© Nikolaus Tuschar

Reportage
05/08/2020

Maturajahr 2020: Ein völlig neuer Schulalltag

Wie Schüler und Lehrer den Unterricht jetzt bestreiten. Und warum Maturanten von (k)einem verlorenen Jahr sprechen.

von Nikolaus Tuschar, Elisabeth Holzer

Acht Rollen orangefarbenes Paketband hat Eva Ponsold bereits besorgt. „Das kleben wir auf als Leitsystem auf den Boden“, beschreibt die Direktorin des Wirtschaftskundlichen Gymnasiums (WIKU) in Graz. So wird das Einbahnsystem in den Gängen gekennzeichnet.

Derzeit hat Ponsold nur ihre 92 Maturanten im Haus. „Die Herausforderung fängt eigentlich erst an, wenn die Unterstufe wieder Unterricht hat und parallel auch die Maturaklassen noch da sind“, überlegt die Direktorin. Am 18. Mai ist es soweit, Ponsold und ihr Team bereiten bereits jetzt die 20 Klassenräume vor: Die Tische werden auseinandergerückt, die Schüleranzahl halbiert und in Teams eingeteilt.

Die Kinder müssen die einmal zugewiesenen Sitzplätze behalten: Auf den Tischen kleben bereits Pickerl mit den Namen der jeweiligen zwei Schüler, die sich dort abwechseln werden. Die Lehrer benützen in den Klassen Mundschutz, die Kinder brauchen ihn in der Klasse nicht, wohl aber am Gang oder WC.

Doch die Tücke liegt im Detail. „Ein Schüler hat mich gefragt, wie machen wir das dann mit den Masken?“, schildert Eva Gerstmann, sie unterrichtet Englisch und Chemie. „Auf den Tisch legen ginge ja nicht, weil dann Viren übertragen würden könnten. Ich hab’ ihm gesagt, er soll sie dann an den Haken für die Schultasche hängen.“

Apropos Virus: Müssen sich Lehrer jedes Mal die Hände desinfizieren, wenn sie Zettel austeilen? Oder die Schüler beim Hefte abgeben? Und wie nahe darf man Kindern beim Einsammeln von Arbeitsblättern kommen? Durch die Reihen gehen wird es in den 18 beziehungsweise 19 Schultagen, die jede Gruppe der Unterstufe bis Ferienbeginn hat, nicht mehr geben.

„Da können wir den Abstand nicht halten“, betont Ponsold. „Wir werden einen Frontalunterricht machen müssen, den wir lange nicht mehr gehabt haben.“ Vor allem die Kleinsten täten ihr leid: „Wir haben versucht, Freundschaften in der Klasseneinteilung nicht zu trennen.“

Die Maturanten Carla, Maximilian und Moritz stehen dagegen knapp vor der endgültigen Trennung von ihrer Schule. „Es war ein gutes Gefühl, wieder rauszugehen, zurück in die Schule“, beschreibt Carla. Den Abstand zu den Freunden zu halten sei natürlich „ungewohnt“, überlegt Moritz. „Aber es ist notwendig.“ Maximilian ist recht froh über den „geregelten Tagesablauf, den hab’ ich schon etwas vermisst. Das macht es leichter, der Versuchung zu widerstehen, bis 13 Uhr zu schlafen.“

Feinschliff

Auch am Bundesoberstufenrealgymnasium (BORG) in Klagenfurt hieß es für Maturanten wieder ab in die Schule. „Alle Schüler sind anwesend,“ teilt BORG-Direktor Michael Seher mit. Für ihn ein Zeichen, dass die Schüler mit Vorfreude zurückkehren. Lob hat der Direktor auch für sein Kollegium. Diese hätten sich „blendend“ auf die Situation eingestellt.

Seit Anfang der Woche bekommen BORG-Maturanten den Feinschliff in den Fächern, in denen sie die Matura ablegen. Online habe man sich ebenfalls zurechtgefunden, die Vorbereitung verlief wie geplant.

Für Bildungsdirektor Robert Klinglmaier ist es wichtig, dass der Ergänzungsunterricht für Maturanten stattfindet. „Mir ist bewusst, dass die Schulöffnung einen riesigen Koordinationsaufwand für Lehrer und Direktoren darstellt.“ Auch die Öffnung ab 18. Mai ist für Klinglmaier sinnvoll: „ Vor allem im Hinblick darauf, dass Schüler untereinander wieder soziale Kontakte haben.“

(K)ein verlorenes Jahr

Diese haben auch den Maturanten des Sportzweiges gefehlt: „Ich habe mich wirklich auf den Unterricht gefreut,“ erzählt die Volleyballspielerin Lena Stockhammer. Es sei schade, dass die Krise ihnen das letzte Jahr zusammen derartig verkürzt hätte: „Viele von uns werden sich nach der Matura lang nicht mehr sehen,“ sinniert Stockhammer. Für sie und eine Klassenkollegin geht es gar in die USA.

Was die Wertigkeit der Matura angeht, macht man sich keine Sorgen. „Wir finden es ehrlich gesagt Schade, dass manche meinen, unsere Matura sei nur eine Lightversion,“ heißt es von der Klassensprecherin. Auch der 19-jährige Ruderer Jakob Leitner ist dieser Meinung: „Wir haben uns zwar auf die Hauptfächer konzentriert, waren aber bereits vor der Krise gut vorbereitet.“

Das Aufstehen sei übrigens für niemanden in der Klasse ein Problem gewesen. Dank der Sportlerdisziplin war Frühaufstehen Usus. Zudem hatten sie auch während der Krise „Online“-Trainings.

Am Unterrichtsplan stand übrigens Deutsch, Beistrichregeln. Das Credo der Klasse: „Bauchgefühl.“ Und so mancher von ihnen hat auch das Bauchgefühl, es geht wieder in Richtung Normalität.

BORG Direktor Michael Seher

„Alle Schüler sind anwesend. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass man sich auf die Rückkehr gefreut hat“

WIKU Direktorin Eva Ponsold

„Die Herausforderung fängt eigentlich erst an, wenn die Unterstufe wieder Unterricht hat und parallel auch die Maturaklassen noch da sind“

Lena Stockhammer, Sportklasse (Volleyball)

„Ich habe mich wirklich auf den Unterricht gefreut. Die Krise hat uns allen relativ überraschend ein Jahr in der Klassengemeinschaft gekostet.“

Jakob Leitner, Sportklasse (Ruderer)

„Aufstehen war für mich kein Problem. Als Sportler ist man das gewohnt. Auch für die Matura fühlen sich alle in der Klasse gut gerüstet.“

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