Spektakuläre Flugvorführung der Airbus H145-Hubschrauber in der alten Version mit vier und der neuen Ausführung mit fünf Rotorblättern 

© Patrick Heinz/Airbus

Chronik Österreich
07/29/2020

Ministerin Tanner ließ Airbus abblitzen

Der Konzern stellte neuen Hubschrauber in Wiener Neustadt vor. Vom Ministerium kam allerdings niemand zum Termin

von Patrick Wammerl, Armin Arbeiter

Es war ein Termin voll politischer Brisanz. Das Bundesheer muss seine veraltete Hubschrauberflotte dringend ersetzen. Und einer der aussichtsreichen Kandidaten für die Lieferung von kolportierten 18 Helikoptern präsentierte am Dienstag in Wiener Neustadt sein neuestes Modell. Wer allerdings der Einladung von Airbus nicht Folge leistete, waren ausgerechnet Vertreter des Verteidigungsministeriums. Auch Ministerin Klaudia Tanner (ÖVP) blieb der Vorstellung des neuen H145 mit Fünfblattrotor fern.

Airbus wollte das Eis brechen

Dabei hätte man die Ministerin gerne auf diesem Wege kennengelernt, sagte der Programm-Direktor von Airbus Helicopters, Mark Henning. Insgeheim habe man gehofft, das Eis brechen zu können. Denn seit Anfang des Jahres herrscht zwischen Tanner und dem Luftfahrtkonzern dicke Luft. Die Ministerin lässt, wie berichtet, wegen des Verdachts auf Schmiergeldzahlungen beim Eurofighter-Deal eine zivilrechtliche Klage gegen Airbus prüfen.

Seit Jahren läuft der Poker um die Alouette-III-Nachfolger, in wenigen Wochen soll eine Entscheidung fallen. Wichtige Kriterien sind unter anderem, dass das Modell zweimotorig sein soll. Außerdem, dass der Kauf über ein Government to Government-Geschäft abgeschlossen wird, um etwaigen Betrugsvorwürfen vorzubeugen. Grundsätzlich sollen 18 Helikopter angeschafft werden.
Die aussichtsreichsten Kandidaten sind:

Bell 429
Dieser Helikopter hat Platz für sieben Personen, eine Höchstgeschwindigkeit von 155 Knoten (287 km/h) und kann dank seiner Kufen auch in hochalpinem Gelände Bergungsoperationen durchführen. Bei den Lebenszykluskosten liegt der Bell 429 laut einer Studie von Conklin & de Decker weit vor seinen Konkurrenten. Zumindest unter der Annahme, dass 18 Modelle 20 Jahre lang jährlich 400 Flugstunden absolvieren.

Leonardo AW169M
Dieses Modell des italienischen Rüstungskonzerns kann zehn Personen aufnehmen, fliegt bis zu 145 Knoten (268 km/h) schnell. Die große Aufnahmekapazität geht allerdings zulasten der jährlichen Betriebskosten. Nach Rechnung von Conklin & de Decker kostet der AW169M nach 20 Jahren und jährlich 400 Flugstunden um 137 Millionen Euro mehr als die 18 Bell-Modelle – und immerhin 50 Millionen mehr als jene von Airbus. Dennoch scheint der Generalstab das italienische Modell zu forcieren.

Airbus H145M
134 Knoten (248 km/h) schnell und neun Personen fassend, erfüllt auch der am Dienstag vorgestellte Airbus-Helikopter die Vorgaben des Verteidigungsministeriums. Das Unternehmen dürfte aber schon allein aufgrund des Namens nicht zur ersten Wahl gehören.

Sollte es Mitte August zu einer Entscheidung kommen, käme diese noch rechtzeitig, um die Alouette-III zu ersetzen.

Ein Gesprächsgipfel zwischen den Streitparteien im vergangenen Februar war gescheitert. Seither herrscht Eiszeit. Ganz zum Unverständnis von Henning und seinen Kollegen. „Die Hubschrauber-Sparte unseres Konzerns hat rein gar nichts mit den Eurofightern zu tun. Das sind zwei Paar Schuhe“, erklärten die Airbus-Vertreter am Dienstag. Für sie sei es natürlich eine mehr als unbefriedigende Situation, schließlich passe man mit dem Mehrzweckhubschrauber H145 „genau ins Profil, was in Österreich benötigt wird“.

Produkte sind ohnedies bekannt

Laut Heeressprecher Michael Bauer sei es klar, dass man während eines laufendes Beschaffungsprozesses an keiner Firmenpräsentation teilnehme. „Eine Übersicht der Produkte, die am Markt erhältlich sind, ist bei unseren Fachleuten ohnehin bekannt“, so Bauer.

Die Präsentation hatte Airbus anscheinend ganz bewusst mit kurzer Vorlaufzeit geplant. Dafür hatte man aber ein Ass im Ärmel. Erstmals wurde die Weiterentwicklung des H145, nämlich eine Version mit einem fünfblättrigen Hauptrotor vorgestellt. Kostenpunkt: fast neun Millionen Euro.

Durch die fünf Rotorblätter ist die Maschine laut den Entwicklern noch leistungsfähiger, vibrationsarm, nicht so wartungsintensiv und leiser als die Konkurrenz. Zu den ersten Kunden zählen beispielsweise die deutschen Spezialkräfte, die Bundeswehr, aber auch der ADAC. Deshalb haben auch Vertreter des Innenministeriums sowie der Chef der ÖAMTC-Flugrettung, Reinhard Kraxner, die Präsentation mit Argusaugen verfolgt und sich bei einem Rundflug selbst ein Bild von den Vorzügen gemacht. Der ÖAMTC fliegt seit 20 Jahren mit dem kleinen Bruder der H145, dem Eurocopter 135.

Ein Punkt, der klar für Airbus spreche, sei die rasche Wandelbarkeit der Maschine für den zivilen oder militärischen Bereich. „In weniger als 20 Minuten lässt sich ein voll ausgestatteter Rettungshubschrauber in eine Special-Force-Maschine umrüsten“, sagt Verkaufschef Dennis Bernitz. Dies ermögliche eine breite Einsatzvielfalt, beispielsweise für Bergungen im hochalpinen Gelände, den Katastrophenschutz, als Kampfhubschrauber mit Waffensystemen oder zum Transport schwerer Außenlasten.

Dem Vernehmen nach dürfte das Match um den Zuschlag allerdings eher zwischen den Helikoptermodellen von dem US-amerikanischen Unternehmen Bell und dem italienischen Konzern Leonardo entschieden werden.

Unterschiedliche Signale aus dem Ministerium

Hinter vorgehaltener Hand kommen aus dem Ministerium unterschiedliche Signale: Der Bell 429 könne beispielsweise auch nachts Löscheinsätze mit einem Fassungsvermögen von 1.400 Litern fliegen und würde auf längere Zeit gesehen deutlich weniger kosten.

Der AW169M von Leonardo soll allerdings beim Generalstab vorne liegen.

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