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Chronik Österreich
03/12/2020

Ausbreitung des Coronavirus: Fünf unbequeme Wahrheiten

Hunderte Österreicher sind krank. Die Wahrheit ist: Selbst bei guter Vorbereitung können die Behörden nicht jedes Risiko beseitigen.

von Birgit Seiser, Katharina Zach, Christian Willim, Ernst Mauritz, Christoph Schwarz

Gerade einmal 17 Tage ist es her, da galt Österreich noch als Corona-frei. Seit den ersten beiden Fällen steigt die Zahl der Infizierten aber rasant an: Am Sonntag verzeichneten die Behörden erstmals mehr als 100 Fälle – Donnerstag in der Früh, waren es schon 302. Mehr als 1.000 Österreicher sind in Quarantäne – exakte Zahlen gibt es nicht mehr, die Behörden haben die detaillierten Zählungen eingestellt.

Weltweit haben sich im gleichen Zeitraum die Fallzahlen in 114 Ländern (außerhalb Chinas) verdreizehnfacht. Seit Mittwoch stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO das Coronavirus als Pandemie ein – als Krankheit, die sich „unkontrolliert über Kontinente hinweg ausbreitet“.

Die Maßnahmen in Österreich werden zugleich immer rigoroser. Am Mittwoch kündigte Kanzler Sebastian Kurz über Schulschließungen hinaus sogar noch „weitere einschneidende Maßnahmen“ an – „zu einer sinnvollen Zeit“.

All das soll dazu dienen, die Verbreitung des Virus einzudämmen – und signalisieren, dass die Behörden die Lage im Griff haben. Eine trügerische Sicherheit.

1. Es wird zu Engpässen im Gesundheitssystem kommen

Die AUVA preschte vor: In ihren Spitälern werden wegen des Virus planbare Eingriffe derzeit nur begrenzt durchgeführt. So weit sind andere Krankenhäuser noch nicht. Nehmen die Infektionen weiter stark zu, schließen aber auch sie solche Maßnahmen nicht aus.

Auch auf die niedergelassenen Ärzte steigt der Druck: In Salzburg etwa sollen ab sofort pensionierte Ärzte die Quarantänepatienten betreuen. Wiener Medizinern wird empfohlen, nicht mehr als sechs Personen gleichzeitig ins Wartezimmer zu lassen. Das heißt, dass Patienten - sofern es ihnen möglich ist - nach der Anmeldung ihre Wartezeit anderswo überbrücken sollen.

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Wartezeiten gibt es auch bei der Gesundheitshotline 1450. Der Ausbau läuft. In Wien machen bereits 120 Mitarbeiter Dienst, um täglich 5.000 Anrufe zu bewältigen. Zu Spitzenzeiten saßen schon einmal rund 40 Mitarbeitern an der Hotline. Rückstaus gibt es zudem bei den Labors: Sie kommen mitunter mit den Corona-Tests kaum nach. Für Betroffene bedeutet das, dass sie möglicherweise länger auf das Eregbis des Virustests warten müssen. Man bemühe sich aber, die Menschen innerhalb von drei Tagen zu informieren, heißt es beim medizinischen Krisenstab der Stadt Wien.

Wie steht es um die Intensivbetten? Österreichweit gibt es rund 2.550. Knapper dürfte die Zahl der Beatmungsgeräte für die schweren Fälle sein: Im Gesundheitsministerium weiß man nicht genau, wie viele Geräte im Einsatz sind. Eine Bestandsaufnahme läuft.

2. Heimquarantäne lässt sich nicht flächendeckend überprüfen

Mehr als 1.000 Menschen befinden sich in Heimquarantäne.  Sie müssen zu Hause bleiben, ihren Gesundheitszustand laufend überprüfen und dürfen niemandem die Türe öffnen. Doch ob sie sich  daran halten, kann  eigentlich gar nicht überprüft werden. Schließlich ist es – salopp gesagt – nicht möglich, vor jeder Haustüre einen Polizisten zu platzieren.

Bei den Landessanitätsdirektionen heißt es, dass die Quarantäne mit regelmäßigen Anrufen kontrolliert wird. Eine Maßnahme, die Freiräume lässt: Wer keine Festnetz-, sondern eine Handynummer angibt, kann sein Zuhause verlassen. Der Amtsarzt kann nicht nachvollziehen, wo sich der Betroffene wirklich aufhält.

