieinhalb Meter tief verschüttet.

Aufgrund der guten Ausrüstung hätten die ersten Retter die Verunglückten schon nach wenigen Minuten geortet. „Aber das Problem war, dass sie so tief verschüttet waren. In solchen Fällen ist die Überlebenschance meistens sehr gering.“

Insgesamt haben am Samstag rund 60 Helfer von der Bergrettung, den  Gletscher Bergbahnen und  der Alpinpolizei um das Leben der zwei Verschütteten gekämpft.      Zwei Rettungshubschrauber – der Christophorus 5 aus Zams und Alpin 2 – sowie der Polizeihubschrauber waren mit ihren Teams ebenfalls rasch  an Ort und Stelle.

Die Lawinengefahr bleibt auch in den nächsten Tagen hoch, denn viel Neuschnee und Wind sorgen für eine instabile Schneedecke. Aufgrund  zahlreicher Italientiefs soll das auch so bleiben. Zwar gibt es laut dem Ubimet-Meteorologen Nikolas Zimmermann am heutigen Sonntag eine Wetterbesserung, doch am Dienstag dürfte es wieder schneien.

Besondere Vorsicht ist ausgerechnet am heutigen Sonntag, wenn sich das Wetter bessert, geboten. Der Sonnenschein  dürfte viele Sportler anlocken, die Lawinengefahr abseits der Pisten bleibe aber bestehen. „Sie ist so hoch wie mitten im Winter“, sagt Zimmermann.

Dass es um diese frühe Jahreszeit bereits zu solch tiefwinterlichen und gefährlichen Lawinensituationen kommt, sei heimtückisch, aber nicht außergewöhnlich, meint Fiegl.  „Die Gefahr, dass man Situationen so lange vor Winterbeginn unterschätzt, ist natürlich riesengroß. Man ist zwar bestens ausgerüstet, wird aber dann von den natürlichen Gegebenheit überrascht“, sagt er.

Rudi Mair, der Chef des Tiroler Lawinenwarndienstes kann dies nur bestätigen: „Derartige Wetterverhältnisse sind für diese Jahreszeit absolut nicht ungewöhnlich. Das ist sogar Standard. In den Herbstmonaten September, Oktober und November ist eine tiefwinterliche Situation in dieser hochalpinen Lage eigentlich normal“.

Wegen der aktuellen Schneefälle und der verschärften Lawinengefahr im Hochgebirge hat der Tiroler Lawinenschutz deshalb bereits am vergangenen Mittwoch und am Freitag auf seinen Internetseiten gewarnt.

Der Lawinenwarndienst selbst hat in Tirol seinen Dienst noch nicht aufgenommen. „Außer auf den Gletschern haben die niedrigeren Skigebiete ihren Betrieb noch gar nicht aufgenommen.  In der Regel starten wir je nach Witterung Ende November bis Mitte Dezember mit dem täglichen Dienst. Aber wir sind auch jetzt jederzeit startbereit“, erklärt Mair.

Dass es schon so früh in der Saison gleich beim ersten Lawinenereignis  zu zwei Todesopfern gekommen ist, sei  besonders tragisch, sagt der Experte Mair. Im vergangenen Jahr hat es das erste Todesopfer durch eine Lawine am 13. Dezember in Tux im Zillertal, ebenfalls  in Tirol,  gegeben. Damals haben die Lawinenwarndienste vor hoher Gefahr abseits der Pisten gewarnt. Es herrschte Lawinenwarnstufe 3, als der Tscheche bei schlechter Sicht den Pistenrand übersah, im Tiefschnee stürzte und die Lawine auslöste.

Das aktuelle Ereignis zeige, so Mair, dass die Lawinengefahr nie  unterschätzt werden dürfe.  „Schon ein Schubkarren voller Schnee kann für einen Menschen   bei bestimmten Umständen das Todesurteil sein“.  

Der Winter hatte noch nicht lange in den Bergen Einzug gehalten, als die Bergrettung zu den ersten Lawinentoten der heurigen Saison ausrücken musste.
Dabei hatten die Einsatzkräfte erst im Frühjahr über den Rückgang bei Alpinunfällen gejubelt. 93 Personen waren zwischen November 2018 und 24. März 2019 in den Bergen gestorben. In der Saison 2017/18 waren es immerhin noch 102 gewesen.

Insgesamt 19 der 93 Verunglückten starben vergangenen Winter bei Lawinenabgängen.  Das sind zwar drei Tote weniger als im Zehnjahresmittel, aber dennoch um vier mehr als im Jahr 2017/18.
Gefährlicher TiefschneeDabei sind es oft die Sportler selbst, die sich leichtfertig in Gefahr bringen. Trotz gebetsmühlenartiger Warnungen, nicht unvorbereitet in das freie Gelände einzufahren, unterschätzen viele Skifahrer das Risiko.

Das belegen auch die Zahlen der Bergrettung: Neun der Lawinentoten der vergangenen Saison waren Variantenfahrer –  also Sportler, die von der Pisten in Tiefschneehänge einfahren. Nur fünf waren Skitourengeher, drei Wanderer bzw. Bergsteiger. Die Mehrheit der Opfer, nämlich acht, stammten aus Österreich, sieben kamen aus Deutschland, drei aus der Tschechischen Republik und eines aus Australien. Die meisten tödlichen Unfälle gab es in den Bundesländern Tirol (5) und Vorarlberg (6).

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