Ein Relikt aus vergangenen Tagen: Wegen Corona könnte das Autokino jetzt ein Comeback feiern. In Groß-Enzersdorf, Korneuburg, Innsbruck, Wien und Linz sind Standorte geplant.

© Getty Images/New York Times Co./Getty Images

Chronik Österreich
04/29/2020

Kultfaktor Autokino: Ein vergessenes Vergnügen kehrt zurück

Comeback im Anrollen: Das Autokino, ein Relikt aus vergangenen Tagen, steht in Österreich wegen des Coronavirus vor einem Revival.

von Petra Stacher, Konstantin Auer, Christian Willim

Fred Feuerstein springt in seinen Wagen, legt die Hände ans steinerne Lenkrad, beginnt mit den Füßen zu trappeln und rast mit dem Auto davon. Schnell holt er noch seine Frau Wilma, die Kinder und Barney ab, um zusammen ins Autokino zu fahren – spätestens seit dem Intro der bekannten Zeichentrickserie ist das Autokino wohl weltweit bekannt.

1933 eröffnete das Erste in den USA (siehe Infobox). Die große weiße Leinwand, vor der Autos in Reih und Glied stehen, erlangte schließlich in den 1950er- und 60er-Jahren Kultstatus und wurde zum beliebten Treffpunkt.

Richard Hollingshead Jr. eröffnete am 6. Juni 1933 das erste Autokino mit dem Namen „Drive-in Theatre“ in New Jersey (USA). Die Insassen von 335 Fahrzeugen sahen den Film „Wife Aware“ auf einer weiß gestrichenen Mauer. Die Beschallung kam über drei Lautsprecher, die kilometerweit zu hören waren und dazu führten, dass das Kino drei Jahre später geschlossen wurde.

Den Höhepunkt seiner Popularität erreichte das Autokino mit der zunehmenden Mobilität in den 1950er- und 60er-Jahren. Etwa 4.000 Autokinos gab es damals in den USA. Lautsprecherboxen, die an den Stellplätzen bereitstanden und die sich die Besucher in die Fenster hängten, lösten das Lärmproblem. Mit der Verbreitung des Fernsehens kamen ab den 1970ern jedoch immer weniger Besucher.

Protzige Autos, in denen Männer mit ihrem Schwarm im Autokino vorfahren, um sich dort näher zu kommen, prägten seither zahlreiche Filmszenen – und auch die Vorstellung der Österreicher. Denn im Gegensatz zu den USA fassten die Autokinos hierzulande nie wirklich Fuß.

Aufgrund der Corona-Krise scheint nun jedoch das Interesse an den Autokinos zu steigen. In Südkorea boomen sie und in Deutschland gab es sogar schon eine erste Auto-Disco. Nun überlegen auch in Österreich einige Städte, eines zu eröffnen, um der Bevölkerung den Kinospaß in einem sicheren Raum – im eigenen Auto – zu ermöglichen.

Große Nachfrage

Vorreiter ist dabei das erste Autokino Österreichs in Groß-Enzersdorf in Niederösterreich. Lange wurde schon an der Wiedereröffnung gearbeitet. Die Nachfrage scheint schon vor Beginn groß zu sein. Eine Crowdfunding-Aktion brachte rund 11.000 Euro an Spenden. Damit wird die 525 m² große Leinwand hergerichtet.

Am 1. Mai, eine Minute nach Mitternacht, soll der erste Film anlaufen. Welcher das sein wird, will Markus Cepuder, einer der Betreiber, noch nicht verraten. Es werde sich aber um einen neueren Film handeln; am 1. Mai am Abend soll dann ein Klassiker gezeigt werden.

Obwohl die Betreiber nach eigenen Angaben startklar sind und schon vor Mai loslegen wollten, fehlt immer noch die offizielle Erlaubnis der Behörden. „Solange ich bis dahin nichts Gegenteiliges höre, werden wir unseren Plan durchziehen“, sagt Cepuder.

Eigentlich sei man davon ausgegangen, dass Freizeiteinrichtungen Anfang Mai aufmachen dürfen. Am Montag verkündete die Regierung, dass dies erst am 29. Mai der Fall sein wird.

Kritik an Behörden

Der Anwalt der Kino-Betreiber, Gottfried Forsthuber, kritisiert das Vorgehen der Regierung deshalb scharf: Für die einzelnen Branchen sollten „ordentliche“ Regeln aufgestellt werden. Schließlich finde das Kino im Freien und im geschlossenen Auto statt. „Wenn das nichts wird, wird das Verständnis für die Maßnahmen beschädigt“. Vom Sozialministerium war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten.

Während sich die Autokinos international reger Beliebtheit erfreuten, haben sie sich
in Österreich nie durchgesetzt. In den 1960er Jahren wurde das einzig regelmäßig bespielte Autokino Österreichs in Groß-Enzersdorf in Niederösterreich gegründet. Nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten und sinkenden Besucherzahlen musste es 2015 Konkurs anmelden.

Zwischenzeitlich fanden auf dem Gelände andere Veranstaltungen wie Flohmärkte statt. Nun soll es – auch wegen der Krise – wieder regelmäßig bespielt werden. Den Betreibern kann das gar nicht schnell genug gehen.

Andere geplante Autokinos werden es da wegen des späteren Starts leichter haben. Etwa jenes, das am 1. Juni im Innsbrucker Olympiagelände eröffnen soll. Hinter dem Eisstadion soll ein Kino mit Platz für rund 230 Autos entstehen.

Oder jenes, das im August in St. Marx in Wien geplant ist. Absperrungen sollen hier den Zutritt für Fußgänger ermöglichen, zudem soll es Food-Trucks geben. Die Genehmigung des Magistrats steht noch aus.

Gespräche gilt es auch in Urfahr, einem Stadtteil von Linz noch zu führen: Vizebürgermeister Markus Hein (FPÖ) möchte am Urfahraner Marktgelände ein Autokino eröffnen. „Es gibt in Österreich keine zweite Stadt mit einer derart attraktiven Autokino-Fläche direkt an der Donau“, sieht er das Potenzial.

Bürgermeister Klaus Luger (SPÖ) und Vize Bernhard Baier (ÖVP) sehen das Vorhaben jedoch skeptisch. Da das Gelände ohnehin neu gestaltet werden soll, gelte es alle Möglichkeiten abzuwägen.

Ebenfalls ins Auto verlegt werden soll heuer das Open-Air-Kino, das sonst im August im Rahmen des „Bunten Sommers“ bei der Korneuburger Werft stattfindet. „Das wäre ein wertvoller Beitrag für den Kulturgenuss“, sagt Stadtrat Andreas Minnich (ÖVP).

"Retro-Trend"

Von den Autokinos nicht überzeugt ist hingegen Hans-Peter Obermayr, Geschäftsführer der Kinokette Star-Movie. „Ich glaube, Autokinos sind derzeit nur ein Strohhalm, um doch irgendwie Outdoor-Veranstaltungen durchführen zu können“, sagt er. Eine Konkurrenz sehe er darin nicht.

Es sei ein kurzfristiger Retro-Trend, der nach Corona wieder vergehe, sei die Qualität in den Indoor-Kinos doch besser. „Man sitzt zwei Stunden fast aufrecht in einem Auto, schaut durch die Windschutzscheibe einen Film, der etwa 100 Meter entfernt läuft und hört den Ton über das Radio. Das macht man nur einmal“, sagt Obermayr.

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