Zudem berichtet eine infizierte Niederösterreicherin, dass der Kontakt mit der Behörde abgenommen habe, seit  die Zahl der Kranken so stark ansteigt. Der Grund: Die Ämter gelangen an ihre Kapazitätsgrenzen. Letztendlich müssen sie sich auf die Mitarbeit der Betroffenen verlassen. Meldungen, dass Menschen die Quarantäne missachteten, gab es bis dato nicht.

3. Das soziale Leben lässt sich nicht komplett einschränken

Die  Ankündigung des Kanzlers, alle Veranstaltungen in geschlossenen Räumen mit mehr als 100 Besuchern zu verbieten, versetzte am Dienstag  Veranstalter und Gastronomen in Schockstarre. Hunderte Absagen wurden in den Stunden danach bekannt.

Wie so oft gab es aber sofort auch jene,  die nach Grauzonen suchten: Kinobetreiber etwa beschränkten die Besucherzahl kurzerhand auf höchstens 100 Personen – pro Saal.  Eine Schummelei: Bei mehreren Sälen, die zeitgleich bespielt werden, kommen an den Kassen und Buffets sehr viele Menschen gleichzeitig an einem Platz  zusammen. Die Ansteckungsgefahr bleibt hoch.

Derzeit hält sich die Bevölkerung noch recht strikt an die Empfehlung, private Kontakte im Freundes- und Familienkreis zu minimieren. Doch wird  die Disziplin von langer Dauer sein? Von langer Hand geplante Feste – etwa Hochzeiten – werden wohl kaum verschoben. Im Ernstfall dürfte die Polizei solche Feste zwar auflösen und Gastronomen anzeigen. (Strafmaß: bis zu 1.450 Euro) Allerdings: In Wien etwa sind gar keine Kontrollen vorgesehen.

4. Grenzen können nicht lückenlos kontrolliert werden

Was mit stichprobenartigem Fiebermessen begann, entwickelte sich rasch zur kompletten Grenzschließung am Brenner. Italiener dürfen nur  noch mit Gesundheitszertifikat einreisen, Österreicher müssen sofort  für zwei Wochen in Quarantäne. Zumindest in der Theorie. In der Praxis zeigten sich prompt Probleme: Dutzende Reisende strandeten, weil aus Italien (unkoordiniert)  Züge Richtung Österreich fuhren, die an der Grenze gestoppt werden mussten. Die Polizei hatte Mühe, die Weiterreise der Österreicher zu organisieren. Und: Dass diese wirklich direkt in die Heimquarantäne fahren, kann gar nicht sichergestellt werden.

Wer unbedingt ins Land will, kann das   zudem  per Flugzeug tun: Bis heute kann man problemlos  und unkontrolliert  aus „sicheren“ Städten nach Österreich reisen. Außerdem  grenzt Österreich an sieben weitere Länder, in denen es Infizierte gibt. Wollte man sicherstellen, dass das Virus nicht mehr ins Land kommt, bliebe nur die komplette Sperre des Verkehrs. Das wird nicht passieren.

5. Die Öffis zuzusperren, würde Wirtschaft lahmlegen

Warum wird der öffentliche Verkehr nicht ausgesetzt, obwohl tagtäglich Millionen potenziell Infizierter unterwegs sind?    Die Antwort ist simpel: Auch die Wirtschaft ist längst am Coronavirus erkrankt.  Und in einem Großteil der  Unternehmen braucht es zumindest eine Kernmannschaft, die im Büro ein Organ-  bzw. Systemversagen verhindert. Besonders für den Einzelhandel ist Personal im Geschäft  essenziell.

Käme der Öffi-Verkehr zum Erliegen, wäre unzähligen Menschen der Weg in die Arbeit schwer möglich. Allein die Wiener Linien transportieren täglich
rund 2,6 Millionen Fahrgäste;  in der Ost-Region sind pro Tag rund 600.000 Pendler mit den Zügen der ÖBB unterwegs.

Ist nur einer von ihnen erkrankt, besteht für alle Öffi-Fahrgäste ein Risiko, sich anzustecken. Das ist schlicht nicht zu vermeiden, selbst wenn Züge der ÖBB und aller Verkehrsbetriebe täglich gründlich gereinigt werden. Zumindest ein kleiner Trost ist, dass die Öffis sich mit jeder Hiobsbotschaft weiter leeren. In der Wiener U6 ist im Moment  zu Stoßzeiten ein Sitzplatz zu finden.

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