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Chronik Österreich
01/14/2021

Riesiger Cyber Trading Betrug: Anleger um 100 Millionen Euro geschädigt

Einige hundert Vernehmungen und 50 Kontoöffnungen im In- und Ausland wurden durchgeführt. Tausende Österreicher abgezockt.

von Kid Möchel, Dominik Schreiber

Die Zentrale Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption (WKSTA) führt im Zusammenhang mit sogenanntem "Cyber-Trading-Fraud" bzw Betrug durch angebliche Geldanlagen in binären Optionen, Kryptowährungen und ähnlichen Finanzprodukten zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen internationale Tätergruppierungen, die eine Vielzahl von Privatanlegern insgesamt in Millionenhöhe geschädigt haben.

Die WKStA übernahm laut eigenen Angaben "ein zunächst seit 2017 von der Staatsanwaltschaft Feldkirch geführtes Ermittlungsverfahren gegen eine international agierende Tätergruppe mit konzernartiger Struktur, die über Online-Trading-Plattformen für binäre Optionen und Kryptowährungen europaweit mehrere tausend Personen um mehr als 100 Millionen Euro geschädigt haben".

Die WKStA hat zur raschen und effizienten Führung des komplexen Großverfahrens ein Ermittlungsteam aus zwei Oberstaatsanwälten und einem Teamleiter gegründet. Die umfangreichen Ermittlungen umfassen den Verdacht des schweren Betrugs und der Geldwäscherei und betreffen insgesamt 18 Personen.

In fünf Ländern rund 50 Kontoöffnungen durchgeführt

Die WKStA hat in enger Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt (LKA) Niederösterreich und dem Bundeskriminalamt (BKA) und nach Bildung eines Joint Investigation Teams (JIT) mit der bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg errichteten Zentralstelle Cybercrime Bayern und der Staatsanwaltschaft Saarbrücken sowie mit Unterstützung der Sonderstaatsanwaltschaften in Bulgarien und Serbien und der Unterstützung von Eurojust und Europol insgesamt etwa 20 Hausdurchsuchungen und Sicherstellungen bei mehreren europaweiten Aktionen in fünf Ländern rund 50 Kontoöffnungen durchgeführt. Dazu kamen einige hundert Vernehmungen durchgeführt.

 Zwei Millionen Euro sichergestellt

"Dadurch konnten mehrere Terabyte an Daten, zudem Geschäftsdokumente in Papierform, die teils noch ausgewertet werden sowie rund zwei Millionen Euro sichergestellt werden". heißt es weiter.

"Einer der mutmaßlichen Haupttäter, ein israelischer Staatsangehöriger, befand sich seit Anfang Dezember 2019 in Untersuchungshaft, nachdem er von den bulgarischen Strafverfolgungsbehörden nach Vollstreckung eines von der österreichischen Justiz erlassenen Europäischen Haftbefehls übergeben worden war", teilt die WKStA mit.

Haupttäter ist israelischer Staatsangehöriger

Einer der mutmaßlichen Haupttäter Gal B., ein israelischer Staatsangehöriger, befand sich seit Anfang Dezember 2019 in Untersuchungshaft, nachdem er von den bulgarischen Strafverfolgungsbehörden nach Vollstreckung eines von der österreichischen Justiz erlassenen Europäischen Haftbefehls übergeben worden war.

Gegen Gal B. laufen noch weitere Ermittlungen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und England. Der Schaden dürfte sich weltweit, mit dem Schwerpunkt im europäischen Raum, auf mehr als 100 Millionen Euro belaufen.

Dutzende Briefkastenfirmen

Bereits im Mai 2020 konnte von der WKStA eine erste Anklageschrift gegen den Täter Gal B. eingebracht werden, wobei diesem vorgeworfen wurde, insgesamt mehr als tausend österreichische Opfer geschädigt zu haben. Der Gesamtschaden beträgt zirka 2,5 Millionen Euro. Das Landesgericht für Strafsachen Wien hat B. mit Urteil vom 1. September 2020 wegen Betruges und Geldwäscherei zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren Haft verurteilt.

Angeklagte ist eine bulgarische Staatsangehörige

Im Juni 2020 wurde von der WKStA beim Landesgericht für Strafsachen Wien eine weitere Anklage gegen die „Finanzverantwortliche“ der Tätergruppe bei im Wesentlichen identischer Faktenlage eingebracht.

Die Angeklagte, eine bulgarische Staatsangehörige, war laut WKStA "maßgeblich verantwortlich für die Organisation des weitverzweigten Geldwäschenetzwerks mit Dutzenden Briefkastenfirmen in bekannten Offshore-Destinationen wie den Britischen Jungferninseln, den Seychellen, Samoa".

Weiterer Haupttäter ist ein Deutscher

Ein weiterer mutmaßlicher Haupttäter, ein deutscher Staatsangehöriger, wurde nach in Österreich erfolgter Festnahme im Jänner 2019 im Oktober 2019 an die deutschen Behörden zur Strafverfolgung übergeben. Derzeit wird in Österreich noch gegen rund 14 Beschuldigte ermittelt. Nach derzeitigem Ermittlungsstand bewegt sich die Anzahl der Geschädigten im vierstelligen Bereich.

