„Das Kaffeehaus erspart uns die Wohnung“, hat Egon Erwin Kisch über das Kaffeehaus gesagt: Im Bild: der Bräunerhof, Thomas Bernhards zweites Wiener Wohnzimmer

© Kurier/Gerhard Deutsch

Chronik Österreich
01/31/2021

Leben ohne Wirt: "Man könnte von Heimatlosigkeit sprechen"

Kultursoziologe Manfred Russo sagt, warum Gasthäuser und Cafés unersetzbare Orte sind

von Barbara Mader

KURIER: „Das Kaffeehaus erspart uns die Wohnung“, hat Egon Erwin Kisch über diese Ur-Wiener Einrichtung gesagt. Jetzt bleibt uns nur die Wohnung. Was macht das mit uns?

Manfred Russo: Das Café ist ein merkwürdiger Zwischen-Ort, man kommt von irgendwo, bleibt eine Weile und geht dann wieder irgendwohin. Man ist allein, aber doch unter den Leuten. Es ist der Ort des Beobachters, der selbst beobachtet wird und der sich dessen auch bewusst ist. Und wenn Kisch und viele Wiener Literaten, allen voran Peter Altenberg, über das Café sprechen, so wissen sie genau, dass sie eigentlich mehr als ein Zuhause meinen, nämlich eine Kombination aus Bühne und Zuhause, die dem Menschen eine Entfaltungsmöglichkeit und Wahrnehmung seiner Persönlichkeit bietet. Wenn wir daheim sind, beobachten wir unsere Umwelt wenig, weil wir sie kennen, und wir werden selbst wenig beobachtet, weil wir bekannt sind. Vielleicht beobachtet uns noch unser Hund am meisten, weil er hinaus möchte und auf entsprechende Anzeichen des Aufbruchs wartet. Im Café werden wir noch auf menschliche Weise wahrgenommen, vielleicht auf eine Art, die wir uns wünschen.

Werden wir einander fremder, wenn wir nur eingeschränkte, absichtliche Treffen zulassen dürfen, aber nicht die flüchtigen Bekanntschaften, die man sonst im Stammlokal trifft?

Wir kommen uns auch im Café nicht so nahe, aber man unterschätzt gerne den Wert, den diese flüchtigen Bekanntschaften haben. Der besteht nämlich nicht in einer starken, auf Intimität angelegten Beziehung, sondern auf einer wechselseitigen spielerischen Darstellung irgendwelcher Facetten des Selbst, man könnte auch von einer Rolle sprechen, in der man performt. Früher war es auch seitens der Ober ja noch üblich, die Leute mit Titeln im Café anzusprechen, auch wenn sie gar keine hatten oder es eher unklar war, ob sie diese wirklich führen durften. Das war immer ein Schauspiel, das niemand zu ernst nahm, eine Art Komödie des Alltags. Früher waren ja auch die Ober Schauspieler, die theatralisch auftraten und wunderbare Stehsätze zur Begrüßung, Bestellung und Verabschiedung zu den jeweiligen Gästen passend parat hatten. Ich habe aber auch Ober kennengelernt, die sich im Verlaufe des Abends durch festen Zuspruch zu promillehaltigen Getränken zu wahren Darstellern der Kaffeehausbühne wandelten.

Im Café oder im Wirtshaus muss ich zwar konsumieren, aber das kleine Bier oder der kleine Braune sind wahrscheinlich nicht der Grund, warum ich dort hingehe. Was suchen wir an diesen Orten?

Ich persönlich suche Tageszeitungen oder Wochenmagazine und einen der bevorzugten Plätze, die mir aktive und passive Beobachtung ermöglichen. Abgesehen von der Beobachtung der Zeitungen, manchmal auch der Beobachtung jener Person, die gerade die Zeitung liest, die ich suche. Natürlich treffe ich auch Bekannte und Freunde bevorzugt im Café, und es wird sich auch manches Liebespaar im Café wohlfühlen. Man könnte auch sagen, man sucht das Imaginäre, einen Ort, der uns vertraut ist und zugleich auch die Möglichkeit des Anderen bietet.

Nicht daheim und doch Zuhause sagt man auch über das Kaffeehaus. Sind wir jetzt gewissermaßen heimatlos?

Man ist allein, aber doch unter den Leuten. Das Café ist insofern eine Heimat, weil das Imaginäre dort besser aufgehoben ist als daheim. Insofern könnte man von Heimatlosigkeit sprechen.

Im Kaffeehaus kann ich den Augenblick spüren, der nur mit gehört. Es ist eine besondere Form der Zeit für mich selbst. Ist dieser Ort ersetzbar?

Dieser Typus eines öffentlichen Ortes kann nicht ersetzt werden. Er kann vielleicht verschwinden, aber ich wüsste nicht, welcher Ort – funktional gesprochen – diese Leistungen ersetzen kann.

 

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