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Bluttat
02/22/2020

Die letzten Nachrichten von Birgit H.

Am kommenden Dienstag muss Martin W. von seiner Freundin endgültig Abschied nehmen

von Michaela Reibenwein

Es war keine einfache Beziehung. Auch keine klassische. Aber wenn Martin W. schildert, wie er seine Birgit kennengelernt hat, wählt er Worte wie diese: „Als wäre sie mir erschienen.“ Am kommenden Dienstag muss Martin W. einen besonders schweren Weg antreten. Dann wird der Leichnam von Birgit H. eingeäschert. „Auch mein Leben ist vorbei“, sagt er.

Die 28-jährige Birgit H. wurde im Jänner in ihrer Wohnung in der Arnoldgasse in Wien-Floridsdorf ermordet. Als mutmaßlichen Täter forschten die Mordermittler des Landeskriminalamtes Wien den 37-jährigen Leopold W. aus. Auch ihn verband eine Liebschaft mit Birgit H.

„Er weiß gar nicht, was er mir da genommen hat“, sagt Martin W. Er sitzt in jenem Kaffeehaus, in dem er so oft mit Birgit H. gesessen ist. Er wischt mit seinem Finger über die Hunderten Fotos auf seinem Handy, die er von oder mit Birgit hat. „Das ist mein ganzes Leben mit ihr.“ Er zeigt Videos vom gemeinsamen Urlaub, Birgit tanzt ausgelassen. „So war sie halt“, sagt er.

„Traust dich nie“

Vor sechs Jahren lernten sich Martin W. und Birgit H. in einer Single-Gruppe auf Facebook kennen. „Wer will mich treffen?“, schrieb Birgit. „Traust dich nie“, antwortete Martin W. Am nächsten Tag hatten sie ihr erstes Date.

Ab diesem Zeitpunkt waren die beiden ein Paar. Er liebte ihre offene, ehrliche Art, ihre Tierliebe. „Ihre Tiere waren ihr ein und alles. Sie hatte nie viel Geld. Aber ihre Katzen und Kaninchen hat sie immer versorgt“, sagt Martin W.

Doch neben den Höhen gab es auch sehr viele Tiefen. Denn Birgit H. traf auch andere Männer. Martin W. wusste immer Bescheid, betont er. „Natürlich hat mich das gestört. Aber ich habe sie geliebt, deshalb habe ich das geschluckt.“

Im Jahr 2016, so erinnert sich Martin W., sei Leopold W. ins Spiel gekommen. Einmal habe ihn Leopold W. gefragt: „Wie viel soll ich dir zahlen, damit du sie gehen lässt?“ Martin W. blieb bei ihr. Er ließ sich ein Tattoo am Unterarm mit ihrem Namen stechen. Ein weiteres hat er rechts am Hals: B & M. „Birgit hatte das gleiche. Nur bei ihr stand M & B“, erzählt Martin W.

Am 22. Jänner sah er Birgit zum letzten Mal. Er holte sie abends mit dem Auto ab, sie fuhren in der Gegend herum. „Das haben wir öfters gemacht.“ Gegen 21.30 Uhr setzte er sie wieder bei ihrer Wohnung ab. Später schrieb er ihr noch eine Nachricht. „Ja alles ok“, antwortete Birgit.

An diesem Abend dürfte sie sich aber noch mit Leopold W. getroffen haben. Ein Zeuge erinnert sich, die beiden in einer Shisha-Bar in der Nähe gesehen zu haben. Zumindest bis 0.40 Uhr waren sie in dem Lokal. Mindestens zwei Stunden war Leopold W. dann noch in der Nähe – sein Handy war hier eingeloggt.

Sie hob nicht mehr ab

Wenig später bekam Martin W. eine Nachricht von Birgits Handy. Sie habe den Code für ihre Bankomatkarte vergessen. Ob er ihn wisse?

„Das war komisch. Sie hatte ein fotografisches Gedächtnis. Zahlen hat sie sich immer gut gemerkt“, erzählt Martin W. Fest steht: Die Bankomatkarte wurde später benutzt.

Die Nachrichten, die im Anschluss eintrudelten, irritierten ihn noch mehr. Sie waren verletzend, aggressiv. „So war sie mir gegenüber nie“, sagt Martin W. Doch ob sie überhaupt von Birgit H. stammten, ist unklar. Die junge Frau könnte zu diesem Zeitpunkt bereits tot gewesen sein. Telefonisch war sie nicht mehr erreichbar.

Als Birgit H.’s Eltern Tage später misstrauisch wurden und in die Wohnung fuhren, fanden sie die Leiche ihrer Tochter. Die 28-Jährige war erdrosselt worden.

Leopold W., er wird von Rechtsanwältin Astrid Wagner vertreten, bestreitet die Tat. Allerdings: Bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung seiner Mutter – dort hatte er zuletzt gewohnt – fanden Ermittler das Handy von Birgit H. Es war zwischen zwei Pullovern versteckt.

Risiko Liebe und Familie: Im Vorjahr wurden laut den autonomen österreichischen Frauenhäusern 34 Frauen getötet. Im Jahr davor waren es sogar 41. Häufig ist der Täter der (Ex-)Partner oder
ein Familienmitglied.

Risiko Jobverlust und Trennung: Bei Tötungen mit Beziehungshintergrund waren Arbeitslosigkeit und Trennungen ein besonderes Risiko. In 44 Prozent der Fälle war bereits ein Betretungsverbot verhängt worden. Insgesamt wurden im Jahr 2018 8.076 Betretungsverbote von der Polizei verhängt. Jede fünfte Frau  ist ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt

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