Die genauen Schadensbeträge sind noch Gegenstand der Ermittlungen, jedoch ist derzeit von einer die österreichischen Strafverfolgungsbehörden betreffende Schadenssumme von bis zu zirka neun Millionen Euro auszugehen. Daran knüpfen auch die Geldwäscheermittlungen an.

Wechselnde Betreiberfirmen

Hintergrund der Ermittlungen sind im Wesentlichen sogenannte Trading- bzw. Cybertrading-Plattformen über die hohe Vermögensschäden bei Privatanlegern verursacht werden.

"Die internationale Tätergruppierung errichtet eine aufwendige, konzernartige Struktur mit Markengenerierung, Softwareentwicklung, Public Relations, insbesondere im Zusammenhang mit Werbung und Kontrolle der Berichterstattung, Affiliatebetreuung und Call Center", heißt es in einer Aussendung.

"Die Vorgehensweise der Täter folgt dabei regelmäßig einem ähnlichen Muster: Mittels regelmäßig wechselnden Betreiberfirmen werden unter verschiedenen Domain- bzw. Brandnamen (xTraderFX, OptionStars/OptionStarsGlobal, GoldenMarkets, SafeMarkets, option888, zoomtrader, xmarkets, tradeinvest90) nicht lizenzierte Online-Trading-PIattformen für den – bloß vorgespiegelten – Handel mit binären Optionen, Differenzgeschäften und vergleichbaren hochspekulativen Finanzinstrumenten betrieben."

Die Betrugsmasche

Dabei werden europaweit Anleger per Werbebanner oder Massenmails auf die Plattform durch die Inaussichtstellung überdurchschnittlich hoher Gewinne zur Registrierung und Zahlung eines Betrags von 250 Euro animiert.

Die Anleger werden sodann laut Ermittler "unmittelbar durch eine sich als Broker ausgebende speziell geschulte „Trading Spezialisten“ (sogenannte Agent oder Broker) über Telefon, Messenger-Dienste oder E-Mail kontaktiert und durch die Ankündigung höherer Gewinne zur Überweisung weiterer Beträge auf diverse Konten oder zur Freigabe der Abbuchung zusätzlicher Beträge von ihren Kreditkartenkonten verleitet".

Täter betreiben Callcenter

Und weiter heißt es: "Die Tätergruppierungen betreiben dafür im Ausland Call-Center, in denen jeweils dutzende Personen mit den notwendigen Fremdsprachenkenntnissen unter Alias-Namen agieren.In der Folge führen die Anleger unter Anleitung der vermeintlichen Broker weitere Geschäftsabschlüsse ("Trades") durch und werden durch die ihnen auf der Webseite suggerierten positiven Ausgänge dieser Geschäftsabschlüsse und die vorangegangenen Gewinnversprechungen der Broker zur Zahlung weiterer Beträge verleitet oder teils durch die Broker gedrängt.

"Der Versuch, die Auszahlung des so vermeintlich erhandelten Kapitals zu erwirken, führt – ebenso wie die Verweigerung weiterer Einzahlungen – letztlich in allen Fällen zum Kontaktabbruch und zum Unterbleiben der Auszahlung", heißt es in der Aussendung.

 

70 Gesellschaften und Schein-Geschäftsführer

"Nach Überweisung des Geldes durch die Kunden simulieren die zuständigen „Broker“ gegenüber ihren Kunden den Handel mit Finanzinstrumenten. Während die Kunden davon ausgehen, nunmehr mit den angepriesenen Finanzinstrumenten zu handeln, kommt es dem Plan der Täter entsprechend zu keinem tatsächlichen Handel am Markt", so die WKStA.
 

Tatsächlich können die präsentierten Charts mittels einer hierzu speziell entwickelten Software von den Tätern laut Staatsanwaltschaft "beliebig manipuliert werden. Eine Investition bzw. eine Platzierung von Optionen sowie ein Vorhalten von Anlegergeldern zur Rückzahlung bzw. Gewinnausschüttung findet nicht statt."

Angebliche Trades führen zu Totalverlust

Und weiter heißt es:"In einer Vielzahl von Fällen kommt es nach einzelnen missglückten (angeblichen) Trades zu einem Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Die betrügerisch herausgelockten Gelder werden im weiteren Verlauf in einem komplexen, europaweit installierten Geldwäschenetzwerk mit einer Vielzahl von Beteiligten verteilt."

Die Zahlungsflüsse und tatsächlichen Beteiligungen/Eigentumsverhältnisse werden am Ende "über ein weltweit agierendes Netzwerk von aktuell namentlich bekannten rund 70 Gesellschaften und Scheingeschäftsführern sowie ständig wechselnde Plattformen und Betreibergesellschaften verschleiert".

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